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Grenchen - Über 51 Kilometer in einer Stunde: Jens Voigt krönt eine lange Karriere mit einem Weltrekord. Er dürfte prominente Nachahmer finden.

20 Sekunden vor dem Start in die letzte Stunde seiner großen Karriere schloss Jens Voigt die Augen und tauchte ab in die Stille im Velodrom von Grenchen.

60 Minuten später war die Rekordfahrt in die Rente vorbei: 51,115 Kilometer, Stundenweltrekord, der erste Deutsche in einer Reihe mit Legenden wie Eddy Merckx, Jacques Anquetil oder Fausto Coppi.

Unter dem tosenden Jubel der 1600 Zuschauer, die ihn mit stehenden Ovationen durch die letzten Runden trugen, erreichte Voigt einen Tag nach seinem 43. Geburtstag sein großes, sein letztes Ziel - deutlich schneller als der Tscheche Ondrej Sosenka bei seinen 49, 700 km 2005 in Moskau.

Neben Legenden wie Merckx

Fast war Voigt danach zu müde, zu erschöpft zum Jubeln, vollkommen erledigt nahm er die Gratulation seiner Eltern entgegen und winkte mit einer Hand ins Publikum.

"Ich wollte nicht langsam in die Rente rollen, ich wollte gerne mit einem Knall abtreten", sagte Voigt bei "Eurosport".

Als der Weltverband UCI im März 2014 die Regeln änderte und wieder spezielle Zeitmaschinen mit Triathlonlenker und Scheibenrädern für die Stundenhatz zuließ, habe er sich gedacht, schilderte er: "Warte mal, das kann ich schaffen."

Es sei ein enormer Anreiz für ihn gewesen, dass Legenden wie Merckx auf der Rekordliste stehen. "Wenn ich da meinen kleinen Namen neben sehen dürfte, wäre ich schon sehr stolz. Das ist was für die Ewigkeit", meinte er.

Metallica im Ohr

Eine Stunde vor dem offiziellen Start seiner Zeitenjagd hatte sich Voigt 30 Minuten lang zu den Klängen von Metallicas "Turn the Page" im Windschatten eines Mofarollers warmgefahren.

Seine Rekordjagd ging er sehr schnell an, achtete aber dabei immer auf die Tafeln, die ihm sein Schweizer Betreuer Daniel Gisiger zeigte. Nur nicht zu schnell, nur nicht so kurz vor dem Ziel doch noch einbrechen.

Nach zehn Kilometern war Voigt bereits 12,5 Sekunden schneller, als der für den Rekord errechnete Fahrplan vorgab. Nach 20 Kilometern hatte er seinen "Vorsprung" auf 24,3 Sekunden ausgebaut.

Der Radhersteller freut sich mit:

Zeiten werden schlechter

Ganz ruhig saß der sechsfache Familienvater im Sattel seiner Maschine mit den schwarzen Scheibenrädern im Chronografen-Design.

Wie ein Uhrwerk drehte er einen Tag nach seinem 43. Geburtstag seine Runden auf dem 250 m langen Oval. Nach einer knappen halben Stunde ging er zum ersten Mal aus dem Sattel, um den Rücken ein wenig zu entlasten, dann ließ er sich wieder in die Standardposition zurückfallen.

Eine Viertelstunde vor dem Ende wurde deutlich, dass der einsame Kampf, den Jens Voigt gegen die Uhr und gegen sich selbst führte, härter wurde.

Immer wieder rutschte er im Sattel hin und her, um seine Sitzposition zu verändern, die Zeiten, die bis dahin kontinuierlich bei 17,9 lagen, fielen. 17,5, 17,3, 17,1 - dennoch blieb er mit dem unermüdlichen Stakkato seiner Beine im Plan.

Findet er Nachahmer?

"Ich bin froh, dass ein Sportler wie Jens Voigt mit einem so hohen Bekanntheitsgrad diesen Rekordversuch fährt", hatte Brian Cookson, der Präsident des Radsport-Weltverbandes UCI, vor dem finalen Showdown in Grenchen gesagt: "Ich hoffe, dass er viele andere animiert, es auch mal zu versuchen."

Voigt könnte durchaus eine neue Welle losgetreten haben, neben dem Schweizer Fabian Cancellara haben bereits der frühere Tour-Sieger Bradley Wiggins und auch Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin bekundet, durchaus Interesse am Stundenweltrekord zu haben.

Wiggins war von Beginn an überzeugt von Voigt. "Er wird sich den Rekord holen."

Er hat es geschafft. Überglücklich dachte er an ein Versprechen an seine Kinder: "Jetzt kommt Papa heim!

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