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München - Der Tod von El Hijo del Perro Aguayo beschäftigt die staatlichen Behörden - während Beobachter über die Umstände der Tragödie rätseln. SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen.

Hierzulande war er nicht so bekannt wie die Wrestlerkollegen aus der WWE.

In Mexiko aber war Pedro Aguayo Ramirez, genannt El Hijo del Perro Aguayo, einer der größten Stars des Schaukampfgewerbes.

Weil Wrestling dort Volkssport ist, berichten die Medien des Landes in großen Titelgeschichten über den Tod des 35-Jährigen.

Wrestling El Hijo del Perro Aguayo
Wrestler Daniel Lopez (El Satanico) wird am Rande von Aguayos Beerdigung von Journalisten umringt © Getty Images

Weil Aguayo im Ring gestorben ist, macht sein Fall aber auch hier Schlagzeilen - nicht zuletzt deshalb, weil er den Sport betrieben hat, dem sich der frühere Fußballnationaltorwart Tim Wiese bald widmen könnte.

Die Tragödie um Aguayo erinnert daran, dass Wieses mögliche Zweitkarriere keine ungefährliche ist.

SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Woran genau starb Aguayo?

Aguayo sollte den 619 einstecken, eine berühmte Aktion seines Gegners Rey Mysterio - zu dessen Vorbereitung der Gegner per Sprungtritt mit dem Halsbereich voran in die Stahlseile befördert wird.

Bei genau diesem Manöver verletzte sich Aguayo. Unklar ist weiter nur, ob beim Tritt oder - was wahrscheinlicher ist - durch den Zusammenprall mit dem Seil, entweder bei seiner eigenen Landung oder der seines Partners Manik, der die Aktion mit ihm einstecken sollte.

Todesursache war nach Aussage des behandelnden Arztes Herzstillstand infolge eines Wirbelsäulentraumas.

El Hijo del Perro Aguayo wurde am Sonntag in Guadalajara beigesetzt © Getty Images

Warum wurde der Kampf fortgesetzt?

Auf dem Video der Veranstaltung ist zu sehen, dass Gegner und Partner Aguayos Verletzung spätestens in dem Moment realisierten, als der Mysterios Aktion nicht wie geplant auswich.

Die Show setzten sie nach kurzem Zögern trotzdem noch rund eine Minute fort, der am Ring anwesende Wrestler und Promoter Konnan versuchte währenddessen, erste Hilfe zu leisten.

Die staatliche Athletikkommission, die bei Wrestlingveranstaltungen über den Gesundheitsschutz wacht, fand das so in Ordnung: "Der Ruf nach medizinischer Versorgung war schnell, meiner Meinung nach", sagte Juan Carlos Pelayo, ihr Präsident, bei einer Pressekonferenz.

Unüblich ist das Weiterkämpfen nicht: Es ist im Gewerbe Sitte, auch bei echten Verletzungen den Kampf nicht sofort abzubrechen, sondern stattdessen ein schnelleres Ende des Matches zu improvisieren. Die Show muss weitergehen, der Schein gewahrt werden - die Einstellung ist im Wrestling tief verankert.

Müssen sich die Beteiligten Fehler vorwerfen?

Einzelne Fans werfen Gegner Rey Mysterio vor, Aguayo "getötet" zu haben, es gab deshalb gar Morddrohungen gegen Mysterio. Eine korrekte Einordnung des Passierten ist das nicht.

Rey Mysterio Wrestling WWE El Hijo del Perro Aguayo
Rey Mysterio bei einem WWE-Kampf gegen Chris Jericho (Archivbild) © Getty Images

Jede Aktion in den Showkämpfen basiert auf einem Miteinander der Gegner: Einer teilt die Aktion aus, einer steckt sie ein, Fehler können folglich die des einen, des anderen, von beiden oder ein schlichter Unfall sein. Es sieht in dem Fall alles nach Letzterem aus.

Die andere Frage ist die, ob der Tod Aguayos durch eine bessere Versorgung hätte verhindert werden können.

Schief lief tatsächlich einiges: Der Ringarzt konnte sich nicht direkt um Aguayo kümmern, weil der noch einen anderen Wrestler behandelte. Auch eine Trage zur Stabilisierung des verletzten Nackens stand deshalb nicht zur Verfügung, Aguayo wurde auf einer Holzplatte abtransportiert.

Unglücklich auch: Wrestlerkollege Konnan, der sich als erstes um Aguayo kümmerte, versuchte den Bewusstlosen mehrfach durch Schütteln zu Bewusstsein zu bringen - ohne zu merken, dass der Nackenbereich das Problem war.

Pures Unglück oder Fahrlässigkeit? Die örtlichen Behörden haben eine Totschlags-Untersuchung eingeleitet, um das zu klären.

Gab es ähnliche Fälle?

Ja, der bekannteste: Mitsahuru Misawa, einer der größten Stars des japanischen Wrestling, blieb 2009 nach einem Suplex, einem Überwurf seines Gegners reglos liegen und starb 46-jährig.

Mitsuharu Misawa starb 2009 unter ähnlichen Umständen wie El Hijo del Perro Aguayo im Ring
Mitsuharu Misawa starb 2009 unter ähnlichen Umständen wie El Hijo del Perro Aguayo im Ring © Getty Images

Auch bei Misawa soll Herzstillstand infolge eines Wirbelsäulentraumas die Ursache gewesen sein. Eine offizielle Bekanntgabe der Todesursache ist auf Wunsch seiner Familie nie erfolgt.

Weitaus häufiger als an Unfällen sterben Wrestler an den mittelbaren Folgen ihrer Profession - Schmerzmittelmissbrauch, Doping und Drogen, körperlicher Raubbau.

Bei Chris Benoit, dem WWE-Wrestler, der 2007 seine Ehefrau, sein Kind und sich selbst umbrachte, stellten Neurowissenschaftler hinterher schwerste Gehirnschädigungen fest. Der Leiter der Untersuchung verglich es mit dem eines 85 Jahre alten Alzheimer-Patienten.

Benoits bekannteste Aktion war ein Diving Headbutt, ein Sprung von den Seilen, bei dem er den Gegner mit dem Kopf traf.

WWE Wrestling - Tod von El Hijo del Perro Aguayo
Kofi Kingston und The Miz bei einem WWE-Showkampf in Hamburg 2012 © Getty Images

Sind die Veranstaltungen der US-amerikanischen WWE sicherer?

Tatsächlich ist noch nie ein WWE-Wrestler als Folge eines Kampfunfalls gestorben, Unglücke aber gab es ebenso. Owen Hart, jüngerer Bruder von Bret "Hitman" Hart stürzte 1999 tödlich bei einem unzureichend gesicherten Einlauf-Stunt, in dem er von der Hallendecke in den Ring abgeseilt wurde. Wrestlerkollege Darren Drozdov landete im selben Jahr bei einer missglückten Aktion auf dem Kopf und im Rollstuhl.

Die Umstände von Aguayos Tod zeigen, dass sich die Gefahr für Leib und Leben im Wrestling nur verringern, aber nicht ausschließen lässt.

Aguayo war ein Veteran mit zwei Jahrzehnten Ringerfahrung, Gegner Mysterio ist noch länger im Geschäft, seine 619-Aktion die populärste in seinem Repertoire, tausendfach eingeübt und ausgeführt. Das Restrisiko, dass eine Aktion einen ungeplanten, im schlimmsten Fall tödlichen Verlauf nimmt, lässt sich schlicht nicht wegtrainieren.

"Wir alle riskieren unser Leib und Leben, um zu unterhalten", sagt der britische Wrestler Magnus als Reaktion auf die Aguayo-Tragödie.

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