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Volkswagen-Technikchef FX Damaison spricht über die aktuellen Entwicklungen
Volkswagen-Technikchef FX Damaison spricht über die aktuellen Entwicklungen © Volkswagen/Kräling

Volkswagen-Technikchef Francois-Xavier Demaison spricht im Interview über alternative Antriebe im Rallyesport und das WRC-Reglement für die Saison 2017

Genau wie die Formel 1 erhält auch die Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) im kommenden Jahr ein neues Technisches Reglement, mit dem die Autos schneller und spektakulärer werden sollen. Damit schlägt der Motorsport aus Sicht von Francois-Xavier (auch genannte FX) Demaison nach Jahren der Abrüstung genau den richtigen Weg ein.

Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' stellt sich der Technische Direktor des Rallyeteams von Volkswagen aber an die Seite seines Starfahrers Sebastien Ogier und findet, man hätte lieber das Drehmoment und nicht die Leistung der Motoren erhöhen sollen.

Demaison erklärt auch, warum Simulatoren im Rallyesport keine so große Rolle wie beispielsweise in der Formel 1 spielen. Außerdem beleuchtet er das Trendthema alternative Antriebe und legt dar, warum im Rallyesport auf konventionelle Verbrennungsmotoren noch nicht verzichtet werden kann.

Frage: "Francois-Xavier, im nächsten Jahr ändern sich die Regeln sowohl in der Formel 1 als auch in der WRC grundlegend. Bewegt sich der Motorsport damit generell in die richtige Richtung?"Francois-Xavier Demaison: "Im Rallyesport haben sich die Fans immer darüber beklagt, dass die Autos nicht spektakulär genug sind. Sie wollten größere Flügel, breitere Autos, mehr Lärm und Flammen. Das war in der Formel 1 genauso. Dort waren sie von diesen schmalen Reifen gelangweilt, wollten breite Walzen und große Flügel. Es ist eine Frage des Geldes, denn die Regeln zu ändern, kostet immer Geld. Aber ich denke, das ist richtig investiert."

Reglement 2017 aus Ingenieurssicht nicht ganz perfekt

Frage: "Warum wurde der Motorsport immer 'zahmer'? Weshalb hat man diesen Weg eingeschlagen, der in vielen Kategorien zu beobachten war?"Demaison: "Im Rallyesport hat man das vor allem gemacht, um die Kosten zu senken. Man wollte die Entwicklungsarbeit einschränken und hat die Anzahl der Motoren reduziert, um dort Kosten zu sparen. Aber das hat letztlich dazu geführt, dass die Autos alle gleich aussahen. Es gab beim Design keine richtigen Unterschiede. Ich glaube, das war nicht die richtige Richtung, auch wenn es den Herstellern bei der Fortführung ihrer Programme geholfen hat."

Frage: "Was wäre für Sie das perfekte Reglement in der WRC? Ist das von 2017 das richtige?"Demaison: "Uns wäre es lieber gewesen, wenn man nicht die Motorleistung, sondern eher das Drehmoment erhöht hätte. Aktuell ist der Ladedruck begrenzt und wir haben einen Luftmengenbegrenzer. Es wurde entschieden, den Ladedruck beizubehalten, aber den Begrenzer zu vergrößern. Dadurch steigt die Höchstgeschwindigkeit."

"Volkswagen und einige andere Hersteller hätten lieber den Ladedruck erhöht, damit man mehr Drehmoment hat und die Autos schwieriger zu fahren sind. Die Kurvengeschwindigkeiten werden zwar auch jetzt etwas ansteigen, aber die Autos wären noch spektakulärer geworden. Dieses Reglement mit den größeren Flügeln und breiten Autos, aber mehr Ladedruck statt eines größeren Begrenzers wäre für mich perfekt gewesen."

Frage: "Sebastien Ogier meinte, dass die neuen Autos etwas schwieriger zu fahren seien, vor allem in engen Weinbergen."Demaison: "Ja, denn das Auto ist breiter. In verwinkelten Abschnitten ist das (neue; Anm. d. Red.) Auto nicht schneller als das aktuelle."

Rallyeprüfungen für Simulatoren zu lang

Frage: "Einer der großen Unterschiede zwischen der Formel 1 und der WRC sind die Simulatoren. Es ist offenkundig sehr schwierig, alle Wertungsprüfungen zu simulieren, während man eine Rundstrecke vergleichsweise einfach abbilden kann. Sehen Sie in dieser Richtung eine Entwicklung oder nicht?"Demaison: "Vielleicht nicht aus dem selben Grund wie in der Formel 1, wo im Simulator die Abstimmung verfeinert wird. Das wird im Rallyesport nicht möglich sein, denn wir werden die kompletten 300 Kilometer nicht abbilden können. Konkret an der Abstimmung arbeiten können wir damit also nicht."

"Wir nutzen Simulationen heute, um bei einem Konzept die Entwicklungsrichtung zu bestimmen. Dazu scannen wir einzelne Straßenabschnitte ab. Wir könnten sie auch für das Training der Fahrer nutzen. Heutzutage machen sie bei der Besichtigung zwei Durchgänge. Man könnte sich einen Simulator mit einem Basisauto vorstellen, mit einem Basisreifen und konstantem Grip, mit dem sie die Prüfungen lernen können. Wenn man beispielsweise die 'Ouninpohja' nimmt, die in diesem Jahr in umgekehrter Richtung gefahren wurde. Das wäre denkbar."

Frage: "Der grundlegende Unterschied liegt wohl darin, dass die Prüfungen im Rallyesport viel zu lang sind?"Demaison: "Genau. Außerdem ändern sich die Straßenverhältnisse von einem Auto zum anderen. Daher wäre es heute zu kompliziert, das zu simulieren. Die Hersteller sind bereit, eine Menge Geld zu investieren, um zu gewinnen, aber das ist nicht möglich."

Weshalb Elektroantrieb in Rallyesport nicht in Frage kommt

Frage: "Eine generelle Entwicklung im Motorsport geht in Richtung von Formaten wie der Formel E. Sehen Sie im Offroadsport Einsatzmöglichkeiten für Hybrid- oder Elektroantriebe oder alternative Kraftstoffe?"Demaison: "Im Rallyesport sind reine Elektroantriebe wegen der langen Distanzen derzeit nicht möglich. Im Rallycross ist es etwas anderes. Dort könnte ich mir reine Elektroautos vorstellen. Sie könnten genauso leistungsfähig wie ein Benzinauto sein. Natürlich würde der Lärm fehlen. Ich war vor kurzem beim Rallycross, das war richtig laut und spektakulär."

"Rein elektrische Antriebe kann ich mir im Rallyesport wie gesagt noch nicht vorstellen, aber vielleicht Hybrid. Wir haben Anti-Lag-Systeme und Allradantrieb und verbrauchen eine Menge Sprit. Man könnte sich daher vorstellen, dafür solche Lösungen einzusetzen. Aber ohne Benzinmotoren funktioniert Rallye nicht."

Frage: "Fast alle Hersteller produzieren mittlerweile Straßenautos mit Hybrid- oder Elektroantrieb. Könnte ein Einsatz im Rallyesport diese Entwicklung vorantreiben?"Demaison:"Ich persönlich als Ingenieur würde das begrüßen, denn das wäre eine Herausforderung. Wir lieben Neuerungen. Was das Marketing betrifft, müssen meine Kollegen bei Volkswagen sagen, aber ich wäre dafür."

Frage: "Bräuchte es vielleicht einen Anstoß durch die FIA wie mit der Formel E?"Demaison: "Sie wollten Hybridsysteme (in der WRC; Anm. d. Red.) schon 2017 einführen, aber alle haben gesagt, dass das zu früh kommt. Aber 2020 vielleicht."

© Motorsport-Total.com

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