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Ferrari technicians handle a Pirelli wet
Nach dem Reifenplatzer bei Sebastian Vettel in Spa gibt es eine Reihen von Lösungsansätzen. Pirelli ist genervt © Getty Images

Pirelli-Boss Hembery keift nach Vettels Attacke zurück. Lösungsansätze gehen von Kameras bis zum "Smart Tyre". Pirelli ist in der Zwickmühle - folgt gar der Ausstieg?

Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery hat endgültig die Nase voll, Sebastian Vettel legt nochmal nach:

Zwei Tage nach dem Reifenplatzer von Spa und der harschen Kritik an Pirelli geht der Reifenzoff in der Formel 1 in die nächste Runde.

"Die Ingenieure pushen die Autos an immer schmalere Limits - zu Lasten der Reifen. Einmal sind den Fahrern die Reifen zu hart, dann zu weich. Die FIA hängt dazwischen. Wir sind immer die Dummen", echauffierte sich Hembery bei Bild.

"Qualität der Reifen ist miserabel"

Vettel unterstrich auf seiner Homepage die Kritik noch einmal deutlich. 

"Nur um das klar zu stellen: Das Team und ich haben uns gemeinsam für diese Strategie entschieden. Ich stehe hinter dem Team und das Team steht hinter mir. Das macht uns zu einem Team. Die Strategie war zu keinem Zeitpunkt eine riskante. Das Team trifft keine Schuld", schrieb der viermalige Weltmeister, dem in der vorletzten Runde der Reifen geplatzt war.

"Die Ansage von Pirelli war, dass der Reifen 40 Runden lang hält, und wir hatten glaube ich knapp 30 drauf", sagte Vettel: "Die Qualität der Reifen ist miserabel, das geht jetzt schon seit Jahren so, das kann nicht sein. "

Pirelli hatte dagegen Ferraris Strategie als Ursache für den Reifenschaden angeprangert. "Der Reifen von Sebastian war fertig, am Ende seiner Lebensdauer. Das war sehr ehrgeizig und riskant, das mit dieser Strategie zu versuchen", hatte Pirellis Motorsportchef Paul Hembery gesagt. 

Pirelli steckt in der Zwickmühle

Der Reifenhersteller befindet sich in der Zwickmühle: Auf der einen Seite soll der Hersteller einen möglichst sicheren Reifen bauen - auf der anderen Seite sollen die Reifen aber auch zur Abwechslung und Spannung eines Formel-1-Rennens beitragen.

So hat Bernie Ecclestone den Ausrüster bei dessen Formel-1-Einstieg explizit darum gebeten, Reifen herzustellen, die über den Rennverlauf nachlassen. Denn technisch wäre es möglich, auch einen Reifen zu bauen, der ein ganzen Rennen lang hält.

Auch in diesem Jahr musste sich Pirelli bereits Kritik anhören, weil die Reifen für die Rennen oft zu konservativ ausgewählt worden seien. Die Unterschiede zwischen den beiden Mischungen wären zu gering und nicht förderlich für die Spannung.

Rundenobergrenze wird diskutiert

Um die Sicherheit zu erhöhen, fordert Pirelli nun erneut, dass die von ihnen bereits vor zwei Jahren angeregten Rundenobergrenzen für die jeweiligen Reifenmischungen eingeführt werden.

Doch ausgerechnet Vettel wird wohl am meisten gegen diese Regel sein, da damit reifenschonendere Teams wie Ferrari bestraft werden - zumal Ferrari mit ihm und Kimi Räikkönen gleich zwei Reifenflüsterer im Team hat. Die Chance, Mercedes zu attackieren, würde mit dieser Regel weiter sinken (Gesamtwertung Teams).

Dazu sind verschiedene Boxenstopp-Strategien ein wichtiges Spannungselement der Formel 1.

Durch Vettels Ein-Stopp-Versuch entwickelte sich in Spa aus einem bis dato langweiligen Rennen die spannende Frage, ob Vettel trotz der älteren Reifen Platz drei verteidigen kann.

Klar ist aber auch: Die gewonnene Spannung darf nie auf Kosten der Sicherheit gehen.

Intelligenter Reifen soll Probleme lösen

Deshalb wird aktuell über Lösungsansätze diskutiert, die ähnliche Szenen wie in Spa verhindern sollen. So war sich Mercedees-Pilot Nico Rosberg, dessen Reifen im Training geplatz war, bewusst, dass Vettel und er "Riesenglück" hatten.

Pirelli denkt nun über den sogenannten "Smart Tyre" nach. Bei diesem Reifen können die Teams in Echtzeit neben bekannten Parametern wie Temperatur und Luftdruck auch das Gripniveau, den Zustand des Gummis sowie die Menge an Wasser auf der Strecke auslesen.

Sebastian Vettel
Die Kamera zeigt den geplatzen Reifen von Sebastian Vettel © twitter.com/f1

Der mit zahlreichen Sensoren ausgestattete Reifen könnte bei der Identifikation des Problems helfen und vor allem Fahrer und Teams rechtzeitig warnen, wenn sich ein Defekt anbahnt.

Nico Rosberg hat noch einen anderen Vorschlag. Der Vizeweltmeister fordert, dass die an den Autos angebrachten Kameras, die nach hinten filmen, auch für die Teams freigegeben werden. Dadurch wäre eine permanente Überwachung der Reifen möglich.

Baldiger Ausstieg von Pirelli möglich

Fraglich bleibt, wie lange sich Pirelli noch mit dieser Problematik beschäftigt. Aktuell verhandelt die Firma, die vor kurzem von einem chinesischen Investor übernommen wurde, über eine Vertragsverlängerung für die Jahre 2017 bis 2019.

Doch die Reaktion von Motorsportchef Hembery zeigt, dass Pirelli langsam die Lust an der Formel 1 verliert – zumal Vettels Kritik nicht die erste Attacke gegen den Reifenhersteller in den letzten Jahren war (Gesamtwertung Fahrer).

Einen Imagegewinn muss Hembery daher wohl von seiner Liste der Gründe streichen, die für ein Engagement in der Formel 1 sprechen. Denn wenn ein viermaliger Weltmeister sich öffentlich über die miese Qualität der Pirelli-Reifen beschwert, ist ein Imageschaden kaum zu vermeiden.

Zudem liebäugelt angeblich Konkurrent Michelin mit einer Rückkehr in die Formel 1.

Highspeed-Kurs wartet

Vorerst ist ein Pirelli-Ausstieg ohnehin kein Thema. Mit Monza steht in zehn Tagen ein echter Highspeed-Kurs mit Spitzengeschwindigkeiten von an die 350 km/h auf dem Programm.

Da werden die Fahrer vor allem eines brauchen: absolutes Vertrauen in die Reifen.

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