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Andreas Toba (M.) musste von seinen Kollegen getröstet werden
Andreas Toba (M.) musste von seinen Kollegen getröstet werden © Imago

Rio de Janeiro - Andreas Tobas Traum vom Finale ist geplatzt. Doch er unterstützt seine Kollegen trotzdem - und wartet auf seine Liebste. Die Anteilnahme aus der Heimat überwältigt ihn.

Die schüchterne Stille wich warmem Applaus, als Andreas Toba wie in Zeitlupe auf Krücken und mit dick bandagiertem Knie die Treppe im deutschen Haus am Barra Blue Beach Point hinunterstieg und den Pressekonferenzraum betrat.

"Ganz okay" gehe es ihm, erklärte der Turner wenig später mit einem leicht gequälten Lächeln einen Tag nach dem Drama von Rio de Janeiro, in dem er mit schwerer Verletzung den Finaleinzug im olympischen Mannschaftswettbewerb gesichert hatte.

"Ich hätte es mir mein Leben lang vorgehalten, wenn ich es nicht versucht hätte", schilderte Toba seine Überlegungen.

Julian Meißner berichtet für SPORT1 von Olympia 2016 aus Rio de Janeiro
Julian Meißner berichtet für SPORT1 aus Rio de Janeiro © SPORT1-Grafik: Paul Haenel/Getty Images

Doch wie geht es für den Verletzten und das dezimierte deutsche Team weiter? SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen:

- War Tobas Einsatz unverantwortlich?

Die Willensleistung sei nur möglich gewesen in so einer Wettkampfsituation, in der der Körper voller Adrenalin und die Muskulatur unter voller Anspannung sei, erklärte Mannschaftsarzt Dr. Hans-Peter Boschert: "Es war für mich nach der ersten Diagnose klar: Wenn man das Knie wirklich so fest taped, kann man es verantworten, dass er am Pauschenpferd Übungen turnt. Und lange Zeit zu überlegen hatten wir nicht. Andi hat das so für sich entschieden und ich habe die Entscheidung mitgetragen."

Wahrscheinlich ließ sich aber nicht ganz ausschließen, dass sich die Verletzung durch Tobas heroischen Einsatz noch verschlimmert hat.

Nach der ersten Diagnose Kreuzbandriss wurde am Sonntag "eine komplexe Knieverletzung mit unter anderem einem Riss des vorderen Kreuzbandes und einer Verletzung des Innenmeniskus" festgestellt, wie der Verband mitteilte. Dessen Dank konnte Toba sich gewiss sein - sorgte er doch mit seiner Leistung erst für den Finaleinzug und mit der Platzierung unter den ersten Acht für wichtige Fördergelder für den DTB.

- Sind die neuen Regeln schuld?

Der Forderung Fabian Hambüchens nach einer Änderung des Reglements wegen der erhöhten Risikobereitschaft schlossen sich weder Toba noch DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam an. "Es ist sicher nicht das Gelbe vom Ei, aber ein Zurück wird es nicht geben können", sagte Willam und verwies darauf, dass die aktuellen Übungen mit dem alten System kaum mehr bewertbar wären.

"Es ist doch in jeder Sportart so, dass alle am Schluss das Beste zeigen wollen. Und es ist auch klar, dass das Turnen sich weiterentwickelt", sagte Toba: "Die Regeln sind so, daran können wir als Sportler nichts ändern." Man beherrsche die Geräte ja, seine Verletzung sei "nicht an den Regularien festzumachen".

- Wie geht es für Toba weiter?

Überwältigt zeigte er sich von der Anteilnahme und den Glückwünschen aus der Heimat: "Ich kann mich nur für die Unterstützung bedanken. Es war unfassbar. Ich wurde regelrecht erschlagen von den ganzen Nachrichten."

Neben den Grüßen der Fans wird bei Toba vor allem seine Freundin Daniela Popatova für Trost sorgen. Sie startet für Deutschland in der Rhythmischen Sportgymnastik, reist aber erst noch nach Brasilien an.

Tobas Abreise in Richtung Reha, versprach Willam, werde man so managen, dass die beiden sich zumindest kurz sehen können.

- Was kann das dezimierte Team erreichen?

Im Mannschaftsfinale am Montag wird es nun ohne Toba für die vier Teamkollegen umso schwerer, vorne anzugreifen. Die Medaillen sind im Normalfall deutlich außer Reichweite.

Toba wird das Team begleiten, aber natürlich nicht zum Einsatz kommen - obwohl darüber am Samstagabend in der allgemeinen Euphorie noch offen nachgedacht wurde. Bundestrainer Andreas Hirsch sagte: "Wir haben nicht vor, Achter zu bleiben. Aber ohne ihn wird es schwer." 

Zwar geht es von den Punkten wieder bei Null los, aber am Pferd und an den Ringen fehlt Spezialist Toba, jeweils ein Kollege muss in die Bresche springen, hat dadurch eine Mehrbelastung. An allen Geräten müssen im Finale pro Nation drei Starter antreten, ein Streichergebnis gibt es anders als in der Qualifikation nicht. 

Doch natürlich wollen Hambüchen, Andreas Bretschneider, Marcel Nguyen und Lukas Dauser auch ohne den Mehrkampfmeister nicht kampflos aufgeben. Hirsch: "Die Mannschaft steht Schulter an Schulter und ist fest entschlossen, alles in die Waagschale zu werfen."

Wie man das macht, können sie bei ihrem verletzten Teamkollegen erfragen. 

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