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Team-Offizielle der Formel 1
Christian Horner, Toto Wolff und Bob Fernley (u.v.l.n.r.) streiten um Franchise-Autos © Imago

München - "Beste Idee aller Zeiten" oder "Grab der Formel 1"? Der Ruf nach Franchise-Autos spaltet die Teams. Hinter den Kulissen brodelt es. Bernie Ecclestone quittiert es mit Schadenfreude.

Eigentlich lief beim Großen Preis von Kanada alles wie immer. Vorne deklassierte Mercedes die Konkurrenz, hinten hatte Manor Marussia vier Runden Rückstand und die Ex-Weltmeister von McLaren-Honda schauten sich das Rennende gemütlich in der Box an.

Doch abseits der Strecke könnte das Rennwochenende von Montreal einen Paradigmenwechsel in der Formel 1 eingeläutet haben.

Um nicht weniger als die Zukunft der Königsklasse ging es beim Treffen von Vertretern der vier großen Teams mit Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, Aufsichtsratsboss Niki Lauda, McLaren-Mitbesitzer Ron Dennis, Rennleiter Eric Boullier, sowie Maurizio Arrivabene (Ferrari-Teamchef) und Christian Horner (Teamchef Red Bull Racing) am Rande des siebten Saisonrennens.

Franchise-Autos für 50 Millionen Euro?

"Wir haben über mögliche Regeländerungen für 2017 gesprochen, aber keine Entscheidungen getroffen", sagte Niki Lauda Sky Sports F1: "Es war eine freundschaftliche Unterhaltung. Es ging darum, wie die Formel 1 attraktiver werden kann."

Neben der Forderungen nach Design-Innovationenen stand dabei vor allem ein Thema im Mittelpunkt: Das Konzept des Franchise-Wagens. Demnach sollte es jedem Hersteller erlaubt sein, einen Kunden akquirieren zu können, der dann ein Komplettpaket aus Chassis und Antrieb gegen Bezahlung erhält und nicht wie bislang nur einen Motor.

Ein Fixpreis von 50 Millionen Euro pro Saison steht im Raum.

Auslöser des Vorstoßes ist das Teamsterben der Formel 1. Caterham schloss im vergangenen Jahr seine Pforten. Auch Marussia konnte die Saison nicht zu Ende fahren und schleppt sich nun als Manor Marussia von Rennen zu Rennen. Sauber hätte ohne eine Geldspritze von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone zu Saisonbeginn wohl nicht antreten können.

Wolff: "Müssen Verantwortung übernehmen"

"Ich will nicht wie das Kaninchen vor der Schlange dastehen, wenn es heißt: 'Jetzt haben wir nur 16 oder 18 Autos!' Wir hoffen, dass alles so bleibt, aber wir müssen Verantwortung übernehmen für den Fall der Fälle", erklärte Wolff die Initiative. Das Gemeinwohl liege den Werksteams also am Herzen, Niki Lauda nannte den Vorschlag gar "die beste Idee aller Zeiten".

Doch die kleinen Teams vermuten egoistischere Gründe als Motiv. "Es ist das letzte Puzzlestück der Herstellerteams, die Formel 1 unter ihre Kontrolle zu bringen, sowohl politisch als auch finanziell", wetterte etwa Robert Fernley, Co-Teamchef von Force India bei Reuters.

Auch Sauber-Chefin Monisha Kaltenborn übte bei Autosport Kritik: "Im Grunde genommen ist es für die Teams eine Möglichkeit, Einnahmen zu generieren, die sie sonst nicht hätten."

Die Maßnahmen wären "nicht das, was die anderen Teilnehmer anstreben", und erst recht nicht das, "was die Leute da draußen sehen wollen", so Kaltenborn.

Gegenwind für die Big Four

Die Fronten verhärten sich, zumal mit Williams und Force India zwei eigentliche Mitglieder der Strategiegruppe bei den Gesprächen gar nicht erst mit am Tisch saßen. Laut Arrivabene ließen sich die beiden Teams durch Motorenlieferant Mercedes, also Wolff und Lauda, vertreten. Auf Anfrage von motorsport-total.com dementierten jedoch sowohl Claire Williams, als auch Fernley, ihr Einverständnis dafür gegeben zu haben.

So kracht es spätestens seit Kanada hinter den Kulissen gewaltig.

Und eine Einführung von Franchise-Autos würde weitere Fragen aufwerfen: Werden die Käuferteams zu schlichten Junior-Teams in der Formel 1 degradiert? Gäbe es gar eine teamübergreifende Stallorder? Und in wessen Taschen würden die von der FIA ausgeschütteten Erfolgsprämien fließen? Im schlimmsten Fall droht die komplette Abhängigkeit vom Lieferanten - auch finanziell.

Darüber hinaus betrachten auch die Formel1-Fans die Pläne mit Argwohn. Die Komplettanlieferung von Autos würde dem spannenden Wettstreit der Ingenieur-Gurus ein Ende bereiten.

Ecclestone lehnt sich zurück

Bernie Ecclestone, der kürzlich selbst Einheitsautos zum Schnäppchenpreis von 15 Millionen Dollar vorgeschlagen hat, kann sich Schadenfreude über den Gegenwind für die großen Teams nicht verkneifen: "Es gibt eine Menge Sachen, die ich im Leben gerne tun möchte, aber nicht tun kann, und sie müssen das lernen, wenn sie die gleichen Probleme haben. Es ist ja schön für sie, wenn sie Träume und Meetings haben..."

Für eine schnelle Lösung spricht derzeit wenig.

"Jeder sieht nur sich und seine Vorteile in der Formel 1. Es gibt viele Diskussionen, was man besser machen könnte – aber echte Strategien mit langfristigen Perspektiven sind dabei nicht zu erkennen und die wirklich heißen Eisen wie die Kostenexplosion werden nicht ernsthaft angepackt. So gräbt sich die Formel 1 ihr eigenes Grab", zeichnete SPORT1-Experte Peter Kohl in seiner Kolumne nach dem Kanada-GP ein düsteres Bild.

In der wichtigsten Frage, der nach so dringend benötigten Reformen bleibt die Königsklasse des Motorsports auch weiterhin die Formel uneins.

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