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SPORT1 zieht Bilanz
SPORT1 analysiert das sportliche Abschneiden und Auftreten der deutschen Athleten in Rio © SPORT1-Grafik Philipp Heineman / Getty Images und Imago

Rio de Janeiro - Die Spiele in Rio sind beendet. Wie hat sich das deutsche Team auf und neben den Wettkampfstätten präsentiert? Wohin geht die Tendenz? SPORT1 zieht das Fazit.

Am Paddel ist Sebastian Brendel sicherer als an der Fahne - auch das ist eine Erkenntnis der Olympischen Spiele. Als der deutsche Fahnenträger am Sonntag bei der Schlussfeier ins legendäre Maracana-Stadion von Rio de Janeiro einlief, verwedelte er sich doch tatsächlich ein wenig vor lauter Übermut.

Der Doppel-Olympiasieger gehörte zu den absoluten Gewinnern der Spiele. Er überzeugte nicht nur sportlich, sondern auch mit gesunder Einstellung und starker Meinung.

306 Entscheidungen fielen in den 16 Wettkampftagen. Wie hat sich das deutsche Team dabei geschlagen, auf und neben den Wettkampfstätten? SPORT1 zieht Bilanz.

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- Abwärtstrend gestoppt - oder doch nicht?

Platz fünf im Medaillenspiegel, 17 Mal Gold, 10 Mal Silber, 15 Mal Bronze und damit 42 Medaillen - das sind die nackten Fakten. Die Marke von London (44) wurde verfehlt, der ausgegebene Zielkorridor von 42 bis 71 Medaillen gerade so touchiert.

Es gab mehr Gold als 2012 (11), aber dafür auch deutlich weniger Finalteilnahmen, ein wichtiger Wert für die Verbände bei der Verteilung der Fördergelder. Fakt ist: Seit Barcelona 1992 gehen die Ergebnisse zurück.

Und geballte Erfolge in einzelnen Disziplinen (Kanurennsport, Reiten, Schießen) schönten die Bilanz von Rio gewaltig. Daher sollte man sich von den Medaillen nicht blenden lassen, das Problem liegt in der Breite. In London kam die deutsche Olympia-Mannschaft auf 125 Ränge auf den Positionen 1 bis 8, in Rio auf nur noch 99.

- Starke Mannschaften

"Die Spiele der Spiele" nannte DOSB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig die Wettbewerbe recht treffend. Gold und Silber im Fußball, Doppelbronze im Hockey, Bronze im Handball, Gold im Beachvolleyball, Silber und Bronze für die Tischtennis-Mannschaften - was die Teams in Rio ablieferten, war mehr als vorzeigbar.

Für den Medaillenspiegel zählten die Erfolge zwar nur wie ein Einzelwettbewerb, doch die Anzahl der Medaillengewinner insgesamt schnellte so auf "rund 150", wie DOSB-Präsident Alfons Hörmann freudig verkündete. Und ein Olympiasieger taugt als Vorbild, ob er seine Medaillen nun alleine oder im Team errungen hat.

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- Kriselnde Kernsportarten I

Die Beckenschwimmer erlebten ein Desaster (keine Medaille, 7 Finalteilnahmen, beste Platzierung Rang 6) – obwohl eigentlich schon in London deutlich wurde, wie groß der Abstand zur Weltspitze geworden ist. Doch alle Maßnahmen im Vorfeld fruchteten nicht.

 Bundestrainer Henning Lambertz fordert mehr Mittel, um die Strukturen und das Training zu verbessern: "Wir müssen jetzt echt was ändern." Verglichen mit anderen Nationen sind die Ressourcen des DSV tatsächlich dürftig.

- Kriselnde Kernsportarten II

In der Leichtathletik blieb man mit zweimal Gold und einmal Bronze ebenfalls weit hinter den Erwartungen. Vor allem große Namen wie Christina Schwanitz und David Storl enttäuschten. DLV-Präsident Clemens Prokop sprach zwar von einem "Ausrutscher", kündigte aber eine "Umstrukturierung des Bereichs Leistungssport" an.

Ganz so schlimm wie bei den Schwimmern ist es aber nicht. Highlights waren neben dem Diskus-Duo Christoph Harting und Daniel Jasinski (Gold und Bronze) sowie Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler der Deutsche Rekord von Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause und die persönliche Bestleistung von Malaika Mihambo im Weitsprung.

- Bewertung unter Vorbehalt

Das jetzige Ergebnis wird so nicht Bestand haben. Nachtests der Spiele 2008 in Peking und 2012 in London ergaben Stand jetzt 98 positive Dopingproben - nach der Hälfte der Untersuchungen. Sehr wahrscheinlich werden in den kommenden Jahren auch unter den Medaillengewinnern von Rio Betrüger überführt werden und die Listen umgeschrieben werden müssen.

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Hinzu kommt, dass Sportarten wie das Gewichtheben offensichtlich derart verseucht sind, dass man einfach keine Einschätzung des Leistungsstandes im internationalen Vergleich unter fairen Bedingungen ziehen kann. "Es wird erst wieder Chancengleichheit bestehen, wenn der Antidopingkampf konsequent angegangen wird", sagte Schimmelpfennig. Und das beschränkt sich nicht allein aufs Gewichtheben. Dass sich Deutschland im Medaillenspiegel mit Russland auf einem Niveau befindet, zeigt ja schon, dass man diese Tabelle lieber nicht zu ernst nimmt.

- Auftreten der Athleten

Den "deutschen Weg" hatte Hörmann zu Beginn der Spiele propagiert und gefordert, die Sportler nicht nur an den Ergebnissen zu messen. So sei der selbstlose Einsatz des Turners Andreas Toba "mehr wert als eine Goldmedaille".

Insgesamt gaben die Deutschen eine gute Visitenkarte ab - im Gegensatz zu anderen Nationen wie den USA, bei denen Starschwimmer Ryan Lochte mit seiner erfundenen Überfallgeschichte für diplomatische Verwerfungen sorgte.

Oder den Australiern, die erst übertrieben über das Athletendorf moserten und dann durch ausschweifende Partys auffielen. Christoph Hartings merkwürdiger Auftritt bei der Siegerehrung löste zwar in Deutschland eine größere Diskussion aus, blieb aber international eher unbeachtet.

Positiv: Der Teamgedanke wurde voll ausgelebt. Superstars wie Martin Kaymer zeigten sich fasziniert vom Olympischen Geist, auch die Fußballer zogen mit. Das zeigte auch die Gedenkfeier für den tragisch verunglückten Kanuslalom-Trainer Stefan Henze, an der über 200 Teammitglieder teilnahmen.

- Wie geht es weiter?

Auf dem Weg zu Olympia 2020 in Tokio stehen dem deutschen Spitzensport einschneidende Veränderungen bevor. Im Herbst kommen die Fakten zur lange geplanten und heiß diskutierten Leistungssportreform auf den Tisch, die eine grundlegende Veränderung der bestehenden Strukturen nach sich ziehen könnten.

Dass etwas verändert werden muss, wenn man ganz oben mitmischen will, ist angesichts der genannten Fakten offensichtlich. Dieses Credo wurde in Rio auch von zahlreichen Sportlern, Trainern und Funktionären offen formuliert.

Die Reform zielt aber primär auf die Nachwuchsförderung - und soll ihren Effekt demnach erst 2024 und 2028 entfalten. Wenn das Feuer in Japan entzündet wird, sollten aber zumindest die Weichen gestellt sein.

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