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Jens Voigt über John Degenkolb
Jens Voigt (l.) rechnet mit einem Comeback von John Degenkolb © SPORT1-Grafik: Paul Haenel/Getty Images

München - Der unverwüstliche Ex-Profi Jens Voigt spricht bei SPORT1 über die Folgen von John Degenkolbs Horrorsturz, Gefahren im Training und den Einfluss der Psyche.

Der schwere Unfall des deutschen Rad-Stars John Degenkolb und seiner fünf Teamkollegen hat die Radsportwelt erschüttert. Angesichts des Fotos vom Unfallort grenzt es an ein Wunder, dass alle Beteiligten überlebt haben.

Bei Degenkolb wurde neben Knochenbrüchen und tiefen Risswunden versucht, der linke Zeigefinger, dessen Kuppe fast vollständig abgetrennt worden war, wiederherzustellen.

Ob er bleibende Schäden davongetragen hat, ist nach wie vor noch nicht geklärt.

Wie geht es für den Sprintspezialisten nun weiter? Kann er seine Karriere fortsetzen?

Degenkolb behält seine Qualitäten

"Ich gehe ganz fest davon aus, dass es beim heutigen Stand der Technik, der Wissenschaft und der Kunst der Ärzte wieder funktionieren wird", sagt der langjährige Profi Jens Voigt im Gespräch mit SPORT1.

Die Verletzung des Fingers sei keine Einschränkung, die eine Weiterführung seiner Laufbahn verhindern könnte. "Die Gangschaltung wird er vermutlich wieder bedienen können, das geht zur Not auch mit zwei Fingern. Das klappt immer, für das Radfahren hat das keinen Einfluss", ergänzt Voigt.

Physisch hat Degenkolb also in sportlicher Hinsicht kaum Probleme zu befürchten. Schwieriger könnte es sich mit der Psyche werden.

Siege bei der Tour de France drin

"Die Frage ist, ob er nach so einem Unfall wieder Radfahren will", schränkt der Kämpfertyp ein, schiebt jedoch gleich hinterher: "Aber ich gehe davon aus, dass Degenkolb weiterfahren möchte, so wie ich ihn kenne."

Jens Voigt bei der Tour de France 2009
Jens Voigt zog sich bei einem Sturz bei der Tour de France 2009 Knochenbrüche im Gesicht sowie eine Gehirnerschütterung zu © Getty Images

Entscheidend sei nach so einem Sturz, sich nicht von der Angst vor einem weiteren Unfall kontrollieren zu lassen. "Die Angst tötet das Bewusstsein, Angst lässt dich Fehler machen, Angst macht dich steifer auf dem Fahrrad", sagt Voigt: "Man muss die Angst in Respekt oder Vorsicht umwandeln."

Selbst ein schnelles Comeback in dieser Saison hält er bei Degenkolb für möglich. "Wir stehen auch noch am Beginn des Jahres. Die Saison ist noch lang. Ich sehe keinen Grund, weshalb er nicht später noch zwei Tour-Etappen gewinnen sollte", so Voigt weiter.

"Unglücklicher Zufall"

Den schrecklichen Trainingsunfall in Spanien hält der 44-Jährige, der sich selbst bei einem Sturz bei der Tour de France 2009 schwere Kopfverletzungen zugezogen hatte, für einen unglücklichen Zufall, welcher kaum zu verhindern gewesen ist.

"Auf den Trainingsstrecken in dieser Gegend in Spanien passiert eigentlich nichts. Die Gegend ist sehr ruhig und es gibt wenig Verkehr", berichtet Voigt.

Generell achte man bei der Trainingsplanung darauf, nur auf Strecken mit wenig Verkehrsaufkommen zu fahren. Weitere Kriterien für die Wahl der Lokalität sind "Wetterbeständigkeit, ein kosteneffizientes Hotel, guter Straßenbelag und abwechslungsreiche Streckenprofile".

Voigt schockiert

Voigt, der laut eigenen Angaben in seiner Karriere etwa 60 bis 70 Mal gestürzt ist und "insgesamt 25 Schrauben und Nägel im Körper und zusätzlich elf gebrochene Knochen" hatte, reagierte "schockiert", als er die Nachricht von Degenkolbs Unfall vernommen hatte.

Ungeachtet dessen, ob Degenkolb seine Profikarriere, die ihn bislang zu den Siegen der Klassiker Paris-Roubaix und Mailand-Sanremo geführt hat, fortsetzen kann, steht für Voigt ein ganz anderer Aspekt im Vordergrund: "Die Hauptsache ist, dass Degenkolb seinen Finger und seine Hand im normalen Leben wieder normal bewegen kann. (…) Ich hoffe, dass er in Zukunft möglicherweise mit seinen Kindern Lego oder Playmobil zusammenbauen kann." 

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