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Minuten des Schicksals: Alex Zanardis schwerer Unfall auf dem Lausitzring
Minuten des Schicksals: Alex Zanardis schwerer Unfall auf dem Lausitzring © LAT

Vor genau 15 Jahren verlor Alex Zanardi beide Beine - Von dramatischen Minuten, einer letzten Ölung im eigenen Motoröl bis zum Wunder von Berlin

Manchmal reicht ein minimales Ereignis, um ein ganzes Leben zu verändern. Wie am 15. September 2001: Ein minimaler Gasstoß, Hunderte von PS, die an den Reifen zerren. Dazu wahrscheinlich Flüssigkeit in der Boxenausfahrt auf dem Lausitzring. Alessandro Zanardi, zweimaliger Meister der CART-Serie, war außer Kontrolle. Mit 320 km/h kommt Alex Tagliani herangeflogen und kann nicht mehr ausweichen. Ein Horrorunfall war die Folge, der das Leben Zanardis völlig auf den Kopf stellte - und ihn zum Vorbild für Millionen von Menschen werden ließ.

Dabei hätte es nicht so weit kommen müssen, denn Amerika lag ohnehin bereits in Tränen: Nur fünf Tage vor dem Rennen wurden die USA, aber auch die gesamte restliche westliche Welt von den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon in ihren Grundfesten erschüttert. Eine einzige Frage beschäftigte die Fahrergemeinde die ganze Woche lang: Fahren oder nicht? Alle großen Sportveranstaltungen in den USA waren nach 9/11 abgesagt worden. Das German 500 (Kilometer, nicht Meilen) wäre das große US-Sportereignis, wenn auch auf der anderen Seite des Atlantiks.

Die Entscheidung fiel auf Fahren. Als klares Zeichen, dass der Terror nicht gewinnen würde. Doch sie hatte auch rationalen Charakter: Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts begann auch der schnelle Abstieg von CART in den USA. Die IRL begann, in der Konkurrenzserie zu fischen. Das Indy 500 war für CART-Teams geöffnet worden und erste Teams liebäugelten mit einem Wechsel in die ungeliebte Konkurrenzserie. NASCAR füllte das entstehende Motorsport-Vakuum in den USA immer stärker, sodass CART das Heil in der Internationalisierung suchte. Der Lausitzring war das erste Europa-Rennen der Serie überhaupt.

Und das deutsche Publikum erwies sich als dankbar: 87.000 Zuschauer wollten - 9/11 hin oder her - am Renntag unterhalten werden. Es war das einzige Mal, dass wirklich alle Tribünen auf dem Lautsitzring mit Zuschauern gefüllt waren. Der Formel 1 in Monza ging man mit dem Samstagsrennen elegant aus dem Weg. Die Organisation des Rennens war ebenfalls hervorragend, Sponsoren hatten sich gefunden, um den amerikanischen Sport den Europäern näherzubringen. Man konnte sie schlecht enttäuschen. Dass im benachbarten Dekra-Oval wenige Monate zuvor Michele Alboreto ums Leben gekommen war, daran dachte an diesem Wochenende keiner.

Lausitzring: Die große Chance

Alex Zanardi hatte eine sportlich harte Zeit hinter sich: Nach seinen zwei Titeln mit Ganassi Racing 1997 und 1998 folgte die katastrophale Formel-1-Saison 1999 mit Williams, 2000 nahm der Italiener gar eine Auszeit vom Motorsport. Sein ehemaliger Chefingenieur Mo Nunn überredete ihn, in seinem neuen Team wieder anzutreten. Doch ein junges, schlecht finanziertes Team mit einem Besitzer kurz vor dem Renteneintrittsalter waren nicht die besten Zutaten für ein erfolgreiches Unterfangen. Zanardi hatte einen vierten Platz aus Toronto auf der Habenseite, in der Regel landete er aber außerhalb der Top 20.

Der Lausitzring war für das Team aber eine große Chance, denn die Strecke war für alle Teams neu. Und wie von Gotteshand waren die Boliden von Zanardi und Teamkollege Tony Kanaan, der sein drittes Jahr bei Nunn fuhr, von der ersten Trainingssitzung an die schnellsten im Feld. Der Teambesitzer war völlig verblüfft: "Wir machen nichts anders als in anderen Rennen. Vielleicht funktioniert unser Schrott- Setup von anderen Strecken ja auf dieser." Tatsächlich aber hatte Zanardi ein wenig seiner Erfahrung in neue Arbeitsmethoden im Hintergrund eingebracht. Sie schienen langsam zu fruchten.

Eine Pole-Position blieb den Nunn-Boliden aber verwehrt, denn es regnete am Freitag. Somit wurde nach Meisterschaftsstand gestartet, Zanardi sortierte sich also einmal mehr jenseits der Top 20 ein. Am Samstag gab es eine letzten Wink des Schicksals: Heftiger Regen am Vormittag. Doch über Mittag klarte es auf und ein kräftiger Wind pustete die Strecke extrem schnell trocken. Das Rennen jetzt noch abzusagen hätte den Zuschauern nicht verkauft werden können, und es gab auch keinen Grund dazu.

Es wurde eine sportlich hochwertige Premiere in Europa: Die Fahrer liebten die Strecke, die als Superspeedway deklariert war, aber trotzdem mehrere Bremszonen aufwies. Die Nunn-Boliden unterstrichen ihre bärenstarke Form: Tony Kanaan hatte sich schon in den ersten Runden in den Top 10 einsortiert, während Zanardi zunächst lange hinter Max Papis feststeckte. Er hatte aber bereits zu diesem Zeitpunkt ein gutes Gefühl für sein Auto - ein Gefühl, das er seit den Ganassi-Tagen nicht mehr kannte.

Hoch geflogen, hart gelandet

"Ich empfand dieses feine Vergnügen, das aus der Gewissheit kommt, alles unter Kontrolle zu haben und ohne die leiseste Unsicherheit Herr der Situation zu sein", schreibt Zanardi in seiner Autobiografie. Egal ob alleine oder im Verkehr, ob high line oder bottom line, sein Reynard-Honda bildete mit Zanardi eine Einheit wie noch nie zuvor. Es dauerte trotzdem, bis sich die Mo-Nunn-Fahrzeuge an der Spitze einfanden: In Runde 95 von 154 ging Kanaan in Führung, nach dem letzten vollen Boxenstopp lag Alex Zanardi zum ersten Mal seit fast drei Jahren an der Spitze eines CART-Rennens. Zuvor war dies 1998 in Surfers Paradise der Fall gewesen.

Ein kurzer Splash stand noch auf dem Programm, der einzige Gegner war Michael Andretti, der eine andere Strategie gewählt hatte. Dieser aber musste auf seinen Spritverbrauch achten und würde leichte Beute werden. "Ich dachte mir: 'Gleich hast du's!?", zitiert sich Zanardi selbst. Was dann geschah, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Der Reynard brach trotz warmer Reifen (diese wurden beim Splash nicht gewechselt) aus und Zanardi kreiselte auf das Oval. Wahrscheinlich war noch Öl von einem Motorschaden bei Dario Franchitti in der Boxenausfahrt, die dieser einige Minuten zuvor gekreuzt hatte, um den Wagen abzustellen.

Patrick Carpentier kommt mit 320 km/h angeflogen, kann gerade noch ausweichen. Nur Bruchteile einer Sekunde später ist Alex Tagliani zur Stelle, der keine Chance mehr hat. Sein Forsythe-Reynard bohrt sich mit der harten Spitze in den ungeschützten Bereich des Reynards von Zanardi zwischen der Vorderradaufhängung und dem Seitenkasten. Ein T-Bone an der ungünstigsten Stelle. Es wird kaum Energie abgebaut; Taglianis Bolide rasiert die Frontpartie von Zanardis Fahrzeug wie ein Samuraischwert weg - ein chirurgischer Schnitt, der die Beine des zweimaligen Meister mit beinhaltete.

Drama in Kurve eins

Dramatische Szenen spielen sich in der Folge rund um das Wrack ab. CART-Chefarzt Terry Trammell springt von einem Truck herunter und rutscht erst einmal aus - nicht auf Öl oder Kühlflüssigkeit, sondern auf Zanardis Blut. Mit seinen bloßen Daumen hält er die beiden Arterien zu, aus denen mehrere Liter Blut pro Minute spritzen. Zunächst muss der Rennanzug aufgeschnitten werden, dann wird ein behelfsmäßiger Verband angelegt. In dem blutigen Chaos rutscht dieser immer wieder ab, das Blut schießt erneut raus, die Prozedur beginnt von neuem - mit jeder Sekunde offener Arterien schwinden Zanardis Überlebenschancen.

Dass Kenny Bräck das Rennen gewonnen hatte, ist längst Nebensache. Alles dreht sich um Zanardi. Er wird zu einem Hubschrauber transportiert, immer wieder löst sich der Verband. Ein Helfer bietet seinen Gürtel an, um die Wunde abzubinden. Während Trammell gegen den Blutverlust kämpft und Zanardi längst das Bewusstsein verloren hatte, muss der andere Chefarzt, Steve Olvey, den Abtransport arrangieren und eine wichtige Entscheidung treffen: Soll Zanardi in ein Krankenhaus nach Berlin gebracht werden, das fast eine Stunde entfernt ist? Oder in eines nach Dresden, das wesentlich näher ist, aber womöglich keine geeignete Ausrüstung für diesen Fall besitzt?

Die Wahl fällt auf Berlin. "Wenn wir ihn nach Dresden bringen, verlieren wir ihn", soll Olvey gesagt haben. Als Zanardis Wunden endlich halbwegs abgebunden sind, erhält er noch vom CART-Geistlichen Pater Phil die letzte Ölung - mit dem Motoröl seines eigenen Boliden. Der Heli hebt ab, noch immer verliert Zanardi Blut.

Ärzteteam rettet Zanardi trotz Risiko-Entscheidung

55 quälende Minuten dauerte der Flug nach Berlin. Zanardi hatte über 80 Prozent seines Bluts verloren. Die Lehrbuchmedizin sagte zu diesem Zeitpunkt: Null Prozent Überlebenschance. Dass alles ganz anders kam, ist dem unbändigen Willen Zanardis und der guten Organisation seiner Überführung zu verdanken. Im Hubschrauber konnte die Blutung endlich auf ein Mindestmaß reduziert, wenn auch nicht ganz gestoppt werden. Drei Herzstillstände erlitt Zanardi im Hubschrauber. Insgesamt musste er siebenmal wiederbelebt werden und erhielt zahlreiche Bluttransfusionen.

Im Krankenhaus wartete bereits ein Team von Spezialisten. Die Ärzte mussten abwägen zwischen Lebensrettung und einem später möglichst angenehmen Leben für Zanardi. Sie entschieden sich zum Risiko und amputierten nur so viel, dass Alex Zanardi später Prothesen würde nutzen können. Mehr zu amputieren hätte die Wahrscheinlichkeit, dass er überlebte, erhöht. Allerdings wäre er dann vermutlich den Rest seines Lebens gelähmt gewesen. Bis heute rechnet er es den Ärzten hoch an, dass sie in der hektischen Situation sich für die Risiko-Option entschieden haben. Zanardi hätte es selbst wohl nicht anders gemacht.

Die Operation dauerte fast acht Stunden. Als sie ohne Komplikationen verlief, waren die Überlebenschancen stark gestiegen. Doch noch immer war unklar: Haben die Organe, insbesondere das Gehirn, den enormen Blutverlust ohne bleibende Schäden überstanden? Erst als er aus dem Koma wieder aufwachte, konnte die Antwort gegeben werden. Zanardi erkannte die Menschen in seinem Umfeld wieder. Er hatte mit weniger als einem Liter Blut im Körper ohne bleibende geistige Schäden überlebt - nach damaligen medizinischen Kenntnissen ein Wunder.

Ein Held für Millionen

Schon nach eineinhalb Monaten, am 30. Oktober 2001, wurde Alessandro Zanardi aus dem Krankenhaus entlassen. Was folgte, war eine schwere Reha-Zeit, in der er das Leben von vorne erlernen musste. Doch Zanardi ist immer ein Kämpfer gewesen. Als er mit seinen Prothesen unzufrieden war, designte er einfach neue. Er meisterte die Reha-Phase und fuhr 2003 mit einem modifizierten Champ-Car-Boliden unter riesigem Medienauflauf die 13 Runden, die er noch zu Ende fahren musste. Es war einer der emotionalsten Momente der Sportgeschichte. Dass er mit den Zeiten den fünften Startplatz herausgefahren hätte - eine Randnotiz.

Doch damit nicht genug: Alex Zanardi wollte wieder Rennen fahren. Und er lebte seinen Traum, fuhr WTCC und gewann Rennen. Er testete umgebaute Formel-1- und DTM-Autos. Er erlebte seinen zweiten Frühling und entdeckte eine neue Leidenschaft: Das Hand-Biking. Wieder einmal zeigte Zanardi, dass wenn er etwas anpackt, es auch richtig tut. 2012 gewann er bei den paralympischen Spielen in London Gold und Silber. In Rio tritt er in diesen Tagen wieder an und hat bereits erneut Gold geholt. Er absolvierte Marathons und den Iron Man.

Vor allem aber sind es sein unglaublicher Lebensmut und seine positive Einstellung, das Beste aus seinem Schicksal zu machen, die Alessandro Zanardi auszeichnen. "Ich müsste eigentlich einen deutschen Pass haben, so viel deutsches Blut fließt in meinen Adern", scherzte er zeitweise nach dem Unfall. Er hat seine eigene Stiftung... Wo er hinkommt, spürt man den unglaublichen Respekt der Menschenmassen. Alex Zanardi ist eine Lichtgestalt, nicht zuletzt deshalb wurde er BMW-Markenbotschafter.

Ohne seinen Unfall wäre Alex Zanardi heute wahrscheinlich ein Rennfahrer von vielen. Doch nach dem, was geschehen ist, ist seine Lebensgeschichte eine Inspiration für jeden Menschen.

Manchmal kann ein kleines Ereignis ein ganzes Leben verändern. Der kleine Gasstoß am Ausgang der Boxengasse auf dem Lausitzring am 15. September 2001 tat genau das, aber noch viel mehr: Er beeinflusste letztlich das Leben von Millionen.

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