Von Tobias Wiltschek und Carsten Arndt

München - Die Verantwortlichen der FIA dürften erleichtert aufgeatmet haben, als Nico Rosberg in Sao Paulo über die Ziellinie fuhr.

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sein Teamkollege Lewis Hamilton auch in Interlagos triumphiert und damit seinen Vorsprung in der WM auf mehr als 25 Zähler ausgebaut hätte.

Showdown in Abu Dhabi

Mit seinem Sieg hat der Deutsche dafür gesorgt, dass die Diskussionen um "Abu Double" und die absurde Regel der doppelten Punktzahl beim letzten Rennen etwas geringer ausfallen werden.

Denn der Rückstand von jetzt 17 Punkten, wäre auch bei "normaler " Wertung" aufzuholen gewesen.

Der Automobilverband bekommt nun also den gewünschten Showdown und hat es geschafft, mit der "Anti-Vettel-Regel" die Spannung bis zum letzten Rennen aufrecht zu erhalten.

Doch hat Rosberg den Titel überhaupt verdient? Pro und Contra von SPORT1.

Es sah zuletzt nicht gut aus für Nico Rosberg.

Fünfmal musste er mitansehen, wie Lewis Hamilton Rennen um Rennen gewann und scheinbar schwerelos dem Titel entgegenflog.

Doch der Schein trog. Weil Rosberg vor Hamiltons Siegesserie einen Vorsprung von 29 Punkten hatte und anschließend bis auf den Ausfall von Singapur immer Zweiter wurde, hatte der Deutsche den Kontakt zu seinem Stallrivalen nie verloren.

Und jetzt, nach seinem bravourösen Sieg von Sao Paulo, ist er eben wieder bis auf 17 Punkte dran an Hamilton und hat wieder realistische Chancen auf den WM-Titel. (DATENCENTER: WM-Stand Fahrer).

Warum also sollte er kein verdienter Weltmeister sein?

Ein Sieg in Abu Dhabi und Platz drei für den Briten. Das klingt nicht nach einer unmöglichen Mission, und das ist es auch nicht. (SHOP: Jetzt Motorsport-Artikel kaufen).

Dafür reicht ein Blick in die Historie des Wüstenrennens. 2010 ging Fernando Alonso als WM-Spitzenreiter ins Finale und hätte nur Vierter werden müssen, um Weltmeister zu werden. Er wurde Siebter und musste anschließend Rennsieger Sebastian Vettel auch noch zum WM-Titel gratulieren.

Rosberg hat bei seinem Start-Ziel-Sieg in Brasilien bewiesen, dass er rechtzeitig auch die mentale Stärke wiedererlangt hat und ein Rennen nicht nur gewinnen, sondern dominieren kann.

Und ein Abonnement auf einen der ersten beiden Plätze hat auch Hamilton in diesem Jahr nicht.

Klar, beim bisher geltenden Reglement hätte dem Champion von 2008 auch ein sechster Platz auf dem Yas-Marina-Circuit für den Titel gereicht.

Aber die Einführung der doppelten Punktevergabe beim letzten Saisonrennen hat sich Rosberg nicht ausgedacht. Dass er davon profitieren würde, kann man ihm nicht vorwerfen.

Er hätte sich den Titel aber auch verdient, weil er seinem Mercedes-Team gegenüber unbedingte Loyalität bewiesen hat. Auch deshalb haben die Silberpfeile mit ihm langfristig verlängert, während Hamiltons Zukunft nach 2015 noch nicht gesichert ist.

Dass Rosberg nach dem umstrittenen Crash mit seinem Teamrivalen in Spa öffentlich einen Fehler eingestanden hat, haben viele als duckmäuserisch bezeichnet. Mehr aber noch ist es Zeichen seiner Charakterstärke.

Die macht ihn zu einem der anerkanntesten und sympathischsten Botschafter Deutschlands in der Welt.

Den Titel im gnadenlosen Business Formel 1 bekommt er dafür natürlich nicht geschenkt. Aber er hat die nötige Power, den nötigen Ehrgeiz und das nötige taktische Geschick, um auch in der Königsklasse des Motorsports der Beste zu sein.

Bei allem Patriotismus - der Weltmeister sollte in diesem Jahr aus dem Vereinigten Königreich kommen.

Keine Frage, Rosberg hat in Sao Paulo eine starke und vor allem - im Gegensatz zu Hamilton fehlerfreie Leistung gezeigt und bewiesen, dass er aus dem Schnitzer in Austin gelernt hat. Dennoch ist Hamilton über das Jahr gesehen klar der schnellere Mann.

Doppelt so viele Siege, klare Vorteile im direkten Duell - Hamilton hat mehrfach bewiesen, dass er (zumindest in dieser Saison) der bessere und vor allem auch kompromisslosere Racer ist.

Mitte der Saison schien es, als wäre auch Rosberg im Krieg der Sterne endlich auf die dunkle Seite der Macht gewechselt, doch spätestens nach dem Eklat in Spa, als er mit Hamilton kollidierte, gab es die Rückkehr zu "Mr. Nice Guy".

Natürlich war es fragwürdig, wie ihn das Team im Anschluss öffentlich an den Pranger stellte, dennoch hätte er sich davon nicht derart beeinflussen lassen dürfen. Nicht nur Sebastian Vettel äußerte die Meinung, dass Rosbergs Manöver in einem "normalen Rennunfall" endete.

Rosberg hingegen schluckte die bittere Pille und nahm die Schuld öffentlich auf sich und begrub damit sein eigenes Ego.

Große Champions wie Schumacher, Senna oder Prost galten allesamt als unbequeme und nur auf ihren eigenen Erfolg getrimmte Piloten. In Sachen Egoismus ist auch Hamilton, der sich zuletzt selbst als Raubtier bezeichnete, in diese Kategorie einzuordnen.

Zwar betont auch der Brite immer wieder, wie wichtig ihm der Konstrukteurs-Titel sei, doch Aktionen wie die verweigerte Stallorder in Ungarn sprechen eine andere Sprache.

Rosberg hingegen wirkte nach dem Grand Prix in Belgien wie ein zahmes Kätzchen. Immer wenn der selbsternannte Panther im Rückspiegel auftauchte, schlotterten dem Deutschen die Knie - so gesehen in Monza und Austin.

Wenn er aber nun nach dem vorletzten auch das letzte Rennen gewinnt, müsste Hamilton aufgrund der neuen Regel mindestens auf Rang zwei fahren um seinen zweiten Titel nach 2008 zu sichern.

Angesichts der drückenden Überlegenheit der Mercedes-Boliden sollte ihm das allerdings nur wenig Sorgen bereiten. Zwölf Doppelsiege und damit einer mehr als das legendäre McLaren-Duo Senna/Prost verdeutlichen die Dominaz.

Der Brite könnte, vorausgesetzt sein Auto macht ihm keinen Strich durch die Rechnung, ohne ans Limit gehen zu müssen, sein Programm abspulen und sich Platz zwei - und damit den Titel - sichern.

Hamilton ist es aber zuzutrauen, dass er trotzdem auf Sieg fährt. Er ist vielleicht nicht der sympathischere der Beiden, aber zumindest 2014 der mit dem größeren Willen und der ausgeprägteren Siegermentalität - und genau deswegen hat er den Titel verdient.

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