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Prof. Wilhelm Schänzer-Dopingexperte-Sporthochschule Köln
Prof. Wilhelm Schänzer ist Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln © getty

Der Dopingexperte Prof. Wilhelm Schänzer hat sich von der russischen Doping-Affäre nicht überrascht gezeigt.

"Die Problematik ist nicht neu. Das Kontrollsystem in osteuropäischen Ländern funktioniert nicht so gut wie in westlichen Ländern. Die Doku hat gezeigt, dass man bei russischen Athleten nicht davon ausgehen kann, dass sie in Russland nach den Standards der Weltantidopingagentur (WADA) kontrolliert werden", sagte Schänzer zu SPORT1.

Die "ARD"-Dokumentation "Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht" hatte am Mittwoch zahlreiche Zeugenaussagen und belastende Dokumente zu systematischem Doping im russischen Spitzensport geliefert.

Für Schänzer ist der Hauptgrund klar. "Internationale Kontrolleure bekamen in Russland oft nicht den Zugang, den sie gerne gehabt hätten. Diese Kontrolleure müssen dort zukünftig ohne Probleme kontrollieren und die Proben in zuverlässigen Ländern messen lassen können. Erst dann sollten Athleten an internationalen Wettkämpfen teilnehmen dürfen", fordert Schänzer.

Um den freien Zugang zukünftig zu gewährleisten, nimmt Schänzer den IOC in die Pflicht: "In vielen Ländern haben wir schon Verbesserungen erzielt, aber es wartet noch viel Arbeit. Der IOC muss auch einmal sagen: 'Wir lassen bei Olympia nur Sportler zu, die im Vorfeld entsprechend nach den Standards der Weltantidopingagentur kontrolliert wurden.'"

Schänzer glaubt aber nicht, dass das ein rein russisches Problem ist. "Wir haben in der Vergangenheit viele positive Fälle in osteuropäischen Ländern gehabt. Da liegt der Verdacht nahe, dass man auch in Ländern wie Weißrussland, Ukraine oder der Türkei das Kontrollsystem deutlich verbessern muss" sagte der Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Die Diskuswerferin Jewgenia Pecherina behauptet in der Sendung sogar, dass "der größte Teil der Athleten dopt, 99 Prozent".

Diese Einschätzung teilt Schänzer aber nicht: "Ich glaube nicht, dass 99% dopen. Bei Athleten, die nur vom eigenen Kontrollsystem erfasst und von internationalen Kontrolleuren nicht ausreichend kontrolliert wurden, ist die Doping-Wahrscheinlichkeit aber sehr hoch."

Besonders betroffen soll der Ausdauersport sein, was zahlreiche Dopingfälle in den vergangenen Jahren nahe legen.

"Gerade im Ausdauerbereich zweifelt man, ob die Spitzenleistungen ohne Doping zustande kamen. Solange es aber keine klaren Hinweise gibt, das Doping im Spiel war, würde ich das nicht behaupten. Wenn man jedoch weiß, da sind Athleten vorne, die aus Ländern wie Russland kommen, hat man natürlich Zweifel", sagte Schänzer.

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