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Schirmherr des Projekts "Kicking Girls" Jens Lehmann im Gespräch mit Mentorin Luna Müller
Schirmherr des Projekts "Kicking Girls" Jens Lehmann im Gespräch mit Mentorin Luna Müller © Laureus

München - Das Laureus-Projekt "Kicking Girls" setzt sich für benachteiligte Mädchen ein. Schirmherr Jens Lehmann erklärt SPORT1 die Ziele.

Luna Müller braucht nur einen Ball, um im Mittelpunkt zu stehen.

Die 15-Jährige steht in der Turnhalle in der Grundschule in München-Milbertshofen und hält den Ball mit dem Fuß ganz lässig hoch. Zwölf junge Mädchen sitzen vor ihr und beobachten die Übung ganz genau. Dabei wollen die Mädchen am liebsten selber direkt loslegen.

Doch alle warten auf die Anweisungen von Trainerin Luna. Die gebürtige Kenianerin, die mit vier Jahren nach Deutschland kam und in Bayreuth lebt, hat sichtlich Spaß an ihrer Vorbildrolle.

Sie ist eine von zahlreichen Übungsleiterinnen der "Kicking Girls".

Integration von Mädchen mit Migrationshintergrund

Das Projekt der Laureus Deutschland Stiftung fördert die Integration von Mädchen mit Migrationshintergrund.

Ziel ist es, den Mädchen den Übergang von den Schulen zu benachbarten Sportvereinen zu erleichtern und sie langfristig für den Sport und einen aktiven und gesunden Lebensstil zu gewinnen.

Bei Luna Müller, die als Zwölfjährige zum ersten Mal bei den "Kicking Girls" dabei war und beim ASV Oberpreuschwitz selbst im Verein aktiv ist, ist das gelungen.

"Es ging nicht darum, wer die Beste oder die Schönste ist, sondern gemeinsam Spaß zu haben", erinnert sie sich. "Das war eine besondere Erfahrung für mich."

Sie blieb dran und machte im Mai 2013 mit Hilfe von Laureus eine Ausbildung zum Coach und Mentor, um ihr Können ebenso wie das Wissen über die integrative Wirkung der "Kicking Girls" weiterzugeben.

"Irgendwann wollte ich den kleineren Mädchen das zurückgeben, was ich selbst erlebt habe. Das Gefühl, etwas wert zu sein und sich aufgehoben zu fühlen", sagt Luna Müller, die in der Mittelschule Bayreuth eine Mädchen-Fußball-AG leitet.

Beispiele wie diese sind für Schirmherr Jens Lehmann die beste Werbung für "sein" Projekt, das er seit der Gründung 2011 zusammen mit den früheren Nationalspielerinnen Birgit Prinz und Nia Künzer begleitet.

"Wenn man neu in Deutschland ist und nur Ablehnung erfährt, weil die Sprache nicht verstanden wird und man die Kultur nicht kennt, hat man es sehr schwer. Der Fußball und dieses Projekt können dazu beitragen, dass man anerkannt wird und sich schnell integrieren kann", sagt der ehemalige DFB-Torwart beim Projektbesuch am Freitagmittag vor der großen Spendengala am Abend.

"Ich selbst habe in meiner aktiven Karriere die Erfahrung gemacht, dass es auf dem Fußballplatz keine Rolle spielt, welche Hautfarbe du hast, aus welchem Land du kommst oder an welche Religion du glaubst. Der Teamgedanke zählt", ergänzt Lehmann im Gespräch mit SPORT1.

Aus seiner Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet weiß der gebürtige Essener ganz genau, wie schwer der Weg in den Sport für viele Kinder aus Migrationsfamilien ist - speziell für Mädchen.

Neben der grundsätzlichen Ablehnung der oft unbekannten deutschen Vereinskultur akzeptieren viele Familien nur weibliche Trainerinnen und Teams. Entsprechend gering ist die Mitgliedsquote im Vergleich zu deutschen Mädchen.

Über 3600 Mädchen spielen täglich bei den "Kicking Girls"
Über 3600 Mädchen spielen täglich bei den "Kicking Girls" © SPORT1

"Riesige Euphorie mit dem Projekt entfacht"

Doch dank der "Kicking Girls" zeigt die Tendenz mittlerweile deutlich nach oben, die Laureus-Macher sind selber vom Erfolg überrascht.

Schirmherr Jens Lehmann rief das Projekt im Jahr 2011 ins Leben
Schirmherr Jens Lehmann rief das Projekt im Jahr 2011 ins Leben © Laureus

"Wir haben eine riesige Euphorie mit dem Projekt entfacht und sind sehr glücklich, dass es so großen Anklang findet", sagt Projektleiter Bastian Kuhlmann.

Das ursprüngliche Ziel, bis zum Jahr 2014 an rund 30 Standorten zu agieren, wurde mehr als verdoppelt. Über 3600 Mädchen an 220 Schulen in ganz Deutschland spielen jede Woche bei den "Kicking Girls".

Auch der DFB sowie viele Kommunen, Verbände und Ministerien unterstützen das Projekt, das im Münchner Stadtteil Milbertshofen nun einen neuen Standort eröffnet hat.

Junge Mädchen übernehmen Verantwortung

Dort steht die nächste Übung an. Auch Jens Lehmann und Fredi Bobic machen nun mit. Luna und ihre ältere Schwester Felwiza, die auch Trainerin bei "Kicking Girls" ist, geben die Kommandos.

Dabei zeigt sich, dass Luna nicht nur mit dem Ball umgehen kann, sondern sich auch ihrer Verantwortung in der Position bewusst ist.

Drei bis vier Mal die Woche trainiert sie nach der Schule die Mädchen-AGs. Für sie ist das aber kein zusätzlicher Stress, betont Luna. Dieses Verantwortungsbewusstsein ist genau der Effekt, den sich Jens Lehmann und seine Mitstreiter vom bundesweiten Projekt erhoffen:

"Es ist schön, wenn die Mädchen irgendwann eine gewisse Bedeutung oder Motivation sehen, ihre Erfahrungen und ihr Wissen nicht nur für sich selbst zu nutzen, sondern dieses auch weitergeben."

Dann geht Lehmann wieder selbst ins Tor und stellt sich im Elfmeterschießen dem begeisterten Nachwuchs. Und danach ist Fredi Bobic an der Reihe, der die Aktion ebenfalls unterstützt.

Lehmann und Bobic haben eine Wette laufen. Der Verlierer des Duells muss in die Mannschaftskasse der Schülerinnen einzahlen. Der Sportdirektor vom VfB Stuttgart jagt den Ball unter dem Jubel der Kinder ins Tor.

Auch Bobic begeistert

Auch Fredi Bobic zeigt sich begeistert von dem Projekt "Kicking Girls"
Auch Fredi Bobic zeigt sich begeistert von dem Projekt "Kicking Girls" © Laureus

Die "Euphorie und Freude" begeistern auch Bobic, für den die "Kicking Girls" genau den richtigen Ansatz haben.

"Nicht jedes Mädchen hat die Möglichkeit, in einem Verein zu spielen. In den Schulen kann man diese Kinder direkt erreichen. Die Mädchen kommen dabei schnell untereinander in Kontakt. So entstehen Freundschaften, die man sich vorher gar nicht vorgestellt hat", sagt der Ex-Nationalspieler zu SPORT1.

Für den in Slowenien geborenen Schwaben ist der Fußball dafür der perfekte Wegweiser:

"Gerade beim Mannschaftssport muss man sich zusammenraufen sowie Teamgeist und Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Und die Mädchen schöpfen zugleich unglaublich viel Selbstvertrauen."

Dies kann Luna nur bestätigen. "Seitdem ich bei Laureus trainiere, bin ich viel selbstbewusster, hilfsbereiter, engagierter und kooperationsfähiger geworden", sagt die 15-Jährige stolz.

Diese Tugenden und natürlich die "Freude am Fußball spielen" will sie noch an viele junge Mädchen weitergeben.

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