Peter Kohl fordert nach dem Unfall von Jules Bianchi eine Analyse mit Augenmaß. Schuldzuweisungen seien fehl am Platz.

Suzuka hat schon viele Geschichten der Formel 1 geschrieben, in den bisherigen 26 Rennen hier ist bereits 11 Mal die Titelentscheidung in der Königsklasse gefallen. Der schwere Unfall von Jules Bianchi ist ein Anlass, der es sinnvoll erscheinen lässt, diese Kolumne anders als sonst zu gestalten.

Der Unfall von Jules Bianchi mit seinen verheerenden Folgen wird uns noch lange beschäftigen. Motorsport ist gefährlich, das muss jedem klar sein, der sich daran beteiligt oder sich damit beschäftigt.

Die FIA hat seit den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in Imola 1994 extrem große und umfassende Anstrengungen unternommen, um die Sicherheitsstandards immer wieder zu erhöhen und zu verbessern.

Regenrennen hat es schon immer gegeben, sie sind Bestandteil des Motorsports. Die Rennleitung war sehr umsichtig beim Start, viele Beobachter weltweit waren sogar der Auffassung, sie sei übervorsichtig gewesen.

Die Unterbrechung nach drei Runden hinter dem Safety Car war wohl überlegt und richtig. Die Rennfreigabe nach einer Pause ebenfalls. Die Strecke war soweit abgetrocknet, dass alle bereits nach wenigen Runden mit Intermediates gefahren sind, Vollregenreifen waren nicht mehr notwendig.

Auch zum Zeitpunkt des Abfluges von Adrian Sutil waren bis auf Magnussen alle noch mit Intermediates unterwegs, obwohl der Regen wieder stärker wurde. Dass es Unfälle bei Regen gibt, ist nicht ungewöhnlich. Der Einschlag von Adrian Sutil war so gesehen nichts Besonderes, und er war auch nicht weiter tragisch. Das folgende Horrorszenario dagegen schon.

An der Unfallstelle wurden doppelt Gelbe Flaggen geschwenkt - heißt für jeden Rennfahrer: Vorsicht, Unfallstelle, Tempo derart reduzieren, dass sofortiges Anhalten im Bedarfsfall möglich ist. Zudem muss Bianchi die Information über Boxenfunk erhalten haben, dass in der betreffenden Kurve ein Bergefahrzeug unterwegs ist.

Warum Bianchi an dieser Stelle die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hat, wissen wir nicht. Hat er bei bereits diffusem Licht die Gelben Flagen nicht gesehen? Gab es ein technisches Problem an seinem Marussia? War es eine Fehleinschätzung der Verhältnisse durch den Fahrer?

Viele Fragen, auf die es derzeit keine Antworten gibt. Mit dem Finger auf die Veranstalter oder Streckenposten zu zeigen, weil man unbedingt einen Schuldigen braucht, halte ich für falsch.

Soweit ich das beurteilen kann, haben alle Beteiligten ihren Job gemacht, wie hunderte andere Male auch, und so, wie es das Reglement vorsieht. Dass Bianchi ausgerechnet auf diesen wenigen Metern einer 5,8 km langen Rennstrecke abfliegt, auf denen weit abseits ein Bergefahrzeug unterwegs ist und mit diesem auch noch kollidiert, ist eine fatale Verkettung vieler unglücklicher Umstände. Trotz der hohen Sicherheitsstandards wird immer ein Restrisiko bleiben.

Trotzdem darf man die Augen nicht mit diesem Argument schließen. Was jetzt notwendig ist, ist eine detaillierte Analyse der Geschehnisse, nicht geleitet durch Emotionen, sondern durch Verstand. Motorsport ohne Risiken gibt es nicht und wird es nie geben. Egal, wie sich Materialien, Reglements und Rennstrecken auch verbessern.

Es geht darum, diese Risiken so weit wie es geht zu minimieren. Wenn die Sachverständigen zu der Auffassung gelangen, dass dieser Unfall hätte verhindert werden können, wenn im Falle der Bergung eines liegen gebliebenen Fahrzeuges grundsätzlich das Safety Car ausrückt, dann muss es diese Regeländerung geben. Nicht nur in der Formel 1, sondern in allen Klassen im Motorsport.

Aber auch das ist kein Allheilmittel. Dass man hinter einem Safety Car in Schwierigkeiten geraten kann, hat der 360-Grad-Dreher von Marcus Ericsson in Suzuka gezeigt.

Ihr Peter Kohl

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