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John Degenkolb bislang neun Etappen bei der Vueltafährt seit 2014 beim Team Giant-Shimano

John Degenkolb liegt als WM-Favorit im Krankenhaus. Bei SPORT1 spricht er über seine Chancen, Coolness im Sprint und Doping.

John Degenkolb hat eine grandiose Rundfahrt hinter sich. Vier Tagessiege sowie das Grüne Trikot schnappte sich der 25-Jährige vom Team Giant-Shimano bei der Vuelta a Espana.

Am Sonntag beginnt mit der Straßen-WM in Ponferrada schon der nächste Höhepunkt in Spanien - doch ob Degenkolb beim Straßenrennen zum Abschluss der Titelkämpfe an den Start gehen kann, ist aktuell mehr als fraglich.

Infektion in der Leistengegend

Der deutsche Sprintstar liegt im Krankenhaus und kämpft gegen eine Infektion in der Leistengegend.

Vor dem WM-Start spricht Degenkolb im SPORT1-Interview über seinen Gesundheitszustand, die Leiden bei der Vuelta und seine potenziellen Titelchancen.

SPORT1: Herr Degenkolb, wissen Sie eigentlich, wer der letzte deutsche Radsportweltmeister war?

John Degenkolb: Das ist ein bisschen her. Da war ich noch gar nicht auf der Welt. Aber selbstverständlich weiß ich, dass Rudi Altig als letzter und auch einziger deutscher Radprofi Weltmeister wurde.

SPORT1: Korrekt. 1966 war das. Wird mal wieder Zeit, oder nicht?

Degenkolb: Der Titel wäre ein großer Traum. Aber im Moment bin ich skeptisch, weil ich nach der Vuelta gehandicapt bin. Das hat mich zurückgeworfen. Ich muss jetzt Ruhe bewahren, damit ich wieder Kraft bekomme. Ich bin dennoch sehr optimistisch, was die WM angeht. Das Ziel wird eine Top-10-Platzierung sein.

SPORT1: Handicap - was meinen Sie genau?

Degenkolb: Bei der Vuelta bin ich auf der fünften Etappe gestürzt und bei einer Rundfahrt lässt man sich eben nur grundversorgen. Das ist was Anderes, als wenn man zu Hause die Beine hochlegen kann, statt am Tag noch fünf Stunden auf dem Rad zu sitzen. Da kommt Schweiß in die Wunden rein. Die Wunden haben sich deshalb entzündet, weswegen ich eine Lymphknotenentzündung bekommen habe und deswegen im Krankenhaus liege.

SPORT1: Wie schreitet die Heilung voran?

Degenkolb: Die Ärzte bescheinigen mir eine schnelle Genesung. Ich bekomme Infusionen und Antibiotika. Das ist der schnellste Weg, um wieder gesund zu werden.

SPORT1: Da spricht der schmerzerprobte Radsportler - ohne Rücksicht auf den eigenen Körper?

Degenkolb: Nein, es ist unglaublich wichtig, auf die Signale des Körpers acht zu geben. Wenn der Körper sagt, es geht nicht, dann geht es auch nicht mehr. Wäre die Infektion bei der Vuelta zwei Tage früher aufgetreten, hätte ich sie nicht zu Ende fahren können.

SPORT1: Für die WM gibt's neben der Gesundheit weitere Erfolgsfaktoren. Die Experten sagen, dass das Profil der Strecke in Ponferrada Ihnen entgegenkommt.

Degenkolb: Die Strecke ist das eine, das andere der Rennverlauf. Welche Nation geht mit welcher Taktik ins Rennen? Werden sie versuchen, das Rennen schwer zu machen oder defensiv rangehen? Für mich wäre am besten, wenn es nach einem harten Rennen zum Sprint zwischen 20, 30, 40 Fahrern kommt. Das wäre meine Chance.

SPORT1: Sie leben schließlich von Ihrer Endschnelligkeit. Im Sprint sucht jeder das beste Hinterrad. Da müssen Sie ganz schön cool bleiben, oder nicht?

Degenkolb: Es ist unheimlich wichtig, cool zu bleiben. Du machst Fehler, wenn du die Nerven verlierst. Es geht darum, seinem Verstand zu vertrauen, aber gleichzeitig auf den Instinkt zu hören, um blitzschnell die richtige Entscheidung zu treffen. An welches Hinterrad hefte ich mich? Auf welcher Seite des Gegners greife ich an? Je erfahrener du bist, umso abgeklärter gehst du an solche Situationen heran.

SPORT1: Eine weitere Disziplin ist das Zeitfahren. Teamkollege Tony Martin ist Spezialist, Titelverteidiger - und unschlagbar?

Degenkolb: Tony ist ein Kopfmensch. Er ordnet dem Willen, Weltmeister zu werden, alles unter. Schließlich muss er im Kampf gegen die Uhr eine Stunde lang fokussiert sein. Das ist unglaublich schwierig, wenn man kein Auto vor sich hat oder einen Rennfahrer, den man einholen kann. Aber er hat diese mentale Stärke. Ich gehe davon aus, dass er mit dem Trikot wieder nach Hause fliegt.

SPORT1: Kommen wir zu einem anderen Thema: Doping. Die neue deutsche Generation kämpft öffentlich dagegen an - gegen ein Phantom, das nie ganz verschwinden wird?

Degenkolb: Doping und Betrug wird es immer geben, im Sport und der Gesellschaft, aber speziell im Radsport. Du musst dir persönlich die Frage stellen, ob es dir das wert ist, alles dafür aufs Spiel zu setzen und deine Gesundheit zu riskieren. Es ist Betrug an anderen Rennfahrern, aber in erster Linie schadet man sich selbst.

SPORT1: Eine Endlosspirale also?

Degenkolb: Jeder, der sich im Radsport bewegt, weiß, was verboten und was erlaubt ist. Dass trotzdem Rennfahrer speziell zu EPO greifen, was ja nicht neu auf dem Markt ist, ist traurig. Für mich gibt es nur eine Lösung, und zwar eine lebenslange Sperre und ganz hohe Geldstrafen einzuführen. Der Plan des Bundesjustizministers (Heiko Maas, SPD, Anmerk. d. Red.) ist nicht zuletzt, ein Antidopinggesetz einzuführen, damit Doper strafrechtliche Konsequenzen fürchten müssen und auch diejenigen, die das ganze Zeug besorgen.

SPORT1: Direkt nachgefragt: Auf Sie kam nie jemand zu?

Degenkolb: Ich bin wahnsinnig glücklich, dass ich 2011 Profi geworden bin. Das systematische Doping, wie man es aus dem Festina-Skandal oder natürlich vom Team Telekom kannte, gab es nicht mehr. Betrogen wird immer, sei es im stillen Kämmerchen. Dadurch, dass ich so spät Profi wurde, habe ich davon aber nie etwas mitbekommen. Mir wollte auch noch nie jemand etwas andrehen. Ich bin unheimlich glücklich, dass ich nicht vor 15 Jahren Radprofi geworden bin.

SPORT1: Warum?

Degenkolb: Damals wurdest du automatisch in den Strudel gerissen und hattest keine Chance, dem Ganzen zu entgehen. Ich kann die Protagonisten von damals schon auch verstehen, wenn sie sagen, uns blieb gar keine andere Wahl. Ich bin einfach nur froh, dass sich im Radsport seit der Dopingära sehr viel getan hat.

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