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Aus Bad Boys werden Sad Boys: In letzter Sekunde setzte es im Halbfinale fürs DHB-Team die Pleite
Aus Bad Boys werden Sad Boys: In letzter Sekunde setzte es im Halbfinale fürs DHB-Team die Pleite © DPA Picture Alliance

Rio de Janeiro - Aus Bad Boys werden Sad Boys: Das beeindruckende Comeback der deutschen Handballer gegen Frankreich wird in letzter Sekunde zerstört - und damit der Gold-Traum.

Die Spuren des Kampfes ließen sich eindrucksvoll an Nikola Karabatic ablesen. Der beste Handballer der Welt schnaufte wie ein Walross, stützte seinen mächtigen Oberkörper mit beiden Händen auf die Knie, Schweiß troff auf den Boden.

Er versuchte zu erklären, was da eigentlich gerade geschehen war. Kein Spiel wie jedes andere, das war offensichtlich. "Ich bin so müde jetzt, ich kann es gar nicht fassen", ächzte Karabatic: "Gerade die letzten zehn Minuten waren sehr anstrengend."

Auf dem Weg ins Endspiel um den dritten Olympiasieg in Folge sahen seine Franzosen schon früh wie der sichere Sieger aus, mussten dann aber noch einmal deutlich mehr investieren als ihnen lieb war. Weil ihr Gegner eine selten wilde Aufholjagd startete und um ein Haar das dramatische Halbfinale von Rio de Janeiro noch gedreht hätte.

Erst Daniel Narcisse mit dem letzten Wurf fast mit der Schlusssirene erzielte den Siegtreffer zum 29:28 (16:13) und beendete den deutschen Traum von Gold jäh.

Bad Boys beeindrucken Omeyer

So dass DHB-Kapitän und Topscorer Uwe Gensheimer, der elf Tore bei zwölf Versuchen erzielte, mit leerem Blick nur dies hervorbrachte, bevor er mit gesenktem Kopf verschwand: "Es ist sehr frustrierend. Wir sind sehr enttäuscht."

20 Minuten vor dem dramatischen Finish hatte bei einem Sieben-Tore-Rückstand kaum einer der 11.000 Zuschauer noch an die Europameister geglaubt. "Es war beeindruckend, wie die Deutschen zurückgekommen sind", sagte der bärenstarke Torwart-Oldie Thierry Omeyer (39): "Wir wussten aber auch, dass ein Halbfinale nicht nach einer Dreiviertelstunde vorbei ist."

Nach einer vor allem defensiv schwachen ersten Halbzeit kämpfte sich das Team von Dagur Sigurdsson mit beeindruckender Moral Tor um Tor heran und zog die neutralen Zuschauer in der Halle auf seine Seite. Am Ende fehlte denkbar wenig für die totale Wende. Was die Niederlage nur noch schlimmer machte.

Julius Kühn, der mit seinen gewaltigen Würfen aus dem Rückraum (acht Treffer/neun Versuche) maßgeblichen Anteil am Comeback hatte, befand zurecht: "Wir hätten die Verlängerung verdient gehabt."

Debakel drohte

Dabei sah es lange nach einer Lehrstunde aus durch Frankreichs "Übermannschaft" (Sigurdsson). Dass es nicht dazu kam, lag auch an der Finesse des Bundestrainers, der immer wieder das neue Regelwerk clever anwandte und durch Herausnahme des Torhüters eine künstliche Überzahlsituation schuf.

"Wir sind Risiko gegangen mit sieben gegen sechs. Das hat uns in die Halbzeit gerettet", erklärte Sigurdsson. Sein Kniff ging zwar auch mehr als einmal nach hinten los, als Karabatic und Omeyer hintereinander nach Balleroberung zur höchsten Führung (22:15/41.) ins leere Tor trafen.

Karabatic sprach dennoch ein Kompliment aus: "Deutschland hat diese Regel im Turnier am besten genutzt." Auch weil sie den Gegner so auf Dauer offenbar mürbe machten.

Bronze als Trost?

Es half ihnen aber am Ende nichts. Frust pur statt Griff nach Gold. Einige der Spieler hatten Tränen den Augen, berichtete Bob Hanning: "So brutal kann Sport sein."

Der Verbandsboss bemühte sich jedoch, den Lerneffekt solcher Dramen für die junge Mannschaft in den Vordergrund zu stellen. Kurzfristig wolle man "relativ schnell aus der Enttäuschung ein positives Gefühl erzeugen und die Bronzemedaille holen."

Am Sonntag (15.30 Uhr im Liveticker) geht es mit Polen gegen einen Gegner auf "Augenhöhe" wie Sigurdsson erklärte. Der Isländer wirkte bei aller Enttäuschung sehr gefasst: "Das Leben geht weiter. Dies ist keine Endstation."

Dabei hatte sein Team gerade eine Niederlage erlitten, wie sie brutaler kaum sein kann.

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