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Guardiola Rugby
Pep Guardiola liefert Taktik-Nachhilfe für Japans Rugby-Nationalmannschaft © SPORT1/Grafik

München - Bayerns Trainer gilt als Taktikfuchs. Sein Wissen soll Japans Sensation bei der Rugby-WM ermöglicht haben. Doch Guardiola will sich nicht mit fremden Federn schmücken.

Wann immer dieser Tage von Rugby die Rede ist, wimmelt es nur so von Superlativen.

Wen es fasziniert, wenn sich beinharte Kerle um eine eiförmige Pille balgen, der schwärmt wahrscheinlich noch immer von einer "historischen Sensation". Oder vom "größten Erdbeben in der Rugby-Geschichte".

Was Fans und Beobachter der bisweilen martialisch anmutenden Sportart so entzückt derzeit und von Medien überschwänglich gefeiert wird, ist der Coup, den die japanische Rugby-Nationalmannschaft vor wenigen Tagen bei der Weltmeisterschaft in England gelandet hat. 

Mit 34:32 hat der Underdog den zweifachen Titelträger Südafrika bezwungen. Wie außergewöhnlich dieser Erfolg ist, zeigt ein Blick in die Statistik: Bei WM-Endrunden stand für Japan bis dato nur ein einziger Sieg zu Buche. 1991 war das – beim 52:8 gegen Simbabwe.

Ansonsten hatten sich Japans Rugbycracks bislang eher durch Negativrekorde ein Namen gemacht. 1995 kassierten sie gegen Neuseeland mit 17:145 die höchste WM-Pleite aller Zeiten. In diesem Jahr ist alles anders.

Taktik-Schule bei Guardiola

Auch weil Japans Trainer Eddie Jones einen ungewöhnlichen Weg der Vorbereitung wählte. Um seinem Team besonderen taktischen Feinschliff zu verpassen, stattete der australische Head-Coach im Dezember, weit vor der WM, jenem Mann einen Besuch ab, der im Mannschaftssport als taktische Koryphäe gilt: Pep Guardiola, Trainer von Bayern München.

Der Katalane ist gewissermaßen der Superlativ in Person. Man sagt ihm etwa nach, das beste Fußballteam zu betreuen, das die Welt momentan zu bieten hat. Und das macht ihn zu einem begehrten Ratgeber – selbst für andere Sportarten.

Schon kurz nachdem Rugby-Coach Jones im Winter an der Säbener Straße vorstellig geworden war, schwärmte er in den höchsten Tönen von Guardiola. Er sei der beste Fußballtrainer der Welt und "wenn man die Chance hat, vom Besten zu lernen, ist das eine tolle Gelegenheit", sagte Jones damals.

Jetzt, da sein Nationalteam die "Heldentat" (auch so ein Superlativ, der in vielen Medien auftauchte) gegen Südafrika vollbrachte, war der Sieggarant schnell ausfindig gemacht: Taktik-Meister Guardiola – der Rugby-Missionar.

Kaffee-Plausch über Fußball und Rugby

Der vermeintliche Glücksbringer mag sich jedoch nicht mit fremden Federn schmücken. Für den Erfolg Japans sei Jones ganz allein verantwortlich. "Ich verstehe gar nichts über Rugby", beteuerte der Bayern-Coach am Freitag. Während der Audienz seines Trainerkollegen in München habe man über vieles gesprochen, "über Fußball, über Kaffee – auch über Rugby".

Wenn Guardiola Rugby sagt, klingt das wie "Ruckbiii". Ein Indiz dafür, dass ihm die Sportart tatsächlich völlig fremd ist? Wohl kaum.

Guardiola wäre nicht Guardiola, wenn er nicht schon längst die taktischen Kniffe des Spiels durchschaut hätte: "Im Fußball wird immer nur nach vorne gespielt. Beim Rugby gibt es gezielte Rückpässe. Dadurch hat der Spieler, der den Ball hat, eine viel bessere Übersicht."

Es sind taktische Analysen wie diese, weshalb Japans Head-Coach Jones Guardiola einst konsultierte. Der Australier selbst hat deutliche Parallelen zwischen Rugby und Fußball ausgemacht. Beide Sportarten seien sehr ähnlich. "Man will den Ball immer in den freien Raum befördern."

In Sachen Passspiel bescheinigt Jones Guardiolas System zwar bereits Perfektion ("Das fantastischste, das man jemals gesehen hat"). Doch wer weiß, ob sich nicht irgendwann auch der Fußball etwas beim Rugby abschauen kann. Taktikfuchs Guardiola jedenfalls hat Lunte gerochen.

"Er", damit war Jones gemeint, "soll mir ein Ticket schicken", sagte der Spanier am Freitag. "Dann fliegen wir nach Japan."

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