München - Pete Carroll ist der schillerndste Trainer der USA. Sein Stil revolutioniert das Spiel. Bei den Seahawks krönt er seine Karriere.

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Von Eric Böhm, Katharina Hosser und Birgit Weishaupt

Das Streben nach wahrer Größe vereint seit jeher die genialsten Köpfe ihrer Zeit.

Der Sport bildet dabei keine Ausnahme. Natürlich wäre es lächerlich, einen Football-Coach auf eine Stufe mit Leonardo da Vinci oder William Shakespeare zu stellen.

Die Fähigkeit, millionen von Menschen in seinen Bann zu ziehen, kombiniert mit einer fast schon mystischen Aura des Erfolges verleiht Peter Clay Carroll, den alle Welt nur als Pete kennt, zumindest einen kleinen Funken dieser Genialität.

Der smarte Cheftrainer der Seattle Seahawks ist eine der tiefgründigsten Persönlichkeiten der NFL, die sonst von Oberflächlichkeiten dominiert wird.

Carroll übersteigt Football

Die Liste seiner Erfolge in über 40 Jahren im Trainergeschäft ist beeindruckend - gekrönt mit dem Erfolg im Super Bowl XLVIII soll sie nun mit der Mission Titelverteidigung ihre Fortsetzung finden (Divisional Playoffs am Sonntag, ab 2 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 US und im LIVESTREAM).

Was Carroll aber wirklich ausmacht, ist die Zielstrebigkeit mit der er seinen Weg als Enkel österreichisch-irischer Einwanderer von San Francisco aus zum Multimillionär, Buchautor und gefeiertem Motivator mit dem charakteristischen Gewinnerlächeln antrat.

"Du musst deine Fähigkeiten so perfektionieren, dass daraus wie bei einem Tänzer eine natürliche Improvisation entsteht. Nur so kannst du das Beste aus dir herausholen, weil es keine Grenzen mehr gibt. Diese Mentalität möchte ich immer wieder erschaffen und für immer bewahren", sagte der 63-Jährige einmal.

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Seine Maxime: "Win Forever"

Seinen philosophischen Ansatz skizzierte Carroll erstmals in seinem Buch "Win Forever", gelebt hat er ihn auf und neben dem Football-Feld schon seit Jahrzehnten.

An der High School war er als junger Mann ein Star in Football, Basketball und Baseball - 2009 wird er dafür sogar in die Hall of Fame seiner Schule aufgenommen.

Aber erst nach seinem College-Abschluss und einem Job als Verkäufer von Dachziegeln findet Carroll 1973 seine Berufung als Assistent an seiner Alma Mater, der Pacific University in Stockton, Kalifornien.

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Langer Weg bis in die NFL

In den folgenden zehn Jahren arbeitet er erfolgreich für Trainerlegenden wie Lou Holtz oder Monte Kiffin am College, ehe es ihn 1983 erstmals in die NFL zieht.

Schon damals beeinflussen ihn große Denker wie Psychoanalytiker Carl Jung oder der Zen-Meister Daisetsu Teitaro Suzuki.

Damals entwickelt Carroll sein Konzept des "Inner Game", das er in seinem Buch wie folgt skizziert: "Menschen bringen die beste Leistung, wenn sie sich nicht von Negativität, Angst und Zweifel leiten lassen. Diese Mentalität versuche ich, meinen Teams zu vermitteln."

USC wird unter Carroll zur Dynastie

Dieser unbändige Optimismus zeigt sich auch heute noch in seinem ungeheuer aggressiven Coaching-Stil. Er spielt, um zu gewinnen (So spricht die NFL: Die wichtigsten Begriffe).

Beim College-Footballteam der University of Southern California (USC) Trojans bringt ihm das im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausend den Spitznamen "Big Balls Pete" ein.

In Los Angeles gewinnt er innerhalb von drei Jahren zwei Meisterschaften und bringt Stars wie Clay Matthews oder Reggie Bush hervor.

Nicht wenige Experten sehen seine Teams (97 Siege in 116 Spielen, siebenmal in Folge am Saisonende unter den Top 4) der damaligen Ära als 33. NFL-Team - inklusive des Medienhypes.

"Mein Vorgänger Paul Hackett gab mir damals einen Zettel mit Gründen, warum USC nie erfolgreich werden könnte. Sie stimmten alle, aber ich hatte eine Vision", erinnert sich Carroll.

Bei Jets und Patriots gescheitert

Die Verbindung von unbändigem Ehrgeiz und Schicksal wurde zu einer riesigen Erfolgsgeschichte. Eigentlich hatte er die Uni nur wegen seiner Tochter besucht, die dort studieren wollte.

Die letztlich gescheiterten ersten Anläufen als Cheftrainer in der NFL bei den New York Jets (1994) und den New England Patriots (1997 bis 1999) hatten den Glauben an sich selbst nur noch erhärtet.

"Er sieht die Welt aus einem Winkel, wie es andere Leute nicht können", erklärt der langjährige Begleiter Darryl Gross, der an der Verpflichtung Carrolls bei USC beteiligt war.

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Absprung vor dem Bush-Skandal

Es ist eine treffende Einschätzung des passionierten Surfers, der auch heute noch regelmäßig zum Wellenreiten auf den Pazifischen Ozean hinaus paddelt und Nachbar des ehemaligen Microsoft-Bosses und neuen Besitzer der L.A. Clippers, Steve Ballmer, ist.

Selbst in der dunkelsten Stunde seiner Karriere bewahrt Carroll seine Strahlkraft.

Auch wenn er es bis heute bestreitet, verlässt er die Trojans nach der Saison 2009 wegen des massiven Skandals um Reggie Bush, um illegale Zuwendungen wie Autos und Geld an den heutigen NFL-Spieler.

Kaugummi als ständiger Begleiter

Unter anderem wurde USC die Meisterschaft 2005 aberkannt, bis heute haben sich die Trojans nicht komplett von den Sanktionen erholt - die Dominanz unter Carroll ist dahin.

Als wäre er mit Teflon überzogen, blieb jedoch nichts an der weißen Weste des ewigen Sunnyboys kleben, den man so gut wie nie ohne Kaugummi antrifft. Nach wie vor wird er von den Fans in L.A. verehrt.

Getreu seinem Naturell machte Carroll aus der Not eine Tugend und unterschrieb bei den Seattle Seahawks im Januar 2010 für fünf Jahre und 33 Millionen Dollar, um seine offene Rechnung mit der NFL zu begleichen.

Carroll formt Seahawks zum Bollwerk

Dabei zeigte der Meister der Psychologie eindrucksvoll, dass er eben auch den handwerklichen Teil seines Job glänzend beherrscht.

Vor allem Defensivtalente erkennt er wie kaum ein Konkurrent. In nur vier Jahren formte er aus Nobodys wie Richard Sherman oder Kam Chancellor eine gefürchtete Abwehr, die zum Herzstück seines Meisterteams wurde.

Mehr noch, Carroll revolutionierte die Passverteidigung mit ungeheuer physischen Cornerbacks und Safeties, die im Super Bowl selbst den großen Peyton Manning zur Verzweiflung trieb.

"Es wird immer betont, dass der Coach ein unfassbarer Motivator ist. Das stimmt auch, aber er hat auch einen unglaublichen Football-IQ", betont Russell, den Carroll vom Baseballspieler zum Star-Quarterback eines NFL-Champions formte.

Viele soziale Projekte

Nahezu alle Coaches die unter ihm arbeiteten, darunter Mike Tomlin (Pittsburgh Steelers) und Gus Bradley (Jacksonville Jaguars), unterstreichen dies, heben aber auch seine Fähigkeit hervor, über den Tellerrand hinaus schauen zu können.

Der dreifache Familienvater hat längst auch jenseits des Footballs Spuren hinterlassen (Die NFL-Playoffs LIVE im TV auf SPORT1 US und im LIVESTREAM).

So setzte er sich während seiner Zeit in L.A. für die Bekämpfung der Bandenkriminalität ein, arbeitet mit benachteiligten Jugendlichen - gemeinsam mit Hollywood-Stars wie Dwayne "The Rock" Johnson - und hält regelmäßig Motivationsseminare ab.

(Alles zur NFL auch bei SPORT1 im Free TV - Do. 18 Uhr "Inside US Sports")

Ziele über Trophäen hinaus

Die weltbekannte Autorin Rhonda Byrne nahm Carroll in ihr Buch "Hero" auf, das sich mit zwölf einzigartigen Erfolgsgeschichten befasst. Sie alle basieren auf der Kraft des festen Glaubens an sich selbst.

"Alle Kraft kommt aus der Fähigkeit, zu visualisieren, was aus uns werden soll. Positives Denken und eine optimistische Haltung sind die beste Gewähr für Erfolg. Kein Jammern, kein Klagen, keine Ausreden", zitiert die Autorin Carroll darin unter anderem.

Seine Ziele sind eben nicht auf Trophäen beschränkt, Carroll will mehr: "Jeder Mensch hat so viel Kraft in sich, die darauf wartet, befreit zu werden. Manchmal brauchen sie nur einen kleinen Schubs, und die großartigsten Dinge werden möglich."

An diese Maxime glaubt jener bemerkenswerte Mensch nicht nur, er lebt sie.

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