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Julian Reus verbesserte 2016 den Deutschen Rekord über 100 m bereits zweimal, zuletzt auf 10,01 Sekunden
Julian Reus verbesserte 2016 den Deutschen Rekord über 100 m bereits zweimal, zuletzt auf 10,01 Sekunden © DPA Picture-Alliance

Deutschlands 100-m-Rekordler spricht im SPORT1-Interview über seine Ziele in Rio, das perfekte Rennen, Usain Bolts Pose und die Dopingproblematik im Sprint.

Deutschlands 100-Meter-Hoffnung Julian Reus will bei den Olympischen Spielen in Rio (Vorlauf 100-m-Rennen am Sa. im LIVETICKER) an seine Grenzen stoßen und mit der Staffel um eine Medaille sprinten.

Vorab spricht der deutsche Rekordhalter im SPORT1-Interview über seine Ziele in Rio, Usain Bolt und dessen Pose, Dopingprobleme im Sprint und das perfekte Rennen.

SPORT1: Sie sind erst nach der Eröffnungsfeier nach Rio geflogen. Bereuen Sie das?

Julian Reus: Nein, ich hätte da nicht stundenlang rumstehen wollen. Ich als Sportler fokussiere mich lieber auf den Wettkampf.

SPORT1: Wie viel bedeuten Ihnen Olympische Spiele generell?

Reus: Natürlich ist es schön, dass es Olympia gibt, vor allem um sich zu präsentieren. Viele Sportarten bekommen mal die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben und sonst leider nicht bekommen. Die Gesellschaft braucht das Event, ich jedoch bin glücklich, meine Leidenschaft als Beruf ausüben zu können, was mir mehr bedeutet als die Spiele.

SPORT1: Trotzdem haben Sie vier Jahre auf Olympia hingearbeitet. Heißt es nun "Dabei sein ist alles"?

Reus: Wenn man da vor Ort ist, will man auch die beste Leistung abrufen. Wer nur nach dem Motto "Dabei sein ist alles" lebt, verschenkt sein Potential.

SPORT1: Was konkret sind Ihre Ziele in Rio?

Reus: Mein Ding durchzuziehen. Ich glaube, dann wird auch meine Leistung stimmen. Aber für was es dann genau reicht, kann ich noch nicht sagen. Daran möchte ich auch nicht meine gesamte Saison messen.

SPORT1: Wie groß sind die Chancen auf eine Medaille mit der Staffel?

Reus: Wir kämpfen um eine Medaille. Aber erst mal müssen wir ins Finale laufen. Dann können wir vielleicht über uns hinauswachsen - oder den Konkurrenten unterlaufen Fehler. Wer zweimal Vierter bei einer WM geworden ist, hofft natürlich, dass nun ein klein wenig mehr drin ist.

SPORT1: Wie paradox ist es für Sie, als bester Deutscher aller Zeiten keine realistische Chance auf das 100-m-Finale zu haben?

Reus: Seit Jahrzehnten sind die karibischen und amerikanischen Sportler immer einen Schritt voraus. Ich muss auf mich schauen. Wie kann ich mich verbessern? Ich hab mir nie das Ziel gesetzt, irgendwann Olympiasieger zu werden. Mir geht es um die Leidenschaft. Wenn ich es schaffe, einen guten Wettkampf zu absolvieren, bin ich genauso zufrieden wie andere mit einem Olympiasieg.

SPORT1: Sie wurden zuletzt häufiger mit Usain Bolt verglichen. Betrachten Sie das als Ehre, Motivation - oder einfach nur Quatsch?

Reus: Ich versuche meine Karriere nicht mit anderen zu vergleichen. Wenn die Leute das wollen, können sie mich gerne mit Bolt vergleichen, aber wir sind sportlich und persönlich ganz unterschiedlich.

SPORT1: Ärgert es Sie, dass jedes Kind die Jubelpose von Bolt kennt und Ihre nicht mal die Mehrheit der Deutschen?

Reus: Gar nicht. Wenn es Bolt schafft, Kinder zur Leichtathletik zu bringen, ist das gut. Aufgrund seiner Erfolge der letzten Jahre ist er viel, viel bekannter. Damit habe ich überhaupt kein Problem.

SPORT1: Im 100-m-Finale der Olympischen Spiele in London standen drei Sprinter mit Doping-Vergangenheit, dazu kommt das Tyson Gay nachträglich positiv getestet und gesperrt wurde. Die Hälfte des Laufs hatte also bereits mit unfairen Mitteln zu tun. Es ist nicht auszuschließen, dass Ähnliches in Rio passiert - was löst dieser Gedanke in Ihnen aus?

Reus: Traurigkeit. Die Dopingstatistik im Sprint spricht nicht für sich. Es macht mich traurig und ich nehme das wahr, aber lasse mich davon nicht unterkriegen oder demotivieren. Ich schaue auf mich.

SPORT1: Sie haben gesagt, Sie sind auf der Suche nach dem perfekten Rennen. Sind Sie getrieben davon, Ihre eigene Grenze zu finden - kann man das schon als Geilheit bezeichnen?

Reus: Es ist schon ein Streben und eine gewisse Geilheit, die Details zu finden, die ich noch verbessern kann. Das ist schon etwas, das mich in den langen Trainingsmonaten motiviert.

SPORT1: Sie arbeiten auch mit einer Psychologin zusammen. Woran genau?

Reus: Grundsätzlich ist es wichtig, für sich im Reinen zu sein. Alle äußeren Bedingungen und die Stärke der Konkurrenz kann man nicht beeinflussen. Es geht darum, am Wettkampftag für sich das Bestmögliche herauszuholen und den Trubel, den es bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gibt, auszublenden.

SPORT1: Werbung ist den Athleten bei Olympischen Spielen verboten. Wie stehen Sie dazu?

Reus: Das ist grenzwertig und schwierig, da wir auch auf Sponsoren außerhalb des IOC oder des DOSB angewiesen sind. Ich würde mir wünschen, dass der DOSB sich dafür einsetzt, dass wir eigene Sponsoren präsentieren dürfen. Diese Sponsoren fördern einen auch vier Jahre vorher. Und dann soll ich die Sponsoren eine Woche vor dem Abflug nicht mehr präsentieren?

SPORT1: Sie haben schon eine eigene Marke geschaffen, das JR, sowie ein eigenes Logo und nun den Hashtag  #esprintet kreiert. Wie sehr fühlen Sie sich verpflichtet, eine neue deutsche Sprintszene voranzutreiben?

Reus: Gar nicht. Dem einzigen, dem ich mich verpflichtet fühle, ist mir. Meiner Leistung. Und das mit dem Hashtag ist mehr Spielerei, als dass ich damit ein Ziel verfolge.

SPORT1: Sie trainieren sicher 1000 Trainingsstunden, um eine Hundertstelsekunde schneller zu werden. Warum würden Sie dennoch sagen, dass sich das auszahlt?

Reus: Weil ich jeden Tag mit Spaß zur Arbeit gehe. Dieses Glück hat nicht jeder.

SPORT1: Was passiert, wenn Sie das perfekte Rennen gelaufen sind?

Reus: Wenn man das einmal geschafft hat, gibt es immer noch die Geilheit, das zu wiederholen. Und das wird dann mein nächstes Ziel sein.

SPORT1: Sie lieben Kuchen und müssen derzeit mal wieder verzichten - welches Stück gönnen Sie sich, wenn Sie die 10-Sekunden-Schallmauer in Rio knacken?

Reus: Streuselkuchen, russischer Zupfkuchen,... - da bin ich dann für alles zu haben, ich würde mir jedes Stück Kuchen reinziehen.

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