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Ott Tänak weinte im Ziel Tränen der Enttäuschung
Ott Tänak weinte im Ziel Tränen der Enttäuschung © Red Bull Content Pool

Statt erstem WRC-Triumph nur der Sieger der Herzen: Nach dem auf dramatische Weise verpassten Erfolg muss Ott Tänak von seinen Kollegen getröstet werden

Sonntag, 3. Juli 2016, kurz vor 13 Uhr am Rande von Mikolajki: Ott Tänak und Beifahrer Raigo Mölder erreichen das Ziel der Rallye Polen und stehen als Gesamtzweite fest. Das ist das bisher beste Resultat der beiden Esten in der Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) und eigentlich, so sollte man meinen, ein Grund zur Freude. Doch davon ist bei Tänak nichts zu sehen, nachdem er den Helm abgenommen hat. Sein Gesicht ist noch etwas blasser als sonst, und in seinen weit aufgerissenen Augen steht nacktes Grauen.

"Ich habe nichts zu sagen", ringt Tänak im obligatorischen Interview mit Molly Taylor vom WRC-TV mühsam um Worte. Als die australische Rallyefahrerin ihn daran erinnert, dass der zweite Platz sein bisher bestes Ergebnis bei einer WM-Rallye ist, schießen dem sonst so nordisch kühlen und mitunter etwas phlegmatisch wirkenden Esten Tränen in die Augen. "Das ist überhaupt nichts wert. Wenn wir als Dritte in den letzten Tag gegangen wären... aber so? Das ist zu hart."

Im Wartebereich am Ende der Powerstage angekommen, brechen dann alle Dämme. Tänak weint bittere Tränen der Enttäuschung, doch einer seiner Kollegen ist zur Stelle und steht dem Ford-Piloten bei. "Am Ende der Powerstage habe ich versucht, ihn ein wenig zu trösten", sagt Weltmeister Sebastien Ogier. "Wenn du so kurz vor deinem ersten Rallye-WM-Sieg stehst, tut es besonders weh."

Reifenschaden reißt Tänak aus allen Träumen

Und diesen ersten Sieg schien Tänak zwei Stunden vor den dramatischen Szenen im Ziel der Wertungsprüfung "Sady" bereits sicher in der Tasche zu haben. Nach seiner bisher stärksten Vorstellung in der Rallye-WM ging der Este mit einem Vorsprung von 18,6 Sekunden in die letzten beiden Prüfungen der Rallye. Bei noch knapp 30 zu fahrenden Kilometern eigentlich ein beruhigendes Polster - sollte man meinen.

Doch dann schlug das Schicksal in Form eines Reifenschadens zu. Tänak verlor bei der vorletzten WP gut 40 Sekunden und damit die Chance auf den Sieg, den Volkswagen-Pilot Andreas Mikkelsen abstaubte. "Es ist früh in der Prüfung passiert, als noch rund 13 bis 14 Kilometer zu fahren waren", berichtet Tänak über den Reifenschaden. "Ich hatte das Gefühl, dass der Reifen noch auf der Felge war und habe weiter gepusht, aber wir hatten dann einige sehr haarige Momente."

Es war für Tänak, dem in der Vergangenheit oft das Image eines Bruchpiloten anhaftete, das tragische Ende eines bis dahin großartigen Wochenendes. "Ich habe mich selten so wohl gefühlt. Das Auto und die Reifen haben perfekt funktioniert. Und wenn man sich gut fühlt und Vertrauen hat, gibt es im Auto keine Limits." Diese Einstellung war Tänak auf der Piste anzumerken, doch die gerechte Belohnung in Form eines Sieges gab es dafür am Ende nicht.

Sieger der Herzen statt Sieger der Rallye Polen

Und so überwog auch bei M-Sport-Chef Malcolm Wilson, dessen Team Tänaks Auto im Auftrag des britisch-chinesischen Reifenherstellers DMACK einsetzt, am Ende die Trauer. "Man kann sich vorstellen, wie enttäuscht das gesamte Team ist, wenn der Sieg so nahe ist", sagt er. "Ott und Raigo waren an diesem Wochenende absolut fantastisch und hätten den Platz ganz oben auf dem Podium verdient. Ott ist ein zukünftiger Rallye-Sieger und hat bewiesen, dass der Fiesta ein Siegerauto ist." Für Wilsons Team und Ford wäre es der erste WRC-Sieg seit September 2012 gewesen.

Doch so standen bei der Siegerehrung Mikkelsen und sein Beifahrer Anders Jaeger ganz oben auf dem Podium. Die moralischen Sieger der Rallye Polen waren aber Ott Tänak und Raigo Mölder, was ihre Konkurrenten auch neidlos anerkannten. Ogier trug Tänak, nachdem er ihn getröstet hatte, auf Schultern zu seinem Auto zurück, während Thierry Neuville und Jari-Matti Latvala nebenher gingen und dem Esten applaudierten.

"Ich fühle mit Ott und Raigo, die kurz vor dem Ziel den Sieg durch einen Plattfuß verloren haben", mischt sich auch bei Rallyesieger Mikkelsen in die Freude über seinen Sieg ein wenig Mitleid mit dem Schicksal des Rivalen. "Ich selbst habe eine ähnliche Situation vergangenes Jahr in Schweden erlebt."

"Ott Tänak und Raigo Mölder hätten den Sieg genauso gut verdient gehabt", meint auch Mikkelsens Teamchef Jost Capito. "Respekt vor ihrer Leistung - ihre Stunde in der Rallye-WM wird ganz sicher noch kommen." Solche netten Worte waren für Tänak am Sonntag zwar nur ein schwacher Trost, doch immerhin verabschiedete er sich mit einer Kampfansage aus Polen: "So etwas ist schwer zu ertragen, aber wir werden zurückschlagen.""

© Motorsport-Total.com

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