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Melbourne - Das Finale der Cricket-WM ist für europäische Zuschauer aus mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Die Kontrahenten Australien und Neuseeland gehen schnell zum Tagesgeschäft über.

Das Finale der Cricket-WM begann aus australischer Sicht sensationell: Drei neuseeländische Schlagmänner verabschieden sich schon innerhalb der ersten Stunde. "Hell no!", fährt es aus Matt heraus, inmitten des Jubels in Gelb und Grün. Gerade hat Brendan McCullum sein Wicket verloren, Neuseelands Kapitän ist also raus.

In Bewegung ist man auch als Zuschauer. "Excuse me, mate", "Dürfte ich mal?" Links und rechts, hoch und runter. Zwei Stunden sitzen kann jeder, höchstens in der Halbzeit ab zum Pinkeln. Ein One Day International im Cricket kann aber auch mal so lang dauern wie ein Arbeitstag.

Die für den mitteleuropäischen Hintern langen Phasen des Nichts im Spiel überbrücken Anekdoten aus dem letzten Urlaub. Das Stadion als Kaffeeküche. Und natürlich der gern genommene Gang ins Innere des Melbourne Cricket Grounds, dieses Monuments der Sportnation Australien.

Allein hier ließen sich acht Stunden herumbringen, vorbei an überteuerten Bars, Ständen mit Frittiertem, Souvenirs und riesigen Holztafeln mit Bestleistungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Überall sieht man Schnurrbärte in Schwarzweiß.

Australia v New Zealand - 2015 ICC Cricket World Cup: Final
Vor der Rekordkulisse von 93.013 Zuschauern im Melbourne Cricket Ground wurde Australien Weltmeister © Getty Images

Im Vorfeld gab es die üblichen Witze der Australier über die "sheepshagger" - also die, die Unzucht treiben mit den vielen Schafen in ihrem Land. Die Boulevardpresse bemühte sich um Feuer: "Wir würden uns ja gerne als Gastgeber von unserer besten Seite zeigen", schrieb die Herald Sun, "aber wie soll das gehen, wenn wir kein Wort von dem verstehen, was die Typen erzählen?"

Witze über den Akzent des jeweils anderen gibt es natürlich auch hier. Doch am Ende ist die Sache nicht halb so wild in Sachen Rivalität. Australiens Kapitän Michael Clarke und sein Gegenüber McCullum betonten schon beim Vorrundenspiel dieser beiden, wie gut sie sich verstehen.

Wenn es gegen England geht, giften Fans und Spieler, auch gegen Indien geht es gerne hoch her. Hier spielen aber die beiden Gastgeber und besten Mannschaften des Turniers gegeneinander,. Erfolgreiche Schläge der Neuseeländer bekommen auch australischen Applaus.

"Das Größte wäre ein Sieg im WM-Finale gegen England", sagt Phil, ein weißbärtiger Australier, dessen Trikot schon bessere Zeiten gesehen hat: "Aber die sind so schlecht, dass ich das nicht mehr erleben werde. Hier zu Hause im MCG gegen die den Titel zu holen, ist aber auch unglaublich. 1992 konnte ich mir kein Ticket leisten, jetzt habe ich ein Jahr lang dafür gespart." Damals fand die WM zum ersten Mal in Australien und Neuseeland statt.

Leidenschaft gerne, aber bei allem darüber hinaus versteht man hier keinen Spaß. Wer andere beleidigt, fliegt aus dem Stadion und kann auch gerichtlich belangt werden. Eine SMS reicht, um einen Vorfall zu melden. Die Nummer wird immer wieder eingeblendet. Genau wie der Hinweis: Flitzer zahlen 8600 australische Dollar Strafe.

Was einen Zuschauer aber nicht davon abhält, schon während der Nationalhymnen über den Platz zu spurten. Knapp 6000 Euro muss er umgerechnet dafür blechen.

Der Rest des Spiels ist schnell erzählt: Neuseeland verliert weiter stetig Wickets, schafft nur 183 Runs. Deutlich zu wenig. Die Sache ist im Grunde entschieden, da scheint noch die Sonne ins mächtige Rund und Australien hat noch nicht einen Ball geschlagen. Unter dem Druck zerkrümelt der Außenseiter.

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Australien wurde zum fünften Mal Cricket-Weltmeister © Getty Images

"Ich hatte mich so auf ein spannendes Spiel gefreut", klagt der Australier Dave. "Aber die Neuseeländer sind viel zu eingeschüchtert."

Um 21.05 Uhr Ortszeit schlägt Steve Smith den entscheidenden Ball, fast eineinhalb Stunden vor dem prognostizierten Ende der Partie. Australien gewinnt seinen fünften Titel, baut seine Dominanz im Weltcricket aus. Vor offiziell 93.013 Zuschauern.

Man stelle sich vor, Deutschland hätte 2006 die Fußball-WM in Berlin gewonnen, die Party wäre vermutlich erst mit dem Triumph im letzten Jahr ausgeklungen. Aber hier sind wir immer noch beim Cricket. Applaus umrundet mit den Siegern das Stadion, man ist zufrieden. Gewinner kennt man hier. Und beim Cricket rasten höchstens die Inder komplett aus.

Man kennt sich. Fast eine habe Million Neuseeländer leben und arbeiten in Australien. Greig, australisches Trikot, gibt Ian , neuseeländisches Trikot, die Hand: "See you tomorrow at work."

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