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John Degenkolb jubelt über den Sieg bei Mailand – San Remo © Getty Images

John Degenkolb ist 2015 in der Form seines Lebens. Im Interview mit SPORT1 spricht er über seine Rolle als Vorbild und die Bedeutung der Tour de France.

John Degenkolb hat 2015 schon Radsport-Geschichte geschrieben - und mit Mailand – San Remo und Paris – Roubaix 2015 zwei ganz große Klassiker gewonnen. Am 1. Mai sollte er auch beim Rennen Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt in seiner Heimat an den Start gehen.

Die Gefahr eines Terroranschlags macht diesen Plan aber zunichte. Das Rennen wurde abgesagt.

Degenkolb spricht im SPORT1-Interview über sauberen Radsport, die Bedeutung der Tour de France und Psychospielchen auf dem Rad.

SPORT1: Herr Degenkolb, nach dunklen Zeiten und Doping-Skandalen sehnt sich der deutsche Radsport nach neuen Helden, neuen Vorbildern. Können, wollen Sie das sein?

John Degenkolb: Das war schon immer ein Traum von mir: Mit gutem Beispiel voran zu gehen. Und eine Generation des neuen, sauberen Radsports zu repräsentieren. Ich finde es wahnsinnig erstrebenswert, ein Vorbild zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn das Druck von vielen Seiten bedeutet.

SPORT1: Der Radsport hat allerdings auch viel Kredit verspielt.

John Degenkolb gewann im Vorjahr bei Paris-Roubaix
John Degenkolb glaubt durch eine neue Generation an einen sauberen Radsport © Getty Images

Degenkolb: Ich kriege eine Gänsehaut bei dem Gedanken, was wir jetzt bewegen können. Die Leute warten seit Jahren auf den echten Umbruch. Im Grunde bin ich wirklich froh, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der wir Radsportler so sensibilisiert für das Thema Doping aufgezogen wurden. Alles, was auch nur entfernt verboten sein könnte, davon lasse ich die Finger. Meine Generation, mit anderen sehr erfolgreichen Fahrern wie Tony Martin und Marcel Kittel, hat aus den Fehlern der Vorgänger gelernt. Wir können der Welt zeigen: Mit genug Talent, mit genug Willen und Ehrgeiz kann man gewinnen, ohne was zu nehmen.

SPORT1: Auch die Tour de France?

Degenkolb: Ich sehe da einige Fahrer im Nachwuchsbereich, die eines Tages das Zeug dazu haben könnten. Denn das darf man auch feststellen: Die Nachwuchsarbeit ist trotz aller Skandale nicht vernachlässig worden. Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft angeht.

SPORT1: Die Ansprüche an Sie sind jedenfalls mit Ihren beiden Siegen bei den Klassikern nur weiter gestiegen.

Degenkolb: Aber ich bin auch keiner, der auf wundersame Art und Weise daher kam und Erfolg hatte. Meine Karriere ist gesund gewachsen, entsprechend ist die Erwartungshaltung größer geworden – und ich habe gelernt, damit umzugehen. Wenn es darauf ankommt, lasse ich Dinge eiskalt von mir abprallen. Das ist sicher auch eine meiner großen Stärken.

SPORT1: Was darf man von Ihnen in dieser Saison noch erwarten?

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John Degenkolb küsst die berühmte Trophäe von Paris-Roubaix © Getty Images

Degenkolb: Ich gehe die Saison in drei Teilen an: Der erste Part, mit den Klassikern, ist geschafft. Wobei ich da mit einem Podiumsplatz schon zufrieden gewesen wäre. Mit zwei Siegen da rauszugehen, das toppt alles bisher dagewesene.

SPORT1: Und dann kommt die Tour de France?

Degenkolb: Das ist der zweite Part. In Deutschland, in der hiesigen Medienlandschaft, hat das Rennen bedingt durch den Hype aus den 90ern immer noch einen riesigen Stellenwert – auch wenn das international nicht mehr so der Fall ist. Da sind die Klassiker bedeutsamer. Und mir ist es wichtig, dass die Leute mitbekommen, dass es auch noch andere Rennen als die Tour de France gibt. Nichtsdestotrotz möchte ich auch bei der Tour erfolgreich sein. Das Ziel ist ein Etappensieg. Das würde mir und meinem Bekanntheitsgrad sicher gut tun.

SPORT1: Bleibt noch Teil drei der Saison.

Degenkolb: Das ist die WM im September in Richmond in den USA. Dort geht es um das Regenbogen-Trikot des Weltmeisters, das er im folgenden Jahr tragen darf. Das wäre eine riesengroße Ehre.

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Tony Martin (l.) und John Degenkolb 2012 beim Rennen in Frankfurt © Getty Images

SPORT1: Radrennfahrer sieht man bei Rennen sehr oft mit verzerrten Gesichtern. Ist Leidensfähigkeit die wichtigste Charaktereigenschaft?

Degenkolb: Willensstärke. Vor allem Sonntag in der Früh, wenn man sich im Bett nochmal umdrehen könnte. Dann bei Nieselregen und Kälte aufzustehen, aufs Rad zu steigen und sich klarzumachen: Heute will ich besser werden. Und im Rennen selbst geht es dann natürlich auch darum, Schmerz und Leid so gut es geht auszublenden. An die Grenzen und darüber hinaus zu gehen empfinde ich als durchaus erfüllend.

SPORT1: Schauen Sie dann auch mal zu den Konkurrenten rüber, wie die während des Rennens klarkommen?

Degenkolb: Ganz klar! Das sind auch Psychospielchen: Da setzt man dann auch mal das Pokerface auf und tut so, als hätte man noch keine Schmerzen. Oder auch andersrum: Man lässt die anderen denken, heute ginge gar nichts – und greift dann an.

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