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Jack Miller musste in der Pressekonferenz in Aragon Rede und Antwort stellen

Der MotoGP-Aufstieg von Jack Miller ist ein großes Thema: Die Konkurrenz findet die Entscheidung mutig - "Jackass" präsentiert sich locker und cool

Seit Wochen wurde Jack Miller über seine Zukunft befragt, doch der Australier zeigte sich immer schmallippig. In der vergangenen Woche bestätigte schließlich LCR, dass der 19-Jährige im kommenden Jahr direkt von der Moto3 in die MotoGP aufsteigen wird. Am Medientag in Aragon saß Miller in der Pressekonferenz neben Jorge Lorenzo, Marc Marquez, Valentino Rossi und Co. Zum ersten Mal in seiner Karriere wurde der WM-Führende der Moto3 als künftiger MotoGP-Fahrer vorgestellt.

Natürlich drehten sich viele Fragen über Miller und dessen Entscheidung, die Moto2 zu überspringen. "Natürlich bin ich sehr glücklich, dass ich diese Möglichkeit erhalte. Natürlich gibt es viele Fragezeichen. Wie Marc gemeint hat, ist er damals in die Moto2 gegangen. Er war damals aber leichter und kleiner als ich es jetzt bin", spricht Miller einen wesentlichen Aspekt an. "Ich glaube, dass ich körperlich ein MotoGP-Bike fahren kann. Ich fahre aber erst seit 2009 Straßenrennen."

Deswegen ist sich Miller auch bewusst, dass er ein großes Risiko eingeht. Seine Moto3-Konkurrenten Alex Rins und Alex Marquez wechseln im kommenden Jahr zu Topteams in die Moto2. "Die MotoGP wird sicher ein großer Schritt. Ich glaube, mit Zeit und der richtigen Einstellung wird es klappen", zeigt sich Miller überzeugt. "Es ist schließlich ein Motorrad mit zwei Reifen und einem Motor. Ich werde mein Bestes geben."

Nach Le Mans wurden erste Gespräche mit Honda geführt. Miller unterzeichnete einen Dreijahresvertrag und wird im kommenden Jahr die Open-Honda fahren. Zum ersten Mal wird er beim Valencia-Test nach dem Saisonfinale die aktuelle Honda RCV1000R fahren, denn das überarbeitete Production-Bike RC213V-RS wird erst im Februar bereit sein. "Im ersten Jahr soll ich keine dummen Dinge machen und mich nicht verletzen. Ich muss Kilometer und Erfahrung sammeln", sieht Miller die Situation realistisch, fügt aber an: "Natürlich bin ich auch ein Racer."

MotoGP-Elite ist geteilter Meinung

Die Konkurrenz ist geteilter Meinung über diesen direkten Aufstieg in die MotoGP. "Ich bin überrascht, denn ich finde, dass das ein großer Schritt ist", meint Andrea Iannone. "Ich habe die Moto3 nie probiert, aber die 125er war ganz anders als die MotoGP. Ich weiß es aber nicht. Jack ist ein starker Fahrer und er wird sehr schnell sein." An Millers Talent zweifeln die übrigen Fahrer nicht, doch die MotoGP ist ein ganz anderes Level als jede andere Motorradrennserie.

Für die letzten ganz großen Überraschungen sorgte Marquez bei seinem Einstieg in die MotoGP. Allerdings hatte der Weltmeister auch zwei Jahre in der Moto2 mit Erfolg absolviert. "Das wird interessant, ihn beim ersten Test in Valencia zu beobachten, denn der Schritt ist sehr groß. Als ich in der 125er-Klasse war, fühlte ich mich für einen direkten Schritt in die MotoGP nicht bereit", gibt Marquez offen zu. "Deshalb blieb ich zwei Jahre in der Moto2. Für mich war das wichtig. Wir werden sehen, ob es bei ihm funktioniert. Zu Beginn wird es sicher schwierig, aber er hat viel Talent."

Für Dani Pedrosa ist vor allem der Faktor Zeit entscheidend: "Die Motorleistung ist deutlich höher, aber man hat gesehen, dass er mit verschiedenen Motorrädern zurechtkommt. Natürlich wird es Zeit brauchen, bis er sich an die Reifen, das Gewicht und die Motorleistung gewöhnen wird. Er wird es aber sicher bis zum ersten Rennen schaffen und kann ein gutes Jahr haben. Ich glaube, dass es auch für uns interessant wird."

Miller ist noch jung - warum die Eile?

Gänzlich anderer Meinung ist Pol Espargaro, der in diesem Jahr als Rookie sieht, wie schwierig die MotoGP ist. "Er braucht einige Jahre in der Moto2. Es geht nicht darum, ob der Schritt verrückt oder gut ist, es geht um das Warum. Er ist noch jung und hat noch viel Zeit, in die MotoGP zu kommen. Wenn er zwei Jahre in der Moto2 fahren und dann in die MotoGP kommen würde, wäre er immer noch jung", sagt der amtierende Moto2-Champion. "Als ich in der 125er gefahren bin und jemand zu mir gesagt hätte, ich könnte in die MotoGP aufsteigen, hätte ich geantwortet, dass das nicht geht, weil ich nicht vorbereitet bin."

"Nach zwei Jahren in der Moto2 fühlte ich mich vorbereitet. 2012 fühlte ich mich bereit, und das eine zusätzliche Jahr, um die WM zu gewinnen, war gut. Ich bin 22 und Valentino fährt noch mit 35. Ich kann mir vorstellen, dass mir in zehn Jahren langweilig sein könnte. Bei Jack ist das noch extremer. Es ist aber ein interessantes Projekt, aber eine Überraschung."

Miller weiß, dass der Wechsel von der Moto3 in die MotoGP auch kritisch gesehen wird, aber wie oft bekommt ein Fahrer eine Topchance eines MotoGP-Herstellers? "Jeder geht seinen eigenen Weg. Vielleicht verpasse ich etwas in der Moto2. Ich will aber gegen die Besten fahren, und jetzt erhalte ich diese Chance. Ich erhielt diese Möglichkeit und dachte mir, warum nicht", sagt der Australier deshalb. "Ich werde keine 600er fahren. Natürlich werde ich es verpassen, ein MotoGP-ähnliches Motorrad mit weniger Leistung und Elektronik zu fahren."

Rossi: "Jack ist mutig"

Auch körperlich und mental stellt die MotoGP ganz andere Anforderungen an die Fahrer. "Ich muss natürlich viel trainieren. Wenn man von einem 80-Kilo-Bike auf über 150 Kilo umsteigt, ist das ein großer Schritt. Ich werde trainieren und Muskeln aufbauen müssen", sagt der 175 Zentimeter und 60 Kilogramm schwere Miller. "Es sieht aber so aus, dass ich direkt von der Moto3 auf die MotoGP steigen werde, also werde ich kaum Gewicht aufbauen können."

Superstar Rossi betreibt selbst ein Moto3-Team und kümmert sich um den italienischen Nachwuchs. Auch er ist sich nicht sicher, ob Millers Entscheidung richtig war: "Er braucht Zeit. Jetzt ist es einfach zu sagen, dass er es in Ruhe angehen wird, aber auf der Strecke will man immer vorne sein. Der Schritt ist sehr groß", betont Rossi. "Ich finde, dass Jack sehr mutig ist. Ich habe mit ihm gesprochen und er fühlt sich dafür bereit. Das ist das wichtigste. Das Motorrad und die Reifen werden sich stark unterscheiden, weshalb er clever sein muss. Er muss es Schritt für Schritt angehen und kann sich gute Resultate in der zweiten Saisonhälfte vornehmen."

Bevor das MotoGP-Abenteuer beginnt, steht für Miller in den verbleibenden fünf Rennen ein Ziel auf der Agenda - der WM-Titel in der Moto3-Klasse. Sein Vorsprung schmolz zuletzt auf neun Punkte. "Es ist sehr eng, aber ich muss mich auf den Titel konzentrieren. Alex Rins und Alex Marquez sind sehr schnell und ihre Honda funktioniert sehr gut." Miller gilt als Favorit, aber wäre es eine Enttäuschung, wenn er nicht als Moto3-Champion in die Königsklasse wechseln würde? "Niemand ist glücklich, wenn man verliert. Mein Ziel ist es, den Titel zu gewinnen."

"Es macht keinen Unterschied, aber natürlich möchte ich diese Trophäe in meinem Zimmer haben. Ich bin froh, dass die Vertragsdetails ausgeräumt sind und ich mich auf den Titelkampf konzentrieren kann." Ob als Weltmeister oder nicht, Mitte November wird Miller erstmals in seinem Leben eine 1.000er bewegen:"Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, dass ich in Valencia testen werde. Ich bin mir aber auch zu 99 Prozent sicher, dass ich bei der Ziellinie bremsen werde", fügt er lachend hinzu.

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