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München und Grenoble - Voigt will in Grenchen den neun Jahre alten Rekord des Tschechen Sosenka brechen. Eine Regeländerung spielt ihm in die Karten.

Am Morgen danach, vermutet Jens Voigt, werde er vor lauter Schmerzen nicht einen Schritt gehen können - und das liegt in dem Fall nicht an seinem Alter.

Für den Tag nach seinem 43. Geburtstag hat sich der nimmermüde Radsport-Altmeister eine letzte Großtat vorgenommen.

Zeithatz in der Schweiz

Voigt tritt am Donnerstag im hochmodernen Velodrom von Grenchen in der Schweiz an, um den Stundenweltrekord zu brechen. Es ist für viele in der Branche die ultimative Prüfung. Ein Mann im Kampf gegen die Uhr, die Flucht vor der Zeit.

Nach Voigts Ankündigung am 3. September gingen die Meinungen auseinander. Manche belächelten ihn, andere hielten es für ein ernsthaftes Ansinnen.

Der gebürtige Mecklenburger ließ jedenfalls schnell erkennen, dass er nicht plant, sich zu blamieren. Zwar schlachtet der Oldie seinen letzten Coup mit allerlei Gags öffentlichkeitswirksam aus - in Anlehnung an seinen Leitspruch "Shut up legs" ("Haltet die Klappe, Beine") gibt es ein T-Shirt.

Seine Maschine zieren Chuck-Norris-Sprüche und Scheibenräder im Stoppuhrdesign.

Doch ebenso eifrig spulte er Trainingskilometer ab - im Geheimen liefen schon seit Monaten die Vorbereitungen.

Voigt glaubt an seine Chance

"Wir haben in aller Stille ein paar Tests gemacht und glauben, dass ich eine faire Chance habe", sagte Voigt.

Mehr als eine Woche vor der finalen Rennstunde seiner 18-jährigen Profilaufbahn reiste er in die Schweiz. Bereit für eine letzte Qual, bereit, den neun Jahre alten Rekord des Tschechen Ondrej Sosenka (49,700 Kilometer) zu knacken.

"Es ist eine riesige Herausforderung für mich, sowohl körperlich als auch mental", sagte er.

Das Szenario, allein zu kämpfen, kennt Voigt wie kaum ein Zweiter - doch meist waren dabei die Voraussetzungen schlechter.

199 Runden zum Rekord

Wenn sich der Rekordteilnehmer der Tour de France in seiner Paraderolle wiederfand, wehrte er sich gegen ein heranbrausendes Feld, und oft genug tat er dies trotz ungünstiger Prognosen erfolgreich.

Auf dem 250 Meter langen Holzoval, das er für den Rekord 199 Mal umrunden muss, hat er zwei entscheidende Vorteile: seine vielfach bewiesene Leidensfähigkeit und das Material.

Fuhr Sosenka seinerzeit auf einer Maschine wie zu Zeiten des legendären Eddy Merckx, darf Voigt nach einer Regeländerung durch den Radsportweltverband UCI wieder ein spezielles Zeitfahrrad mit Triathlonlenker und Scheibenrädern benutzen.

Wiggins von Voigt überzeugt

Ein Vorgang, der Voigts Teamkollegen Fabian Cancellara, der eigentlich mit dem Rekordversuch geliebäugelt hatte, "viel Motivation geraubt" habe, wie der Schweizer erklärte.

Voigt könnte nun dennoch eine neue Welle lostreten, neben Cancellara hatten bereits der frühere Tour-Sieger Bradley Wiggins und auch Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin bekundet, durchaus Interesse am Stundenweltrekord zu haben.

Wiggins zum Beispiel ist überzeugt von Voigt. "Er wird sich den Rekord holen", sagte der Brite.

Aber auch der Wahl-Berliner hält ein Scheitern für ausgeschlossen. "Es ist eine der ältesten Disziplinen in unserem Sport. Ich möchte sie ein wenig in den Fokus rücken und bin überzeugt, dass ich es schaffen kann", sagte Voigt.

Dafür geht er an seinem Geburtstag gerne früh ins Bett. Feiern kann Voigt ab Donnerstagabend noch genug. Die Schmerzen werden ja auch wieder nachlassen.

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