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Tony Martin schlüpft ins Gelbe Trikot
Tony Martin ist der 14. deutsche Träger des Gelben Trikots © dpa Picture Alliance

Sein furioser Husarenritt auf der 4. Etappe der Tour de France versetzt Tony Martin selbst ins Staunen. Die Gesamtführung ist der verdiente Lohn. John Degenkolb hadert.

Tony Martin wusste gar nicht, wohin mit seiner unbändigen Freude.

Immer wieder streckte der tragische Held der ersten Tour-de-France-Tage den Arm jubelnd in die Luft, das Lächeln im staubverschmierten Gesicht wollte überhaupt nicht verschwinden.

Im vierten Anlauf gelang dem 30-Jährigen bei der 102. Frankreich-Rundfahrt endlich die Fahrt ins Gelbe Trikot, und einen famosen Etappensieg gab es nach einem verrückten Solo obendrauf.

Für den 30-Jährigen aus dem Team Etixx-Quick Step war es der fünfte Tour-Etappensieg und gewiss sein schönster. "Das war alles oder nichts, ich habe alles auf eine Karte gesetzt", sagte Martin in der ARD: "Das ganze Pech hat sich heute in Glück umgewandelt."

Auf dem längsten Teilstück der 102. Ausgabe über 223,5 km von Seraing/Belgien nach Cambrai in Nordfrankreich setzte sich Martin knapp vier Kilometer vor dem Ziel ab und war nicht mehr einzuholen (Die Etappe zum Nachlesen im TICKER).

"Ich werde mir die Szenen des heutigen Tages sicher noch einige Male ansehen. Es wird sehr, sehr lange brauchen, bis ich verstanden habe, wie dieses Ergebnis zustande gekommen ist", sagte Martin.

Martin siegt mit fremdem Rad

Der favorisierte John Degenkolb sorgte auf Rang zwei für einen deutschen Doppelsieg. Martin hat in der Gesamtwertung nun zwölf Sekunden Vorsprung auf den Briten Christopher Froome (Sky).

Martins Pechsträhne schien zunächst anzuhalten, als der Wahl-Schweizer knapp 20 km vor dem Ziel einen Defekt meldete und auf das Rad seines Teamkollegen Matteo Trentin wechseln musste. "Nach dem Plattfuß hatte ich den Tag eigentlich schon abgehakt", sagte er.

Doch Martin kämpfte sich wieder an die Spitzengruppe heran und riskierte im Finale mit Erfolg alles.

"Frust war nicht dabei, es war mehr eine Trotzattacke", sagte Martin. "Richtig viele Chancen habe ich mir nicht gegeben. Aber irgendwie hatte ich das Glück des Tüchtigen, das ich den letzten Tagen nicht hatte."

Im Ziel umjubelte ihn nicht nur sein Team, auch die Zuschauer waren restlos begeistert, und der große "Kannibale" Eddy Merckx war einer der ersten Gratulanten.

Degenkolb trotz Platz zwei enttäuscht

Roubaix-Sieger Degenkolb war trotz des zweiten Platzes völlig niedergeschlagen, denn auf seinem Lieblingsterrain wollte der 26-Jährige endlich den ersehnten ersten Tour-de-France-Etappensieg.

"Ich bin sehr enttäuscht, auch wenn es schön für Tony ist", sagte der 26-Jährige mit gedrückter Stimme und schaute nach seinem insgesamt vierten zweiten Platz auf einer Tour-Etappe wie paralysiert ins Nichts.

John Degenkolb steht vor seinem Comeback
Roubaix-Sieger John Degenkolb galt auf der vierten Etappe als Favorit auf den Tagessieg © Getty Images

Auf seinem Lieblingsterrain wollte der gebürtige Thüringer aus dem Team Giant-Alpecin eigentlich den ersehnten ersten Tour-de-France-Etappensieg seiner Laufbahn, aber der gewonnene Sprint der Verfolgergruppe vor dem Slowaken Peter Sagan (Tinkoff-Saxo) war zu wenig. Drei Sekunden rettete Martin vor seinem Landsmann. "Wir sind mit unseren Möglichkeiten hinter Tony her, aber haben vielleicht einen Moment zu lang gezögert", sagte Degenkolb.

Degenkolb hatte nicht umsonst als großer Sieganwärter gegolten. Im April gewann der Wahl-Frankfurter auf vergleichbarem Terrain nach einem beeindruckenden Kraftakt die "Königin der Klassiker".

Dort allerdings ging es nicht 13,3 km sondern mehr als 50 km über die mittelalterliche Feldwege. Es war und bleibt vorerst auch sein bisher größter Triumph.

Martin aber lieferte nach den Enttäuschungen beim Auftakt-Zeitfahren in Utrecht, auf der Windetappe nach Neeltje Jans und an der Mauer von Huy einen beeindruckenden Nachweis seiner Stehauf-Qualitäten.

Greipel verteidigt Grünes Trikot

Erfolgreich verlief der Tag auch für Andre Greipel, der das Grüne Trikot behauptete, Andreas Schillinger aus dem Team Bora-Argon 18 musste die Tour dagegen erkrankt aufgeben.

Im vergangenen Jahr hatte die Tour ebenfalls einen Abstecher in die "Hölle" gewagt.

Titelverteidiger Vincenzo Nibali zeigte dort eine erstaunliche Leistung und knüpfte Alberto Contador eine Menge Zeit ab. Froome stürzte damals noch vor dem Kopfsteinpflaster heftig und musste aussteigen. Diesmal neutralisierten sich die Tour-Favoriten nach einem harten Kampf, zahlreiche Attacken, aber keinen weiteren schweren Stürzen.

Nibali und Froome vermeiden Risiko

Die Klassementfahrer reagierten bereits sehr sensibel, als das erste, noch eher harmlose Pave-Stück anstand.

Besonders Nibali und Froome schickten ihre Helfer in die Führung, um jeder Gefahr aus dem Weg gehen zu können.

Auch Martin und Degenkolb waren immer präsent. Nach der Zwischensprintwertung hatte Degenkolb das Rad getauscht. Für das Pflaster stand eine Rennmaschine mit breiteren Reifen und geringerem Luftdruck zur Verfügung, doch auf den Antritt von Martin wusste der gebürtiger Thüringer keine Antwort mehr.

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