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Den großen Pott durften Lisicki, Petkovic, Kerber und Teamchefin Rittner nur anschauen

Vom Fed Cup berichtet Julian Ignatowitsch

Prag - Nach der Niederlage im Finale des Fed Cups sprach Teamchefin Barbara Rittner immer wieder vom "wahren Gesicht" der deutschen Mannschaft.

Sie sei froh, dass man dieses am zweiten Tag des Finalwochenendes noch gezeigt habe.

Auch wenn das "wahre Gesicht" ebenfalls das Aussehen einer Niederlage offenbarte, brachte Deutschland den Dienstausflug nach Prag mit dem epischen Match von Angelique Kerber (Bericht) und dem Ehrenpunkt im Doppel, immerhin zu einem einigermaßen versöhnlichen Ende.

Fazit zweigespalten

Wie fällt das Fazit denn nun aus?

In der Tat zweigespalten. Am Samstag war Deutschland inmitten der Schreie von Prag (Bericht) chancenlos.

Entweder weil man sportlich schlichtweg nicht mithalten konnte, so wie Andrea Petkovic gegen die Weltranglistenvierte Petra Kvitova, oder weil man sich von den äußeren Umständen beeinflussen ließ und unter dem negativen Einfluss der eigenen Nervosität nicht zu seiner Leistung fand, so wie Angelique Kerber gegen die tschechische Nummer zwei Lucie Safarova.

Unwägbarkeiten des Teamwettbewerbs

Dass ein Finale im Fed Cup noch einmal etwas ganz anderes ist als die Turniere auf der WTA-Tour, selbst die Grand Slams, merkte man den deutschen Spielerinnen an. "Die Atmosphäre ist aufgeheizter und lauter, man spielt nicht nur für sich, sondern für die Mannschaft", erläuterte Kerber die Umstellung.

Wer selbst Tennis spielt, kennt diesen Unterschied zwischen Einzel- und Mannschaftstennis. Von daher wäre es unfair, den Deutschen diese Argumente einseitig als Ausrede auszulegen. SHOP: Jetzt Tennis-Artikel kaufen

Ratlos und enttäuscht waren die Spielerinnen und Teamchefin Rittner nach dem ersten Tag. "Aber an Aufgeben hat keine von uns gedacht. Wir waren immer noch überzeugt, dass wir es schaffen können", sagte Sabine Lisicki.

Immerhin konkurrenzfähig

Diesen unbedingten Willen merkte man den Deutschen am zweiten Tag auch an. Vielleicht weil man sowieso nichts mehr zu verlieren hatte, "was es leichter macht", wie Kerber einräumte.

Das deutsche Team zeigte sich in Person von Kerber stark verbessert und damit immerhin konkurrenzfähig, wenn auch die mentale Komponente weiterhin ein Problem darstellte.

Erneut schaffte es Kerber nicht die zahllosen Führungen, allen voran ein 4:1 im entscheidenden dritten Satz, in Zählbares umzumünzen. Was auch Fußball-Weltmeister Toni Kroos bei Twitter bedauerte:

Kerber und die Nervenschwäche

Auch wenn am Ende "nur zwei, drei Punkte den Ausschlag gaben" und das Spiel auch andersrum hätte ausgehen können, darf sie sich als Spitzenspielerin damit nicht zufrieden geben.

Fast schon besorgniserregend ist die Schlussfolgerung: "Wenn man hinten liegt, spielt es sich leichter, man hat nichts mehr zu verlieren und ist selbstbewusster", wie es Kerber formulierte.

Solche Worte aus dem Mund einer Serena Williams sind unvorstellbar. Als Spielerin in den Top 10 sollte auch Kerber den Anspruch haben, mit einer Führung im Rücken das beste Tennis spielen zu können.

Kämpferisch muss man vor Kerber gerade nach dem zweiten Tag den Hut ziehen. Doch das Problem, dass sie in wichtigen Spielen, auch bei Grand Slams, manchmal ihre Nerven nicht im Griff hat, ist bekannt - und daran muss sie arbeiten.

Erfahrungsplus und Heimvorteil

Sicherlich ist das auch eine Sache der Erfahrung, wie es das deutsche Team an diesem Wochenende immer wieder betonte. Die Tschechinnen um Kvitova und Safarova standen bereits in ihrem dritten Fed-Cup-Finale, siegten nach 2011 und 2012 auch zum dritten Mal.

Dazu hatten sie den Heimvorteil, das lautstarke Publikum und den schnellen Court auf ihrer Seite. Alles Pluspunkte für die Gastgeber.

Beim nächsten Mal dürfen diese Entschuldigungen aber nicht mehr zählen. Schließlich hat man jetzt die Erfahrung und sollte daraus die entsprechenden Schlüsse ziehen.

Ziel: der Titelgewinn

Diesen Anspruch formulierte das deutsche Team selbst. Bei der abschließende Pressekonferenz saßen Rittner, Kerber, Petkovic, Lisicki, Julia Görges und Anna-Lena Grönefeld nebeneinander auf dem Podium und gaben einstimmig den Titelgewinn als Ziel für die nächsten Jahre aus.

Solange Spielerinnen wie Serena und Venus Williams oder Maria Scharapowa den Wettbewerb auslassen, ist dieses Ziel in jedem Fall realistisch.

Die große Stärke der Deutschen besteht ja gerade in der mannschaftlichen Geschlossenheit und der Tatsache, dass jede Spielerin unbedingt für ihr Land spielen möchte.

Guter Teamgeist, gute Einzelspieler

Selbst als es in Prag nicht lief, stand die Mannschaft zusammen, Petkovic betonte die Qualität der Ersatzspielerinnen, die wiederum nicht aufmuckten, sondern von der Bank wie eine Eins hinter den gesetzten Akteurinnen standen.

Im Moment der Niederlage tröstete man sich untereinander und schwor sich gleich auf die kommende Aufgabe ein. Rittner trug als Teamchefin ihren Anteil dazu bei.

Mit Kerber, Petkovic und Lisicki ist man auf den Einzelpositionen sehr gut und auch spielerisch variabel besetzt und kann auf jedem Belag punkten. Mit Annika Beck und Mona Barthel, die an diesem Wochenende ganz selbstverständlich mit in Prag dabei waren, drängen zudem zwei aussichtsreiche Youngster ins Team.

Bald titelreif

Darüber hinaus ist man mit aufschlagstarken Spielerinnen wie Lisicki, Görges und Grönefeld auch fürs Doppel bestens aufgestellt.

Insofern fällt die Zukunftsprognose positiv aus. Mit Australien, die in dieser Saison im Halbfinale 3:2 besiegt wurden, wartet in Runde eins des nächsten Jahres (7./8. Februar) gleich einer der schwierigsten Gegner auf die deutsche Mannschaft. Doch der sollte erneut zu schlagen sein.

Das deutsche Frauentennis hat zwar noch keine zweite Steffi Graf gefunden, dürfte aber aufgrund der Ausgeglichenheit und Geschlossenheit des Teams gute Chancen haben, nach 1992 in den nächsten Jahren wieder die Mannschaftstrophäe zu gewinnen.

Mit einem "wahren Gesicht", das in Prag zu selten zutage trat.

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