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Roger Federer hat durch seinen Sieg in Basel den Tennis-Thron ins Visier genommen

Von Stefan Schnürle

München - Das Beste kommt zum Schluss heißt es und bei den ATP Finals in London trifft das definitiv zu.

Das letzte ATP-Spiel 2014 bestreiten mit Novak Djokovic und Roger Federer (ab 19 Uhr LIVE im TV auf SPORT1+ und im LIVE-TICKER) die Nummer eins und zwei der Welt.

Rekordtitelträger Federer winkt bereits der siebte Sieg. Djokovic könnte mit einem Sieg dagegen der erste Spieler seit Ivan Lendl werden, der das Turnier drei Mal in Folge gewinnt.

"Ich hatte Glück"

Dabei wäre um ein Haar das von vielen erhoffte Traumfinale geplatzt. Erst nach 2:48 Stunden nutzte Federer seinen ersten Matchball zum 4:6, 7:5, 7:6 (6)-Erfolg gegen Stan Wawrinka.

Zuvor musste er im Halbfinale gegen seinen Schweizer Landsmann vier Matchbälle abwehren. Dass ihm das gelang, lag nicht nur an ihm, wie Federer hinterher zugab: "Ich hatte Glück. Da gibt es keinen Zweifel."

Die Chance kam dank Wawrinkas Nervenschwäche. Aus Nervosität spielte dieser bei drei seiner Matchbälle Serve and Volley, sagte er nach der Partie - zwei Mal sogar nach dem zweiten Aufschlag.

Wawrinka sieht Djokovic im Vorteil

Federer kam mit den Schrecken davon und trifft im Finale nun auf Djokovic.

Auch dieser hatte in der Partie gegen Kei Nishikori zeitweise zu kämpfen. Mit 87 Minuten verbrachte der Serbe bei seinem 6:1, 3:6, 6:0-Sieg dennoch nur halb so viel Zeit auf dem Court wie sein Finalgegner.

Wawrinka glaubt, dass das ein entscheidender Vorteil sein könnte: "Wir werden sehen, wie fit Roger körperlich ist, denn Novak ist sehr stark. Er hat nicht so viel Energie im Turnier verbraucht."

Hinzu kommt, dass der 33-Jährige erst um 2 Uhr deutscher Zeit ins Bett kam und ihm somit nur 17 Stunden zur Regeneration bleiben. Federer wird daher sehr froh sein, dass bei den ATP Finals seit 2008 zwei Gewinnsätze im Finale reichen.

Match garantiert Spannung

Das Finale zwischen Djokovic und Federer ist dabei mehr als das Duell von Nummer eins gegen Nummer zwei. Es ist das beste Matchup der letzten zehn Jahre.

Ein Aufeinandertreffen zwischen Federer und Rafael Nadal sorgt zwar für noch größeres Aufsehen - mehr Spannung garantiert aber das Duell zwischen Djokovic und Federer.

Die Bilanz von 19:17 für Federer ist fast ausgeglichen und es gibt keinen Belag, auf dem ein Kontrahent deutlich öfter die Oberhand behielt. Rekordverdächtige ein Drittel der Sätze wurden zudem mit 7:5 oder später entschieden.

Djokovic zeigt alte Schwäche

Trotz der leicht negativen Bilanz geht Djokovic als Favorit ins Endspiel. Lässt man den zweiten Satz gegen Nishikori außen vor, hat der Serbe im Turnierverlauf in acht Sätzen nur zehn Spiele abgegeben.

Gegen den Japaner trat allerdings wieder eine alte Schwäche von Djokovic zum Vorschein. Nachdem er Nishikori einen Satz und ein Break lang vorführte, ließ er sich von einer Kleinigkeit - das Publikum applaudierte nach einem Doppelfehler - völlig aus der Fassung bringen.

"Ich hätte es abhaken sollen. Aber du tolerierst es zwei, drei, vier Mal, dann reagierst du - wir sind alle Menschen", sagte Djokovic anschließend.

In der Halle fast unbesiegbar

Im Finale darf er sich eine solch lange Schwächeperiode nicht erlauben - auch wenn das Publikum wieder lautstark zu Federer halten wird.

Optimistisch sollte Djokovic stimmen, dass er in der Halle 31 Partien in Folge gewonnen und dabei 2014 nur einen Satz verloren hat ? nämlich den gegen Nishikori.

Federer wird sich daher deutlich steigern müssen, wenn er eine Woche vor dem Davis-Cup-Endspiel seine ATP-Saison erfolgreich abschließen will SHOP: Jetzt Tennis-Artikel kaufen.

Federer muss offensiver agieren

Denn auch wenn es das spannendste Match des Turniers war, offenbarte Federer im Halbfinale einige Schwächen.

So agierte er über weite Strecken der Partie ungewohnt passiv, was die Zahlen belegen. 25 Winner von ihm stehen 43 von Wawrinka gegenüber. Federer weiß, dass er gegen Djokovic mehr riskieren muss, denn in der Defensive ist allenfalls Nadal dem Schützling von Boris Becker gewachsen.

Auch Federers Quote erster Aufschläge sollte gegen den weltbesten Returnspieler nach oben schnellen. Bei Federers Aufschlagstärke sind 52% aus dem Halbfinale viel zu wenig.

Doch nicht nur seine Aufschläge waren verbesserungswürdig. Obwohl Wawrinka nur unterirdische 38% erster Aufschläge ins Feld bekam, gelangen Federer in 17 Returnspielen nur drei Breaks.

Belag spricht für Djokovic

Das letzte Duell mit Djokovic auf Hartplatz sollte Federer jedoch Mut machen. In Schanghai gewann er glatt mit 6:4, 6:4. Allerdings war die Form des Serben damals schlechter und der Belag deutlich schneller als in London.

Anders als ein Milos Raonic und Marin Cilic kann Federer zwar dank seiner guten Beinarbeit auch auf dem langsameren Untergrund spielen. Im Duell mit Djokovic hätte sich der Rekord-Grand-Slam-Sieger aber sicher einen schnelleren Belag gewünscht.

Die bisherigen Duelle garantieren dennoch Spannung und Dramatik - und mehr kann man sich als Tennis-Fan zum Saisonfinale doch nicht wünschen.

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