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Die Doping-Beichte von Maria Sharapowa setzt russichen Verband weiter unter Druck © Getty Images

Der Dopingfall Maria Scharapowa und die Meldonium-Flut sorgen weiter für helle Aufregung - und treiben Russland in die Enge. Der IOC hält sich bedeckt.

Die WADA schlägt Alarm, ein Olympia-Bann wird immer konkreter - doch die Russen spielen die Unschuld vom Lande: Der Dopingfall Maria Scharapowa und die Meldonium-Flut sorgten im Weltsport am Mittwoch für helle Aufregung.

Während WADA-Gründungspräsident Dick Pound "den kompletten Sport bedroht" sieht und auch DOSB-Präsident Alfons Hörmann eine russische Olympia-Teilnahme mehr denn je in Frage stellt, verharmlosen die in die Enge getriebenen Russen nach Kräften.

"Die Situation sollte nicht so dargestellt werden, dass irgendwie ein Schatten auf den russischen Sport geworfen wird, auf die großartigen Leistungen unserer Athleten", sagte Dimitri Peskow, persönlicher Sprecher von Kreml-Chef Wladimir Putin: "Wir sprechen über einzelne Athleten, Einzelfälle."

Alexej Krawtsow, der Präsident des besonders betroffenen russischen Eislauf-Verbandes RSU, forderte sogar einen Freispruch betroffener Athleten, da "die Wahrscheinlichkeit eines Laborfehlers besteht".Sportminister Witali Mutko verneinte kurzerhand ein systematisches Problem im russischen Sport. "Jede Situation, die aufgetreten ist, ist individuell", sagte Mutko. Man habe jetzt "kein Recht, einen Kommentar abzugeben." 

"Kompletter Sport bedroht"

Dieses Recht nahmen sich bei einer Anti-Doping-Konferenz in London Fachleute allerdings reihenweise heraus. Sie fanden drastische Worte zur Situation in Russland - vor allem der ehemalige WADA-Boss Pound, dessen Kommission schwere Missstände in Russland aufgedeckt hatte.

Was derzeit in Russland stattfinde, sei nicht mehr als "eine Neuanordnung der Liegestühle auf dem Deck der Titanic".

Der Kanadier betonte aber, dass die Problematik nicht auf Russland beschränkt sei, was die Bedrohung nur vergrößere.

"Der komplette Sport ist bedroht. Wenn seine Integrität kontinuierlich untergraben wird, werden sich die Leute abwenden."Auch WADA-Präsident Craig Reedie schlug Alarm und forderte mehr Mittel für den Anti-Doping-Kampf, wenn "seriöse Untersuchungen zur Norm" werden sollen: "Wir wollen ein gesundes Sportumfeld schaffen, in dem Doping keine Option mehr ist."

Dass es bis dahin ein steiniger Weg ist, weiß auch Alfons Hörmann. Der DOSB-Präsident stellte am Mittwoch die Teilnahme russischer Athleten bei den Olympischen Spiele in Rio mehr denn je in Frage. Die Fälle seien ein "weiterer schwerer Rückschlag und kein gutes Zeichen für den internationalen Kampf gegen Doping", sagte Hörmann.  

Pound glaubt nicht an russiche Olympia-Teilnahme

Sollten die Ermittlungen "eine Systematik bestätigen", würde sich die Diskussion über die Teilnahme der russischen Leichtathleten in Rio "verständlicherweise ausweiten", sagte Hörmann. Klar sei, "dass die Dinge im Sinne der Chancengleichheit aller Athletinnen und Athleten geregelt sein müssen." Diese sei derzeit "offenkundig nicht gegeben".  

Nach der Dopingbeichte von Tennis-Superstar Scharapowa waren seit Montagabend auch die Fälle des Eisschnelllauf-Weltmeisters Pawel Kulischnikow, des Shorttrack-Staffelolympiasiegers Semjon Jelistratow und des Volleyball-Nationalspielers Alexander Markin öffentlich geworden.  

Pound, nie um ein klares Wort verlegen, glaubt mittlerweile zumindest nicht mehr an einen Start der russischen Leichtathleten in Rio. "Meine Einschätzung ist, dass Russland zu Olympia nicht zurückkehrt", sagte er: "Der Leichtathletik-Weltverband IAAF und die WADA werden nicht ihre Reputation riskieren, indem sie umkippen oder sich tot stellen." 

IOC hält sich bedeckt 

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und dessen Präsident Thomas Bach fühlten sich derweil nicht dazu berufen, eine Einordnung der dramatischen Entwicklungen vorzunehmen. "Der Fall Scharapowa liegt in der Hand des Tennis-Weltverbandes ITF, und wir warten dessen Untersuchungsergebnis ab", sagte ein IOC-Sprecher. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF und die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA untersuchten derzeit die Vorwürfe gegen Russland, "auch da warten wir die Ergebnisse ab".  

Die zuständige WADA-Kommission wird am 5. April eine Einschätzung abgeben, ob die Anti-Doping-Agenturen umstrittener Länder wie Russland oder Kenia als "non-compliant" (nicht mit dem Code übereinstimmend) zu bewerten sind.

Der WADA-Vorstand befasst sich auf einer Sitzung am 12. Mai mit dem Sachverhalt und gibt dann eine Empfehlung. Mit entscheidend wird auch die Einschätzung der IAAF-Task-Force sein. Am längsten Hebel jedoch sitzt ohne Frage das IOC.  

Bach hat sich seit Scharapowas Dopingbeichte und seit den jüngsten Enthüllungen der WDR-Sendung Sport Inside nicht mehr zur Sachlage geäußert. Vor Jahresfrist hatte er angedeutet, dass vor allem die Regel-Konformität der nationalen Verbände die Voraussetzung für eine Rio-Teilnahme sei. Seitdem lobte er mehrfach die Fortschritte der russischen Anti-Doping-Bemühungen.  

Im Januar ließ Bach, der gute Kontakte zu Putin pflegt, erneut durchblicken, dass er kein Freund von flächendeckenden Bestrafungen ist: "Wir müssen die sauberen Athleten schützen. Das heißt auch, dass wir sie vor dem Generalverdacht schützen müssen."

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