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Timo Scheider als Teamchef in der ADAC Formel 4
Timo Scheider als Teamchef in der ADAC Formel 4 © Imago

Nürburgring - Sein Hauptberuf ist DTM-Pilot. Seine Berufung ist aber auch sein eigener Rennstall in der ADAC Formel 4. Bei SPORT1 spricht Timo Scheider über seinen Doppeljob.

Stress sieht man Timo Scheider nicht an. Schlechte Laune auch nicht. Im Gegenteil.

Dabei hätte der zweimalige DTM-Champion allen Grund dazu. Denn in der Tourenwagenserie läuft es mal wieder überhaupt nicht für ihn, nach fünf Rennwochenenden rangiert der Routinier am Ende der Fahrerwertung und befindet sich in einer ausgewachsenen Krise.

Ablenkung findet der 37-Jährige immerhin bei seinem zweiten großen Projekt, dem eigenen Team in der ADAC Formel 4 (Samstag und Sonntag LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM). Auch wenn das für ihn einen vollen Terminplan nach sich zieht.

"Ich habe da Bock drauf"

Natürlich könnte er sich gemeinsam mit seiner Verlobten Jessica und dem Nachwuchs in der Sommerpause der DTM die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Warum er sich das alles "antut"? Ganz einfach: "Ich habe da Bock drauf", sagt Scheider im Gespräch mit SPORT1.

(Timo Scheider im SPORT1 Boxenfunk - Der Motorsport Talk, am 24. August ab 22 Uhr im TV auf SPORT1)

Und das, obwohl er in seiner zweiten Saison in der Nachwuchsserie mit allerlei Unwägbarkeiten zu kämpfen hat. Mit drei Autos in die Saison gestartet, fährt die Mannschaft aktuell nur mit zwei Boliden, dazu mit einem Fahreraufgebot, das sich während der Saison drastisch verändert hat.

Mauro Auricchio
Der Brasilianer Mauro Auricchio ließ Timo Scheider von heute auf morgen im Regen stehen © ADAC Motorsport

Kenneth Gulbrandsen konnte nach drei Rennwochenenden das notwendige Geld nicht mehr aufbringen, Mauro Auricchio verschwand von heute auf morgen von der Bildfläche und ließ das Team im Regen stehen.

Scheider hatte dem Brasilianer die ersten Rennen sogar vorfinanziert. Etwas, das er eigentlich gar nicht machen wollte. Und nun natürlich auch nie wieder tun wird. (DTM - das 1. Rennen in Moskau Sa., 18.30 Uhr im TV auf SPORT1)

"Wir haben ihm vertraut - und wir sind richtig auf die Nase gefallen. Das ist eine harte Nummer, die uns alle wachgerüttelt hat", sagt Scheider. Rookie Julian Hanses ist weiterhin an Bord, neu ist dafür der erfahrene Janneau Esmeijer.

Riesiges Budgetloch

Die Nacht- und Nebelaktion Auricchios hat ein riesiges Budgetloch in die Kalkulation gerissen. Grundsätzlich muss ein kleines Team wie das von Scheider schauen, wie es über die Runden kommt. Da ist es natürlich wenig hilfreich, wenn wie zuletzt bei Tests in Spielberg ein Bolide nach einem Crash dann auch noch einen Totalschaden erleidet.

Autos vom Team Scheider vor der Garage
Aktuell hat das Team Scheider nur noch zwei fahrtüchtige Formel-4-Boliden zur Verfügung © ADAC Motorsport

Denn der laufende Betrieb wird durch die Budgets der Fahrer sowie Sponsoren und Partner getragen, das Geld geht zum Großteil in Auto und Technik. "Als kleines Team muss man sich die Sporen aber erst verdienen, der Sponsorenmarkt ist zudem nicht einfacher geworden", erklärt Scheider. (DTM - das 2. Freie Training Sa., 8.30 Uhr im LIVESTREAM)

Zum Start seines Projekts hat Scheider Eigenmittel investiert. Alles, was rund um das Teamzelt an der Strecke steht, gehört ihm - auch die Autos, die 60.000 Euro kosten.

Bei der Finanzierung kommt es natürlich grundsätzlich immer auf den eigenen Anspruch an, für einen halbwegs ambitionierten Auftritt sind mindestens 200.000 Euro notwendig, hinzu kommen dann Kosten für Testfahrten, Schäden sowie Reisekosten.

Talent soll im Vordergrund stehen

Investitionen von 350.000 bis 400.000 Euro pro Saison sind bei anderen Teams nicht unüblich. "Das ist für eine Nachwuchsserie in meinen Augen zu viel Geld. Die Serie hat super eingeschlagen, aber man muss die Kosten im Blick haben", meint Scheider. Das Talent solle mehr im Vordergrund stehen als die Finanzen.

Video

Seine romantische Idealvorstellung: Mit Mama, Papa, dem Anhänger und dem Zelt an die Strecke, ab ins Auto und konkurrenzfähig sein. "Die Entwicklung geht leider dahin, dass alles professioneller, besser, größer, schöner und glamouröser geworden ist. Das ist schade, weil wir über den Nachwuchs sprechen", klagt er.

Momentan ist der ganze Spaß für ihn dann auch erst mal ein Investment. Und Scheider hat theoretisch auch kein Problem damit, den Stecker zu ziehen, sollte es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht funktionieren.

Das Ziel: "Nach zwei, drei Jahren muss das Kind das Laufen gelernt haben, und dann muss auch Geld zurückkommen. Jetzt geht es darum, die Saison sauber zu Ende zu bringen und uns weiter in die richtige Richtung zu entwickeln." Was noch fehlt, sind die Ergebnisse. Momentan hat sein Team 14 Punkte gesammelt.

Spaß an der Arbeit mit dem Nachwuchs

Dass er trotz allem Spaß an der Arbeit mit dem Nachwuchs hat, merkt man ihm an. Freude auch an den Rückschlägen, der Weiterentwicklung, den kleinen und großen Erfolgserlebnissen.

Er selbst ist in die neue Rolle hineingewachsen, jongliert mit dem Budget, kennt alle Ausreden seiner Fahrer, hat als Teamchef seine klaren Vorstellungen. Und kämpft auch schon mal mit Eltern, die in ihrem Nachwuchs den kommenden Michael Schumacher sehen.

"Von der Struktur her haben wir uns deutlich verbessert und einen riesigen Schritt gemacht. Ich bin der, der die Ansagen macht, bin aber auch ein Teil von ihnen. Wir liegen alle auf einer Wellenlänge", sagt Scheider.

Hat er angesichts der Krise in der DTM schon mal darüber nachgedacht, dass das alles möglicherweise zu viel sein könnte?

"Der Gedanke kam auch schon mal. Es ist viel, ich sage aber nicht, dass das eine das andere beeinflusst. Priorität hat die DTM, und wenn Zeit ist, kommt der Rest. Es ist immer gut, wenn man sich vom Hauptbusiness ablenken kann, das befreit auch", sagt Scheider. Und vertreibt dann auch die schlechte Laune.

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