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Bekommen die IndyCar-Teams kommende Saison mehr Freiheiten zugestanden?
Bekommen die IndyCar-Teams kommende Saison mehr Freiheiten zugestanden? © LAT

Überraschender Vorstoß von Jay Frye: Der Sportdirektor von IndyCar bringt ins Spiel, weitere Freiheiten einzuführen - Nur an welcher Stelle soll man anfangen?

Der IndyCar Think Tank für die Zukunft zerbricht sich weiter den Kopf über die künftige Ausrichtung der Serie. Seit Champ Car 2003 auf Spec Racing umgestiegen ist, hat es keinen technischen Wettbewerb im amerikanischen Motorsport mehr gegeben. Die eigentliche IndyCar Series, Nachfolger der Indy Racing League (IRL), bestand Zeit ihres Lebens aus Spec Racing. Mit den Aerokits wurde 2015 erstmals ein Bereich für den Wettbewerb geöffnet. Die Maßnahme bleibt aber umstritten.

Jay Frye stürmt nun nach vorn: Statt 2017 eine Einheitsaerodynamik einzuführen, denkt er über eine weitere Öffnung des Wettbewerbs auf weitere Bereiche nach. "Eine der Sachen, die wir für 2017 tun möchten, ist, ein paar Bereiche zu deregulieren", sagt der Sportdirektor von IndyCar. "Wir haben alles für so lange Zeit beschränkt, aber man will eigentlich Kreativität sehen." In der ersten Saisonhälfte 2016 war er bereits im IndyCar-Fahrerlager unterwegs und hat dabei bereits bei Teams Vorschläge eingeholt, was sie selbst in der Lage wären, herzustellen.

Bislang wurde beim Thema Deregulierung im Fahrerlager immer mit der Stirn gerunzelt: Der Verfall von Champ Car hatte viel Geld aus dem System des amerikanischen Open-Wheel-Racings gezogen. Wettbewerb wie zu besten CART-Zeiten war schlicht nicht mehr zu finanzieren. "Das ist die Büchse der Pandora, nicht wahr?", fragt Teamchef Bobby Rahal gegenüber 'Racer' rhetorisch. "Wie weit kann man sie öffnen, bevor alles außer Kontrolle gerät?"

Kostensenkung tatsächlich möglich?

Noch ein Punkt, der häufig von Skeptikern genannt wird, ist ein Auseinanderdriften des Feldes wie etwa in der Formel 1, in der nur wenige Teams überhaupt siegfähig sind. Frye glaubt aber das Gegenteil: "Ich kann mich dem nicht anschließen. Ein kleines Team mit klugen Köpfen kann durchaus eine clevere Idee haben und mit dieser zuerst ankommen. Natürlich hat es drei bis vier Wochen später jeder, aber so ist das im Motorsport. Und wir schauen, dass uns das alles gelingt, ohne Pandoras Box öffnen", fügt er in Richtung Rahal hinzu.

Dieser ist nicht vollständig gegen eine Öffnung des Wettbewerbs, würde es aber lieber anders angehen. "Das Problem, das wir jetzt über Jahre hatten, ist die Tatsache, dass wir Geld für teilweise minderwertiges Equipment ausgeben", so der Meister von 1992. "Das Problem bei dem ganzen Spec Racing ist, dass die Zulieferer ihr Engagement nicht bewerben, weil es keinen Wettbewerb gibt. Die einzigen Gewinner sind diejenigen, die den Zuschlag erhalten."

Aus diesem Grunde schwebt ihm vor, den Wettbewerb erst an dieser Stelle zu öffnen. Als ersten Punkt nennt er die Bremsen. Bei den Stoppern hat Brembo North America seit Jahren das Monopol. Die Carbonbremsen sorgen jedoch zumindest bei Rahal für Frust, da sie seiner Meinung nach nicht die Qualität aufweisen, die sie sollten. "Die Bremsen wären definitiv ein Bereich, wo man Wettbewerb zulassen könnte", macht sich der 63-Jährige Luft.

Wettbewerb zunächst auf Zulieferer beschränken?

Weitere Vorschläge Rahals: "Die Reifen: Warum nicht weitere Hersteller reinholen? Wenn man genug davon hat, gibt es echten Wettbewerb. Oder die Elektronik. Warum nicht Wettbewerb mit Cosworth zulassen und sie dazu bringen, ihr Produkt zu verbessern? So können Teams neue Sponsoren anziehen und Deals mit Zulieferern eingehen, die wiederum Geld mitbringen würden. Das ist das größte Potenzial, das ich hier sehe."

Frye wiederum schwebt vor, dass Teams gewisse Teile für das aktuelle Fahrzeug, den Dallara DW12, selbst herstellen sollen, statt sie vom Lieferanten für Geld zu beziehen. Mike Hull von Ganassi Racing stimmt ihm zu: "Bislang ging es meist darum, die Kosten für die Teams zu reduzieren, indem sie keinen Wettbewerbsvorteil haben können. Aber wenn wir das Geld vernünftiger einsetzen können statt andere zu bezahlen, wäre das eine gute Sache. Ich denke, man kann schon Leute finden, die die ganzen Teile für weniger Geld herstellen. Das hat Sinn." Und er lobt Frye: "Jay ist der richtige Mann. Er hat ein Gespür für das, was das Fahrerlager will."

Von den Zeiten, als Teams teilweise ihr eigenes Chassis entwickelt haben, wird IndyCar natürlich auch mit diesen Maßnahmen noch weit entfernt sein. Doch es wäre ein erster Schritt in Richtung eines offeneren Wettbewerbs. Es ist Fryes Vision, wieder an die glorreichen 90er-Jahre anzuknüpfen. Vor dem Split gab es Wettbewerb in nahezu allen Bereichen: Verschiedene Chassis mit unterschiedlichen Motoren und verschiedenen Reifen - nahezu jedes Team hatte seine eigene Kombination aus den vielen verfügbaren Komponenten.

"Ich denke, mit dem, was wir vorhaben, können wir den Erfindungsreichtum der Teams wecken und die Meisterschaft wieder groß machen", glaubt Frye. Wenn der Plan aufgeht, wächst die Szene, weil Zulieferer einsteigen. Und das ist weitaus wahrscheinlicher als die ursprünglichen Hoffnungen bei den Aerokits, als IndyCar branchenfremde Institutionen gewinnen wollte. Das Interesse blieb damals aus.

© Motorsport-Total.com

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