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Tony Martin ist mehrfacher Zeitfahrweltmeister
Tony Martin ist mehrfacher Zeitfahrweltmeister © Getty Images

Mini-Motoren werden für den Radsport zur neuen Großbaustelle, glaubt Tony Martin. Der Weltverband setzt High-Tech dagegen, eine Teenagerin wird drakonisch bestraft.

Der Betrug findet noch immer im Verborgenen statt, doch an die Stelle zwielichtiger Sportmediziner treten gewiefte Ingenieure.

Der Profi-Radsport sieht sich in seinen Bemühungen um mehr Glaubwürdigkeit einer neuen Dopingdebatte ausgesetzt.

Dabei sind nicht Spritzen, Bluttransfusionen oder Hormontherapien wie in der dunklen Ära des tief gefallenen Lance Armstrong Gegenstand der Diskussion. Stattdessen sollen sich Fahrer vereinzelt mit kleinen, versteckten Hilfsmotoren unerlaubte Vorteile verschaffen. 

Vorteil ohne Gesundheitsgefährdung

Elektrodoping statt Epo, ein unbemerkter Vorteil ohne die Gefährdung der eigenen Gesundheit - das perfekte Verbrechen sozusagen. Die Radprofis sind in Sorge und fürchten um ihren Ruf.

"Das Thema Motordoping ist nach der Ära menschlichen Dopings wirklich die Großbaustelle im Radsport. Wir müssen massiv dagegen vorgehen", sagte etwa Zeitfahrspezialist Tony Martin.

Der 31-Jährige von Team Etixx-QuickStep ist einer der Erfolgsfahrer der "neuen" deutschen Generation. Wie die Sprinter Marcel Kittel, André Greipel oder John Degenkolb hat Martin den vor allem in Deutschland schlechten Ruf seines Sports mit unzähligen Erfolgen und öffentlichen Anti-Doping-Bekenntnissen verbessert.

Martin fürchtet einen Rückschritt

Angesichts der Motordoping-Debatte bangt der gebürtige Cottbuser nun um die erzielten Fortschritte. 

"Natürlich ist da die Angst, dass der Stand, den man sich gerade in Deutschland wieder erarbeitet hat, zerstört wird", sagte Martin und ergänzte: "Auch hier muss man den Leuten sagen, dass es wirklich einzelne schwarze Schafe sind, die versuchen, den Radsport zu hintergehen und kaputt zu machen."

Die Mehrheit der Fahrer versuche, Rennen mit fairen Mitteln zu gewinnen.

CYCLING-UCI-TECHNOLOGY-BEL
Femke Van Den Driessche wurde des Motordopings überführt © Getty Images

Als bislang einziges schwarzes Schaf wurde in diesem Jahr die Belgierin Femke Van den Driessche überführt und für sechs Jahre gesperrt.

Die 19-Jährige war Ende Januar bei den Radcross-Weltmeisterschaften im belgischen Zolder erwischt worden, ihr Rad wurde nach dem U23-Rennen wegen eines verbotenen Hilfsmotors beschlagnahmt.

Für den Weltverband UCI ist der Fall Van den Driessche ein Prestigeerfolg im Kampf gegen den modernen Schwindel. Der Fall dient als Beweis dafür, dass die eigenen Kontrollmechanismen greifen. Die UCI setzt bei der Aufklärung von Motordoping auf Magnetresonanz-Untersuchungen per Tablet.

"Motoren, Batterien oder andere elektrische Apparaturen - es wird alles aufgespürt, was nicht dort sein sollte", sagte UCI-Präsident Brian Cookson und erklärte die Maßnahmen als eine "Botschaft an Betrüger".

Doch die Methode ist nicht unumstritten, da sie möglicherweise nicht weit genug greift.

Fragwürdige UCI-Methoden

Die italienische Zeitung Corriere della Sera und der französische TV-Sender Stade 2 hatten beim Eintagesrennen Strade Bianche sowie beim Etappenrennen Coppi e Bartali im März mit Hilfe von Wärmebildkameras auffällige Temperaturwerte an sieben Rädern festgestellt. Die UCI verzichtet auf diese Technik. 

Wie groß die Problematik inzwischen ist, lassen Aussagen von Jean-Pierre Verdy, bis 2015 Direktor des Kontrollbereichs der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD, erahnen.

Er glaubt, dass sogar bei der Tour de France 2015 manipuliert wurde. Betrogen hätte "eine Minderheit, aber es waren wohl mehr als ein Dutzend Fahrer. Viel mehr als noch 2014 und die Jahre zuvor", sagte Verdy dem Magazin Tour

Der lebenslang gesperrte italienische Dopingarzt Michele Ferrari, einer der Baumeister der Armstrong-Ära, will von Motordoping bereits seit 2005 gewusst haben. Die Debatte ist in vollem Gang, der nächste Skandal droht.

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