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Sir Bradley Wiggins, Tour-Sieger von 2012, beim Verlassen einer Doping-Kontrollstation.

München - Die Anti-Doping-Kämpfer glauben nicht an einen Kulturwandel, sondern raffiniertere Methoden. Jörg Jaksche spricht von "homöopatischem Doping". Sind die Teamchefs aus den Epo-Zeiten schuld?

Der propagierte Kulturwandel ist für viele Experten Augenwischerei.

Doping und Radsport, diese Begriffe sind auch vor der 102. Tour de France nicht voneinander zu trennen. "Man darf sich keinen Illusionen hingeben, es gibt noch immer genügend Tricksereien", sagt der Nürnberger Biochemiker Fritz Sörgel.

Der gleichen Auffassung sind auch weitere anerkannte Fachleute. "Im Wesentlichen hat sich nichts geändert", erklärt der Mainzer Professor Perikles Simon, schränkt aber ein: "Das gilt für andere Sportarten ganz genauso, nur hat man die noch nicht so in den Fokus genommen."

"Wesentlich raffinierter"

Mikrobiologe Werner Franke aus Heidelberg gibt zu bedenken, dass es Gerede vom Kulturwandel schon fünf-, sechsmal gegeben habe. Franke hält Mikrodosierungen von weiterentwickelten körpereigenen Stoffen für gängige Praxis, der Betrug sei jedoch nicht mehr so ausufernd. "Es ist wesentlich raffinierter, es wird nicht mehr so dick gedopt", sagt er.

Dafür sei die Dosis eben "ganz fein eingestellt". Ex-Profi und Kronzeuge Jörg Jaksche sieht es ähnlich. "Es wird nicht das offensichtliche Doping sein wie zu meiner Zeit. Es geht in Richtung eines homöopathischen Dopings", offenbart er dem ARD-Hörfunk.

Im Labor an der Kölner Sporthochschule werden seit Jahren Proben von der Tour analysiert. Dort stellt Biochemie-Professor Mario Thevis immerhin Fortschritte fest. "Es ist schon wert zu erwähnen, dass die Kontrolldichte und die analytischen Kontrollmöglichkeiten vergleichsweise hoch sind", sagt er, wenngleich dies "auch der Tatsache des langjährigen Problems geschuldet" sei. (NEWS: Alpecin streicht Doping aus der Werbung).

Der Weltverband soll durchgreifen

Thevis attestiert "vielen Sportarten ein Dopingproblem. Für den Radsport kann man festhalten, dass die erbetenen Analysen höchsten Ansprüchen entsprechen."

Simon sieht die Wurzel des Übels im Umfeld der Athleten und fordert vom Radsportweltverband UCI "drastische Schritte. Es müssten Teamleiter ausgeschlossen werden, die die heißen Dopingjahre auch mit Doping bestritten haben. Wenn die selber erlebt haben, wie viel schneller eine sechswöchige Epo-Kur macht, wären sie doch verrückt, jetzt darauf zu verzichten."

Unter anderem der Boss des Teams Astana von Titelverteidiger Vincenzo Nibali, Alexander Winokurow, zählt zu dieser Kategorie - neben einer Reihe anderer.

Eine Chance für die Saubermänner

Sörgel sieht die bisherigen Maßnahmen der UCI unter Präsident Brian Cookson als "Selbstverständlichkeit" an, dadurch könne man sich aber nicht Vorreiter im Anti-Doping-Kampf nennen. "Die Vorbildrolle ist nicht angebracht und durch nichts belegt. Wie gut die UCI das Astana-Team im Griff hat, hat man gesehen."

Simon unterstellt der UCI "in aller erster Linie PR. Wo sind die genialen Neuerungen? Ich sehe da nichts bis zu wenig, und das ist hochgradig verdächtig. Man muss davon ausgehen: es geht um das berühmte Feigenblatt." Franke schießt sich auf die Ärzte ein. "Der Onkel Doktor in weiß wird geschont, der ist aber der Täter", gibt er zu bedenken.

Dennoch scheint gerechtfertigt, gerade der deutschen Generation um Marcel Kittel, Tony Martin und John Degenkolb eine Chance zu geben. Jaksche würde sich "total freuen, wenn die Leistungen sauber wären, aber für mich würde auch keine Welt zusammenbrechen, wenn dem nicht so wäre".

Eine Chance habe jeder verdient, betont Simon, der die Tour nicht mit einem Pauschalurteil überziehen möchte: "Eine Tour de France ist ungedopt zu bewältigen - die Frage ist, mit welcher Einschränkung."

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