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Stefan Bradl hat in Aragon als Vierter das Podium knapp verpasst

SPORT1-Experte Alex Hofmann rät Stefan Bradl zu mehr Risiko. WM-Leader Marc Marquez habe sich auch wegen des Publikums verzockt.

Liebe Motorsport-Freunde,

schon die gesamte Saison über sehen wir spektakuläre Rennen, aber dieses Wochenende in Aragonien war doch noch einmal etwas ganz Besonderes.

Wenn nach zwei Tagen mit Sonnenschein auf einmal solche Mischbedingungen aufkommen und Flag-to-Flag (Flaggen zeigen den Fahrern, dass die Rennleitung das trocken gestartete Rennen jetzt als Regenrennen ansieht, was einen Motorradwechsel erlaubt, Anm. d. Red.) angesagt ist, ist eben alles möglich.

Das ist dann ein bisschen Lotterie, aber auch ein bisschen Zocken, wann man an die Box fährt, um auf ein Motorrad mit der passenden Reifenmischung zu wechseln.

Das ist wirklich eine reine Instinktgeschichte. Anders als in der Formel 1 entscheiden die Fahrer komplett alleine, wann sie das Motorrad wechseln. Das war ein Rennen mit ganz vielen Möglichkeiten, wenn man richtig spekuliert und die Situation gut eingeschätzt hat.

Marc Marquez hat sich komplett verzockt, er ist zu lange draußen geblieben und konnte seine Maschine dann nicht mehr kontrollieren. Aber der Junge ist auch erst im zweiten Jahr in der MotoGP, und da muss man eben Sachen lernen.

Fakt ist aber, dass er so ein feinfühliger und guter Rennfahrer ist, dass er in so einer extremen Situation mit Slicks in der Lage ist, sehr lange gute Rundenzeiten zu fahren. In so einem Moment muss er dann kalkulieren: Wie viele Runden sind es noch? Wie viel würde ich beim Boxenstopp verlieren? Und das passiert alles, während er mit 300 die Gerade runterknallt. Da trifft man schnell mal eine Fehlentscheidung. 

Er wollte dort einfach unbedingt gewinnen, es ist ja quasi sein Heim-Grand-Prix. Familie und Freunde waren alle versammelt und er hat das Risiko genommen. Auch weil er weiß, dass ihm die Meisterschaft nicht mehr zu nehmen ist. Ob er den Titel in Japan, Malaysia oder Australien holt, ist ihm eigentlich egal.

Dieses Selbstvertrauen von Marquez geht Stefan Bradl ab. Bei ihm wäre auf jeden Fall das Podium drin gewesen. Aber ohne Selbstvertrauen und Überzeugung macht man natürlich in der MotoGP keine großen Schritte.

Er war am Sonntag zwischen zwei Fronten: Riskiere ich es, abzufliegen und danach ohne Punkte da zustehen, oder riskiere ich es nicht, verpasse dadurch aber die große Chance, aufs Podium zu fahren. Ich glaube, er wollte einfach mal eine Resultat nach Hause bringen und nicht wieder im Kies liegen.

In Übersee kommen jetzt drei Rennen, die ihm alle liegen, und dann hoffe ich, dass er endlich mal wieder einen raushaut. 

Er muss jetzt in den verbleibenden Rennen unbedingt zeigen, was er draufhat, denn das nächste Jahr wird ein sehr schwieriges für ihn. Die nächste Saison wird zeigen, wo die Richtung hingeht. Die Klasse wird noch härter, und dann muss Stefan wirklich die Ärmel hochkrempeln und den Hammer auspacken.

Die Luft in der Spitze so dünn, dass es für ihn sonst ganz schnell wieder in die andere Richtung gehen kann.

Er gehört dorthin, muss aber im nächsten Jahr zeigen, wie sehr er es will.

Euer

Alex Hofmann

Alex Hofmann (@Alex_66), Jahrgang 1980, wurde 1998 Deutscher Meister und Europameister in der 250-cm³-Klasse. Von 2002 bis 2007 war er in der MotoGP, der Königsklasse des Motorradsports, aktiv . Seit 2009 ist Hofmann, der fünf Sprachen fließend spricht, SPORT1-Experte und -Kommentator. In seiner Kolumne befasst er sich nach jedem Rennwochenende mit dem aktuellen Geschehen in der MotoGP, der Moto2 und Moto3.

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