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Christian Prudhomme-Tour de France-Streckenvorstellung

Raubling - Christian Prudhomme glaubt an den Standort Deutschland. Bei SPORT1 spricht der Tour-Direktor über die Gründe und den Dopingkampf.

Von Thorsten Mesch und Jerome Baldowski

Der Tour-de-France-Direktor in der bayrischen Provinz. Einige Wochen nach Ende der Radsport-Saison macht Christian Prudhomme dem Team BORA - ARGON 18 in Raubling bei Rosenheim seine Aufwartung.

Dem Team, das 2014 noch unter dem Namen "NetApp-Endura" als erster deutscher Rennstall seit Milram vier Jahre zuvor bei der Frankreich-Rundfahrt dabei war.

Der Standort Deutschland liegt Prudhomme ganz offensichtlich am Herzen. Und der 54-Jährige glaubt an ihn. Auch wegen der jüngsten Erfolge wie die des Etappenjägers und Die SPORT1-Gewinners Marcel Kittel.

Im SPORT1-Interview erklärt Prudhomme, warum der Radsport in Deutschland noch weiter erstarken könne, warum Kittel nicht nur als Sprinter top ist und wie die Chancen auf einen deutschen Etappenort 2017 stehen.

Zudem spricht er über den Dopingkampf und äußert Hoffnungen, dass die öffentlich-rechtlichen TV-Sender sich nach der Einstellung ihrer Live-Berichterstattung im Jahr 2012 wieder der Tour de France öffnen.

SPORT1: Wie beurteilen Sie die Entwicklung des deutschen Radsports seit dem großen Doping-Skandal im Jahr 2006?

Christian Prudhomme: Die Bilder, die wir während der Tour-Etappen in Deutschland gesehen haben, waren enorm. Damals waren Hundertausende an der Strecke, die Menschen haben den Radsport wie verrückt geliebt. Nach dem Skandal im Jahr 2006 war die Begeisterung völlig dahin. Doch die Dinge haben sich in den vergangenen Jahren geändert. Mit den Erfolgen von Marcel Kittel, Andre Greipel, Tony Martin oder John Degenkolb ist das Interesse wieder größer geworden.

SPORT1: Wie bemerken Sie als Chef der Tour de France das steigende Interesse?

Prudhomme: Zum ersten Mal seit acht Jahren wollen deutsche Städte wieder Gastgeber der Tour werden. Ich war vor einigen Wochen in Münster, das sich als Austragungsort der Tour beworben hat. Auch Bad Homburg und St. Wendel mit dem Saarland haben Anfang November ihr Interesse bekundet. Die Dinge sind dabei sich zu verändern. Wir führen zum Beispiel auch Gespräche mit der "ARD".

SPORT1: Marcel Kittel hat nicht nur viele Etappen bei der Tour gewonnen, er wurde von den SPORT1-Usern auch zum Sportler des Jahres 2013 gewählt. Wie wichtig ist jemand wie er für die Entwicklung des Radsports?

Prudhomme: Ich finde es erstaunlich, aber auch sehr gut, dass Marcel diese Wahl gewonnen hat. Er ist der beste Sprinter der Welt, und nicht nur dies: Er ist auch der beste Botschafter für den Radsport, den Deutschland haben kann. Er zögert nie, wenn es darum geht, seinen Sport zu verteidigen. Seine Erfolge, die seiner Kollegen und der deutschen Nachwuchsfahrer bei den Weltmeisterschaften sind enorm wichtig, damit der Radsport in Deutschland wieder Kraft sammeln kann.

SPORT1: Das Team BORA – ARGON 18 ist die einzige deutsche Profimannschaft. Wie wichtig ist das Team für diese Entwicklung?

Prudhomme: Es ist sehr wichtig, eine deutsche Mannschaft – und dazu noch mit einem deutschen Sponsor zu haben. Das wollte ich auch mit meiner Anwesenheit bei der Präsentation der Mannschaft zeigen. Ralph Denk hat eine starke Gruppe zusammen, und ich mag seine Art zu arbeiten. Das Team war in diesem Jahr sehr erfolgreich, es entwickelt sich Schritt für Schritt und es ist gesund.

SPORT1: Unter dem Namen NetApp-Endura hat die Mannschaft 2014 dank einer Wildcard an der Tour teilgenommen. Was sagt Ihre Anwesenheit in Bezug auf die Vergabe der Wildcard für 2015 aus?

Prudhomme: Meine Anwesenheit heißt nicht, dass eine Auswahl getroffen ist, aber ich war natürlich nicht zufällig in Deutschland. Das Team hat 2014 gezeigt, dass es einen Platz bei der Tour verdient hat.

SPORT1: Sie waren in Münster, das sich für 2017 bewirbt, und haben sich das dortige Rennen und die Stadt angeschaut. Hat Ihnen gefallen, was Sie dort gesehen haben?

Prudhomme: Ich habe dort sehr schöne Dinge gesehen (lacht). Ich habe viele Menschen gesehen und viele glückliche Leute, die das Rennen verfolgt haben. Auch vor einigen Jahren in Frankfurt habe ich eine große Begeisterung festgestellt. Das war damals eine Überraschung für mich, denn die Stimmung war viel besser als in den Medien und der Politik dargestellt. Ich war wirklich beeindruckt von Münster. Man sieht dort viele Menschen auf dem Rad, Eltern mit Kindern, man spürt die Begeisterung. Und die Entschlossenheit des Bürgermeisters hat mich auch beeindruckt.

SPORT1: Wie groß sind Münsters Chancen auf die Tour?

Prudhomme: Stand heute ist es eine Kandidatur für eine Etappe. Da Münster relativ weit im Norden liegt, wäre eine einzelne organisatorisch nicht ganz so einfach. Es käme darauf an, wo der Grand Depart ist. Vielleicht bewirbt sich Münster ja noch für den Start.

SPORT1: In Münster wird der Radsport traditionell sehr groß geschrieben. Aber wie können Sie als Chef der Tour die Leute wieder begeistern, die wegen der Skandale der vergangenen Jahre das Vertrauen in den Sport verloren haben?

Prudhomme: Ich kann die Gefühle der Leute verstehen, aber das ist die Vergangenheit. Ich will nicht sagen, dass wir heute in einer perfekten Welt leben, die gibt es nirgends. Aber die Dinge haben sich verändert. In Münster war ich sehr überrascht, dass ich zum ersten Mal in zehn Jahren meiner Tätigkeit nicht zum Thema Doping gefragt wurde. Im Kampf gegen Doping hat sich sehr viel getan. Jedes Land hat seine Maßnahmen ergriffen, nicht nur im Radsport. Das Gesetz, das es jetzt in Deutschland gibt, ist sehr hart. Aber es ist vielleicht ein guter Weg, um die Glaubwürdigkeit zurückzubekommen. Ich war deshalb auch sehr glücklich, dass der deutsche Justizminister im Juli beim Finale der Tour in Paris war.

SPORT1: Vor einigen Wochen haben Sie die Tour 2015 vorgestellt. Worauf können sich die Fans besonders freuen?

Prudhomme: Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren gibt es zu Beginn der Tour zehn Tage ohne Berge. Das heißt aber nicht, dass die Etappen flach oder leicht sind. Es gibt Ankünfte mit einem Schlussanstieg, Kopfsteinpflaster-Passagen, und auch der Wind könnte eine große Rolle spielen. Der zweite Teil ist dann für die Kletterer.

SPORT1: Es könnte also schwer für Marcel Kittel werden, seinen persönlichen Rekord für Etappensiege zu verbessern?

Prudhomme: Marcel Kittel ist in der Lage, in einer Woche drei Etappen zu gewinnen, wie er es 2014 geschafft hat. Die deutschen Fahrer sind sehr gute Etappenjäger.

SPORT1: Sie haben aber auch gute Rundfahrer, wie Dominik Nerz, der neue Kapitän von BORA – ARGON 18…

Prudhomme: Warten wir ab. Wir werden es sehen, wenn die Wildcards vergeben sind, ob er dabei ist.

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