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Will Power muss nach einem Flügelbruch das Feld von hinten aufrollen und gewinnt sensationell auf dem Pocono Raceway. Die Führung wechselt im Rennen so oft wie nie zuvor.

Ein wildes 500-Meilen-Rennen auf dem Pocono Raceway ging mit einem Sieg für Will Power (Penske-Chevrolet) zu Ende. Wie er diesen Sieg holte, passt ganz zum Rennen selbst: Es ging drunter und drüber. Unter Szenen, die teilweise an Pack Racing erinnerten, fiel Power zunächst mit gebrochenem Flügel bis ans Ende des Feldes zurück und hatte eine Runde Rückstand. Nach einer Rekordzahl von Führungswechseln erfand er den Block des Jahrhunderts vor Kurve 3 und hielt Teamkollege Josef Newgarden hinter sich.

"Das haut mich vom Hocker, was für ein dramatischer Tag!", jubelt Power nach seinem 32. IndyCar-Sieg und dem zweiten in Long Pond in Folge. Ganze Rennsaisons von Power spiegelten sich in diesen 500 Meilen wieder: Zu Beginn kurz in Führung gelegen, gab es den großen Schock in Runde 67. Sein Frontflügel brach und der Australier musste unplanmäßig an die Box kommen. Dabei bekam das Team die Nase nicht abmontiert und vergaß zudem, Sicherungsstifte des Flügels zu ziehen. Jetzt hatte Power eine Runde Rückstand und eine antizyklische Strategie.

Lange Zeit musste er bangen, denn Gelbphasen waren rar gesät. Er bekam sie dann doch bei Rennhälfte, fuhr sich zurück in die Führungsrunde, stoppte noch einmal off sequence unter Gelb und lag nach dem vorletzten Boxenstopp urplötzlich in Führung. Noch besser für ihn: Er hatte gegenüber seinen direkten Gegnern zehn Runden beim Boxenstoppzyklus in der Hand. Doch der Vorteil wurde vom Nachteil aufgezehrt, alleine an der Spitze fahren zu müssen. Die Meute fuhr sich wieder an ihn heran.

Proaktiv, aggressiv und defensiv in einem

Im letzten Stint wurde sie von Josef Newgarden angeführt, der sich seinerseits aus dem Mittelfeld heraus wieder nach vorne gebracht hatte. Er fuhr mit Alexander Rossi (Andretti-Herta-Honda) im Schlepptau zweieinhalb Sekunden zu Power zu. Doch dieser hatte eine Waffe in der Hinterhand, mit der niemand gerechnet hatte: Nach Kurve 2 ging er sofort "low" und blockte die beste Überholstelle des Kurses aggressiv ab. Newgarden hatte kein Gegenmittel gegen den Move, den Power Runde um Runde vorexerzierte. Mit dieser genialen Defensivstrategie fuhr der 36-Jährige den Sieg nach Hause.

"Ich wusste, dass es vorbei ist, wenn er die Innenbahn bekommt, deshalb habe ich sie blockiert.", kommentiert er das Manöver, das für die Zukunft auf dem Pocono-Oval Schule machen könnte. "Man darf in der IndyCar-Serie einfach nie aufgeben. Ich habe mir gesagt: Durchhalten, vergangenes Jahr hatte (Ryan) Hunter-Reay auch eine Runde Rückstand und hätte noch fast gewonnen."

Newgarden baut Gesamtführung aus

Newgarden hat mit dem zweiten Platz einen weiteren wichtigen Schritt in der Meisterschaft getan und hat nun 18 Punkte Vorsprung auf Scott Dixon (Ganassi-Honda). Dieser wurde, obwohl er viele Runden angeführt hat, am Ende Sechster. "Ich bin enttäuscht, dass ich nicht gewonnen habe, aber kann bei diesem Resultat eigentlich nicht enttäuscht sein", ringt der Newgarden um eine homogene Stimmungslage. "Will verdient das einfach; er war derjenige, den es in der zweiten Hälfte zu schlagen galt. Als ich ihn eingeholt habe, hatte ich gehofft, ihn überholen zu können. Ich hasse es, Zweiter zu werden, wie alle Rennfahrer. Aber es bleibt ja in der (Penske-) Familie."

Er selbst blieb im Rennen lange Zeit im Mittelfeld begraben, doch ein hervorragender letzter Boxenstopp brachte den US-Amerikaner in der Spitzengruppe wieder auf die Strecke. Nun hatte er die frischsten Reifen und ein schnelles Auto, als es zählte. Zum Sieg reichte es nicht. Auch nicht für Rossi, der sich in den Windschatten geheftet hatte, aber keine Attacke starten konnte. Dafür gab es eine logische Erklärung: Er konnte wegen eines Problems nicht mehr mit dem fettesten Gemisch fahren. Die letzten PS fehlten am Ende, er wurde Dritter. "Vergangenes Jahr haben wir ein ähnlich gutes Auto gehabt und sind nicht ins Ziel gekommen. Da ist das schon besser", kommentiert er.

Das Rennen war von so vielen Führungswechseln gekennzeichnet, dass sie kaum aufzuzählen sind. Einen spektakulären Kampf lieferten sich Tony Kanaan (Ganassi-Honda) und Graham Rahal (RLL-Honda) im dritten Viertel des Rennens, als sie beinahe jede Kurve die Führung tauschten. Kanaan fehlte es dann aber im letzten Stint; er wurde hinter Simon Pagenaud (Penske-Chevrolet) Fünfter. Rahal blieb gar nur Rang neun nach einem schwachen letzten Boxenstopp.

Hunter-Reay erst im Krankenhaus, dann in Führung

Dazwischen sortierten sich zwei Bruchpiloten vom Samstag ein: Helio Castroneves (Penske-Chevrolet) wurde Siebter gefolgt vom tapferen Ryan Hunter-Reay (Andretti-Honda), der trotz seiner Blessuren zwischenzeitlich das Rennen anführte. Am Ende musste er sich mit Rang acht begnügen. Die Top 10 komplettierte Carlos Munoz (Foyt-Chevrolet). Keine Rolle spielte Polesetter Takuma Sato (Andretti-Honda): Der Japaner kam den ganzen Tag nicht in Gang und fiel schon im ersten Stint weit zurück, am Ende blieb Rang 13.

Eine große Enttäuschung erlebte James Hinchcliffe (Schmidt-Peterson-Honda): Der Kanadier hatte eines der schnellsten Fahrzeuge im Feld, überschoss dann aber seinen Boxenplatz um Meilen und geriet im Mittelfeld mit J.R. Hildebrand (Carpenter-Chevrolet) aneinander, was einen heftigen Unfall zur Folge hatte. Kurios: Die beiden Freunde nahmen jeweils die Schuld auf sich. zuvor hatte Hinchcliffe noch einen beinahe unmenschlichen Save hingelegt, bei dem er die Mauer nur leicht touchierte.

Mit dem Sieg hat Will Power gezeigt, dass er in der Meisterschaft noch nicht aufgegeben hat. Das Momentum bleibt aber bei Josef Newgarden, der nun einen Vorsprung in der Meisterschaft hat, wie es in der IndyCar-Saison 2017 nur selten der Fall gewesen ist. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, denn schon in der Nacht vom 26. auf den 27. August geht es auf dem Gateway-Kurzoval weiter - in Europa leider zu unchristlicher Zeit mitten in der Nacht.

© Motorsport-Total.com

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