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Jörg Jaksche gestand im Sommer 2007, systematisch gedopt zu haben

München - Im SPORT1-Interview spricht Ex-Kronzeuge Jörg Jaksche über aktive Dopingsünder, Lance Armstrong und Perspektiven der Deutschen.

Von Robin Wigger

Jörg Jaksche hat es getan. Gedopt, betrogen - und es zugegeben.

Der heute 38-Jährige gehörte einst zu den Radfahrern, die in den vielbeachteten Dopingskandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verwickelt waren (DIASHOW: Die spektakulärsten Dopingfälle).

Als Kronzeuge gab der frühere Astana-Profi später zu, verbotene Substanzen genommen zu haben. Jaksche, der in Innsbruck in Tirol BWL studiert, hat sich inzwischen aus dem Radsportgeschäft verabschiedet, verfolgt den Sport aber weiter mit großem Interesse.

Bei SPORT1 spricht er über Perspektiven des deutschen Radsports, noch aktive Dopingsünder und Lance Armstrong.

SPORT1: Herr Jaksche, Marcel Kittel und John Degenkolb arbeiteten sich zuletzt erfolgreich durch die Klassiker und sorgten auch bei der Tour für Aufsehen. Zudem ist mit Team Bora-Argon 18 - bisher NetApp-Endura - ein deutsches Team im Kommen. Wohin geht der Weg des deutschen Radsports?

Jörg Jaksche: Es ist lobenswert, wie sich die deutschen Talente und der Radsport generell entwickelt haben. Mit NetApp und den Leistungen von Kittel & Co. kann auch eine Euphorie entstehen, die den Radsport wieder voranbringt.

SPORT1: Sprinter gehen stets an körperliche Grenzen. Glauben Sie, dass die deutschen Athleten sauber sind?

Jaksche: Ja. Marcel Kittel und John Degenkolb beispielsweise sind reflektiert. Kittel selbst hat gesagt, dass er sich mit der Vergangenheit des Radsports ganz gut auseinandersetzen kann. Die Beiden sind sich dieser bewusst und haben ihre Lehren daraus gezogen. Die Leistungen, die sie bringen, sind phänomenal. Die zwei hätte früher in Deutschland jeder gekannt.

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SPORT1: Stattdessen ist der Radsport ist seit einigen Jahren in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern kaum mehr vertreten.

Jaksche: Ja, die tollen deutschen Ergebnisse sind leider so ein bisschen unter ferner liefen. Ich hoffe, dass das Fernsehen wieder überträgt. Denn Kittel und Degenkolb steht es einfach zu, dass sie die mediale Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Das Fernsehen sollte sich nicht als Scharfrichter aufspielen und sagen 'Das ist schlecht und wir entscheiden, wann eine Sportart wieder gut ist'. Der Sport sollte übertragen werden und bei einem möglichen Dopingfall sollte über diesen in der gegebenen Distanz berichtet werden.

SPORT1: Das moralische Argument bleibt.

Jaksche: Trotz aller moralischen Ansprüche: Mein Vater hat immer gesagt, Sport sei die schönste Nebensache der Welt. Man muss ihn mit der gegeben Distanz und als Unterhaltung sehen. Floyd Landis hat mal zu mir gesagt, als wir am letzten Berg zusammen abgehängt waren: 'Hast du dir schon mal überlegt was wir machen? Wir fahren von einer weißen Linie zur anderen.' Und mehr ist es nicht.

SPORT1: Ist nicht die Frage die, ob nur der Radsport Probleme hat?

Jaksche: Ich bin ja als Dopingsünder schlecht aus dem Radsport raus, danach auch nicht mehr zurückgekommen und könnte deswegen nachkarten. Der Radsport hatte große Probleme, aber er ist auf einem guten Weg. Ist es gerechter, Sportarten wie Boxen zu übertragen, wo es eigentlich überhaupt keine Dopingkontrollen gibt? Und ich weiß nicht, ob es nicht auch im Tennis - Beispiel Wettskandal -, im Langlauf oder Schwimmen ähnliche Probleme gibt. Der Betrug per se lauert meiner Meinung nach überall dort, wo Geld verdient wird. Auch der geschundene Elfmeter oder die Schwalbe im Sechzehner ist Sportbetrug.

SPORT1: Beim Radsport bleiben Zweifel, weil ehemalige Dopingsünder noch im Geschäft sind. Entweder als Teammanager oder Fahrer wie Alberto Contador, der nach seiner Dopingsperre ähnliche Leistungen abliefert wie zuvor (News).

Jaksche: Es ist natürlich schwierig zu sagen, dass alle sauber sind; eben, weil viele der alten Teammanager noch dabei sind. Ich darf über die Leute nicht richten, aber wenn es um Glaubwürdigkeit geht, dann ist es schwierig, dass Leute wie Bjarne Riis, Contador, Patrick Lefevere oder Alexander Winokurow weiter im Radsport vertreten sind.

SPORT1: Letztens wurden drei positive Dopingfälle im Team Astana unter Manager Winokurow (News) bekannt.

Jaksche: Winokurow behauptet, er wäre enttäuscht und würde alles gegen Doping machen. Früher hat er alles für Doping gemacht. Jetzt macht er angeblich alles gegen Doping, das ist einfach schwer zu glauben.

SPORT1: Wie war Ihre Reaktion zu Lance Armstrong und seinem Geständnis? (DIASHOW: Die kuriosesten Dopingausreden)

Jaksche: Ich war überhaupt nicht verwundert. Ich fand seinen Schritt gut. Er selbst ist wohl noch nicht ganz überzeugt davon, dass das gut war, weil jetzt ein unkontrollierbarer Rattenschwanz kommt. Das Problem war aber auch: Jeder wollte Lance haben. Es wollte niemand Jörg Jaksche haben, es wollte auch niemand wirklich Erik Zabel haben. Lance war das große Ziel von allen. Er hat sehr viel abbekommen von dem, was wir eigentlich alle hätten abbekommen müssen. Seine Reaktion, also die Leute fertig zu machen, das im Keim zu ersticken, das war für ihn die die beste Art, damit umzugehen.

SPORT1: Und was halten wir fest?

Jaksche: Ich sage immer: Lance Armstrong ist nicht der Schlimme im Radsport, sondern der Radsport und die Gegebenheiten im Radsport haben ermöglicht, dass jemand wie Lance Armstrong so schalten und walten konnte, wie er es getan hat. Das ist nicht ihm anzulasten, sondern dem systematischen Doping und dem korrupten Weltverband von damals, der sich selbst die Taschen vollgemacht hat.

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