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Tony Martin im Zeitfahren der 102. Tour de France
Tony Martin verpasste seinen fünften Etappenerfolg bei der Tour de France © Getty Images

Tony Martin hatte dem Sieg auf der 1. Etappe der Tour de France und dem Gelben Trikot alles untergeordnet. Aber ein Australier sorgt in Rekordtempo für eine Enttäuschung.

Tony Martin zupfte den Radioempfänger aus seinem Trikot, schüttelte den Kopf und sank enttäuscht in einen klapprigen, schwarzen Metallstuhl.

Statt im Gelben Trikot auf dem Podium endete der Start der Tour de France für den deutschen Radprofi in einem Behilfszelt der Doping-Kontrolleure.

Im Auftakt-Zeitfahren der 102. Frankreich-Rundfahrt hatte es am Samstag nur zum zweiten Rang gereicht - auch Martins dritter Angriff auf das legendäre Maillot Jaune nach 2010 und 2012 war erfolglos geblieben. Es bleibt ein unerfüllter Traum.

"Super enttäuscht"

"Ich bin super enttäuscht, zweite Plätze zählen für mich nicht mehr", sagte Martin: "Ich bin hierhin gekommen, um Gelb zu holen. Das habe ich nicht geschafft, das ist sehr bitter."

Schon im Winter hatte er den Triumph in Utrecht als großes Saisonziel ausgegeben, nach vier Tour-Etappensiegen sollte es in seiner Spezialdisziplin endlich mit dem Sprung ins Gelbe Trikot klappen - der Kurs war wie auf Martin zugeschnitten.

"In der zweiten Hälfte ist mir aber auf der langen Geraden die Kraft ausgegangen", sagte Martin nach der Hitzeschlacht bei deutlich über 30 Grad, der zudem von einem Plastikbecher auf der Strecke kurzzeitig behindert wurde und einmal zu schnell in eine Kurve bog.

Dabei verschaltete er sich: "Ich hätte nicht gedacht, dass mir die Temperaturen so zu schaffen machen. Die Form ist aber generell da. Jetzt muss ich mich eben auf die 20 Etappen konzentrieren, die da noch kommen."

Ähnliche Erfahrungen hat Martin bereits in der Vergangenheit gemacht. 2012 beim Prolog im belgischen Lüttich lag Martin glänzend im Rennen, zerschnitt sich dann aber an einer Glasscherbe einen Reifen. 2010 im niederländischen Rotterdam war Martin zwar nicht der Top-Favorit, aber dennoch aussichtsreich. Als er startete, regnete es, als der siegreiche Fabian Cancellara auf die Strecke ging, hatte es längst aufgehört.

Rekord durch Dennis

In Utrecht trennten den 30-Jährigen vom Team Etixx-Quick Step nach 13,8 km durch Utrecht lediglich fünf Sekunden vom Australier Rohan Dennis (BMC).

Der 25-Jährige war zwei Stunden vor Martin gestartet und kam in 14:56 Minuten mit einem Rekord ins Ziel geschossen: Nie war ein Tour-Zeitfahren mit einem schnelleren Schnitt als den 55,446 km/h von Dennis absolviert worden.

1994 hatte der Brite Chris Boardman den Prolog in Lille (7,2 km) mit einem Schnitt von 55,152 km/h abgespult.

Den bisherigen Bestwert bei einem längeren Zeitfahren David Zabriskie (USA) mit 54,676 km/h 2005 in Noirmoutier-en-l'Ile über 19 km erzielt.

Topfavoriten ohne Akzente

Die fünf Topfavoriten auf den Gesamtsieg hatten mit dem Tageserfolg nichts zu tun: Tejay van Garderen (BMC, USA wurde 20. (+0:42 Minuten).

Titelverteidiger Vincenzo Nibali (Italien/Astana), dessen Teamkollege Lars Boom trotz auffälliger Blutwerte startete und damit für viel Wirbel sorgte, kam mit 43 Sekunden Rückstand auf Dennis auf Platz 22.

Chris Froome (Großbritannien/Sky), Sieger von 2013, kam auf Platz 39 (+0:50), der zweimalige Tour-Sieger Alberto Contador (Spanien/Tinkoff-Saxo) wurde 46. (+0:58), Bergfloh Nairo Quintana (Kolumbien/Movistar) verkaufte sich auf Platz 57 (+1:01) teuer.  

Gelb bis in die Berge?

Der 25 Jahre alte Dennis könnte derweil Gelb durchaus einige Tage erfolgreich verteidigen - so hatte es zumindest der geschlagene Martin für einen eigenen Zeitfahr-Erfolg kalkuliert.

"Vielleicht könnte ich es sogar eine ganze Woche behalten, bis es in die Berge geht", hatte Martin gesagt: "Aber die erste Tour-Woche ist schwer zu kalkulieren, weil es extrem hektisch zugeht und man ständig sturzgefährdet ist."

Schon die zweite Etappe am Sonntag zwischen Utrecht und Zelande (166 km) könnte vor allem auf den letzten 30 km bei Wind und Hitze an der Nordseeküste turbulent werden.

Martin hatte sich generalstabsmäßig auf den Angriff auf Gelb vorbereitet. "Alles andere, als Gelb zu holen, wäre eine Enttäuschung", hatte er gesagt.

Schon weit im Vorfeld hatte er den Kurs akribisch studiert, war bereits am Dienstag angereist und hatte bis zum Start einige Runden auf dem abgesperrten Kurs gedreht. Letztlich war alle Mühe vergebens.  

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