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2016 Rio Paralympics - Day 5
Die deutsche Sprinter-Staffel gewann Gold in Rio: Markus Rehm, David Behre, Felix Streng und Johannes Floors (v. l. n. r.) © Getty Images

Die deutsche Bilanz in Rio fällt positiv aus - trotz weniger Medaillen als in London. Der DBS lobt - warnt aber auch. Auf den Paralympics lasten zwei ungelöste Probleme.

Stolz auf die Athleten, Zufriedenheit mit den Organisatoren - aber deutliche Mahnungen in Bezug auf Doping, Klassifizierung und Fördermaßnahmen. Mit gemischten Gefühlen haben Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), und sein Chef de Mission Karl Quade die Paralympics in Rio de Janeiro analysiert.

Beucher machte bei den Paralympics genau wie bei den Olympischen Spielen ein akutes Dopingproblem aus. "Der internationale Sport hat ein Glaubwürdigkeitsproblem wie nie", sagte Beucher: "Über viele Nationen, die im Medaillenspiegel über uns stehen, schwebt ein berechtigtes Misstrauen. Wenn im Fußball einer Foul spielt, muss er vom Platz. Wenn hier einer Foul spielt, hat er Glück, wenn er zum richtigen Verband gehört."

Leistungen sind unrealistisch

Die 1500 Kontrollen rund um die Paralympics seien zwar "mehr als je zuvor. Das heißt aber auch, dass es unkontrollierte Athleten gab, die Siege gefeiert haben. Es kann nicht sein, dass ein Athlet, den zwei Jahre vorher noch niemand kannte, plötzlich von Weltrekord zu Weltrekord läuft."

Ähnliche Kritik äußerte auch Deutschlands Chef de Mission Karl Quade. Ihn wunderte vor allem die Weltrekord-Flut in Brasilien. "Eigentlich habe ich einen Sättigungsbereich erwartet", sagte er: "Dafür, dass er nicht eingetreten ist, gibt es vier Gründe: Die verbesserte Trainingsmethodik, das bessere Material, den gestiegenen Professionalismus - und eventuell Doping."

Die Baustellen Doping und Klassifizierung müssten geschlossen werden, forderte Quade: "Da stehen die Verbände in der Bringschuld. Wenn nicht alle Athleten unter gleichen Bedingungen antreten, ist das alles witzlos."

Deutschland verbessert sich im Medaillenspiegel

Für den DBS waren die Spiele in Rio aber ein Erfolg. Mit 57 Medaillen waren es zwar neun weniger als in London 2012, aber die Zahl der Goldmedaillen blieb gleich - und im Medaillenspiegel verbesserte sich Deutschland von Rang acht auf Platz sechs. Vor allem in der Leichtathletik habe man "Heroes", sagte Quade mit Blick auf die Weitsprung-Paralympicssieger Markus Rehm und Heinrich Popow oder den dreifachen Medaillengewinner und vierfachen Europarekordler David Behre.

"Wir haben in elf Sportarten Medaillen geholt, und in allen anderen außer Segeln haben wir zumindest einen vierten Platz", sagte Quade. Neben der Leichtathletik war aber nur der (Straßen)-Radsport mit acht Goldmedaillen richtig erfolgreich. "Da haben wir gutes Material, Ausnahmeathleten - und wir hatten manchmal auch das Quäntchen Glück im Sprint", meinte Quade.

Schwimmer enttäuschen

Schlecht war dagegen die Ausbeute der Schwimmer. Nachdem diese bei Olympia ganz ohne Medaille geblieben waren, waren es bei den Paralympics nur drei, darunter keine goldene. "Warum es nicht so lief, werden wir herausfinden", sagte Quade: "Ich glaube nicht, dass es dieselben Gründe hat wie bei Olympia. Bange ist mir nicht, aber die Frage ist, ob wir den Hebel einfach so umlegen können."

Insgesamt mahnte Beucher. "Um das zu halten, was wir hier abgeliefert haben, haben wir nicht die Mittel." Mit sieben hauptamtlichen Trainern in 23 paralympischen Sportarten "sind wir nicht zukunftsfähig", erläuterte er: "Professioneller Leistungssport kostet Geld. Ein Athlet, der sich vorbereitet auf Tokio und die kommenden Spiele hat nur eine Chance, wenn wir das Angebot der dualen Karriere ausbauen."

Tod eines Radfahrers überschattet Spiele

Rio als Ausrichter funktionierte aber. Die Hallen waren voll, die Athleten zufrieden, der Transport lief gut, Zika war kein Thema, kriminelle Zwischenfälle wurden nicht bekannt.

"Einen Schatten auf die großartigen Spiele" warf nicht nur für Sir Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), der Tod des iranischen Radfahrers Bahman Golbarnezhad. Der 48-Jährige starb nach einem Unfall im Straßenrennen auf dem Weg ins Krankenhaus.

Das vielleicht treffendste Gesamtfazit zog Marianne Buggenhagen, deren siebte Paralympics auch ihre letzten waren. "Ich habe schon bessere Spiele gesehen", sagte die 63-Jährige, "aber auch schon viel schlechtere".

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