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Rio de Janeiro - Fabian Hambüchen krönt mit Olympia-Gold am Reck seine Karriere. Großen Anteil hat sein Vater Wolfgang. Der 28-Jährige beweist in der Stunde seines größten Erfolges Größe.

Vater und Sohn schritten durch die fast schon menschenleere, riesige Arena, da nahm der Sohn seine Goldmedaille ab und hängte sie dem Vater um den Hals. Es war eine rührende Szene am finalen Abend einer großen Turnkarriere, die besser nicht hätte enden können.

Olympiagold. Im letzten Wettkampf. Am Reck, seinem Paradegerät, gleichzeitig dem letzten Turnwettkampf der Spiele in Rio de Janeiro. Die Medaille, die Deutschlands Vorzeigeturner noch fehlte. Das höchste aller Ziele.

"Das ist die Erfüllung eines Traums", sagte Fabian Hambüchen wenig später mit strahlenden Augen, von klein auf habe er davon geträumt.

Auf Silber und Bronze folgt Gold

Mittlerweile ist er 28, bei vier Olympischen Spielen ist er an den Start gegangen. Und nun hat er es geschafft. Nach Silber (2012) und Bronze (2008) endlich Gold. Erstaunlich, dass er sich überhaupt von der Medaille trennen konnte, die ihm so viel bedeutet.

"Ich habe mich gewundert, wie schwer das Teil ist", erzählte Wolfgang Hambüchen lachend im Gespräch mit SPORT1: "Es war ein schöner Moment und eine nette Geste. Er wollte damit sagen, dass wir das zusammen erwirtschaftet haben. Aber er hat es geleistet."

Julian Meißner berichtet für SPORT1 von Olympia 2016 aus Rio de Janeiro
Julian Meißner berichtet für SPORT1 von Olympia 2016 aus Rio de Janeiro © SPORT1-Grafik: Paul Haenel/Getty Images

Erstmals in Rio hatte der Vater, mit einer Sondergenehmigung ausgestattet, seinen Sohn als "Personal Coach" bei einem Wettkampf betreut. Als Erster ging Hambüchen ans Gerät und legte eine Übung hin, die er selbst als "grandios, ziemlich fehlerfrei" bezeichnete. Und an der sich seine Konkurrenten die Zähne ausbeißen sollten.

Der größte Konkurrent patzt

Direkt nach ihm startete sein Freund und gleichzeitig größter Konkurrent, der Niederländer Epke Zonderland. Der 30-Jährige ist berühmt für seine spektakulären Flugelemente, von denen ihm eines zum Verhängnis wurde. Die Hände fanden keinen Halt an der Stange, Zonderland krachte mit dem Gesicht voraus in die Matte.

"Ich bin der Letzte, der sich dann freut. Der Absturz war ja auch nicht ganz ungefährlich", meinte Hambüchen über den Moment, der seine Medaillenchancen deutlich verbesserte. Und es war keine Floskel. Die beiden kennen sich eine halbe Ewigkeit. "Wir haben hier viel Zeit zusammen verbracht, waren gestern noch zusammen Mittagessen. Es tut mir unendlich leid, ich wäre gerne nochmal mit ihm da oben gestanden", sagte Hambüchen.

Überhaupt war der Wettbewerb geprägt von großer Fairness, freundschaftlicher Atmosphäre und echter Anerkennung der Leistung des anderen.

Nach Zonderlands Absturz: Zittern. "Es ist natürlich die Hölle, wenn du da stehst und sieben Leute abwarten musst", so Hambüchen: "Und du weißt, dass jeder die Chance hat, ganz knapp an dir vorbeizugehen. Das war eine Qual."

Jubelschreie ertönen in der Halle 

Mit jedem Starter wuchsen Hambüchens Chancen, irgendwann war die Medaille sicher, nur die Farbe unklar. Erst als auch der achte Starter, der US-Amerikaner Danell Leyva, nicht an Hambüchens 15.766 Punkte herankam, löste sich all die Anspannung. Laute Jubelschreie schickte der in seinen jungen Jahren als "Turnfloh" bekannt gewordene Wetzlarer durch die Olympic Arena, ballte immer wieder die Faust, hängte sich eine Deutschland-Fahne um.

Lange war klar gewesen, dass es Hambüchens letzte Chance auf einen großen Sieg werden würde, der Druck war entsprechend immens. Nach dem olympischen Teamfinale hatte er satte acht Tage Zeit, sich Gedanken zu machen. "Mit dem Schlafen wurde es da immer schlechter", berichtete er, doch er habe sich irgendwann gesagt: "Junge, noch einmal ein Finale, genieß es!"

Schließlich war er schon glücklich, dass er überhaupt starten konnte. Ein steiniger Weg hatte ihn nach Rio geführt. Noch vor gut vier Monaten war das Projekt aufgrund hartnäckiger Schulterprobleme fraglich gewesen.

Dass nun das Maximum heraussprang, machte Hambüchen emotional sichtlich zu schaffen. Und doch fing er sich schnell wieder.

Nachdem er in der ersten Euphorie freudetrunken angekündigt hatte, das deutsche Haus mit einer standesgemäßen Party "in Schutt und Asche" legen zu wollen, war er wenig später in den Gedanken bei den Angehörigen des verstorbenen Kanutrainers Stefan Henze.

Hambüchen beweist Größe

Der tödliche Autounfall hatte am Vortag das gesamte deutsche Team erschüttert. Und so kündigte Hambüchen an, man werde aus Respekt und Anteilnahme Maß halten.

Im größten Moment seiner Karriere bewies Hambüchen Größe. Auch etwas, worauf sein Vater und Trainer stolz sein konnte.

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