SPORT1-Experte Sascha Bandermann erklärt Federers Absage vor dem Endspiel von London und sein Umdenken in Sachen Nationalteam.

Der große Showdown bei den ATP Finals in der O2-Arena platzte wie so manche Spekulationsblase in der angrenzenden Bankenstadt.

Roger Federer hat Rücken. Seine Absage ist nachvollziehbar. Nur mit einhundert Prozent Körper und Geist hätte er überhaupt eine Chance gehabt gegen diesen Novak Djokovic in Überform.

Spätestens nach dem Match gegen Stanislas Wawrinka war klar, dass der Rekordtitelträger des Turniers sich enorm hätte steigern müssen. Zu passiv sein Spiel im Halbfinale.

Zumal der langsame Hartplatz in London dem 33-Jährigen in einer Partie gegen den Serben nicht in die Karten gespielt hätte - anders als in Shanghai, wo Federer zuletzt über Djokovic triumphierte.

Obwohl am Sonntagabend alle enttäuscht waren, hat keiner der 17.500 Zuschauer in der O2-Arena Federer den kurzfristigen Rückzug übel genommen. Es gab weder Pfiffe noch Buhrufe.

In all den Jahren hat er sich einen Bonus verdient. Schließlich kann ich mich nicht erinnern, dass Federer schon mal ein Finale hätte platzen lassen. Und er war mal wieder so clever und souverän, sich vor das Publikum zu stellen und sich persönlich zu entschuldigen. So hat er es auch in Halle/Westfalen stets gehalten, wo er sich in manchen Jahren wegen der Strapazen der French Open zuvor abmeldete.

Der Schweizer ist bekannt dafür, dass er auf seinen Körper hört und diesem vertraut. Dass er sich im Match gegen seinen Landsmann und Davis-Cup-Kollegen Wawrinka trotzdem durchgebissen hat, spricht für die große Moral des Weltranglistenzweiten.

Aus Federers Sicht war die Absage vor allem eine Entscheidung pro Davis Cup.

Ab Freitag steht in Lille das Finale gegen Frankreich an, und diese Trophäe ist eines der letzten großen Ziele in Federers Karriere.

Sie für einen weiteren und damit siebten WM-Titel aufs Spiel setzen? Wohl kaum. In diesem Jahr ist ihm der Davis Cup wichtiger. Zumal er sich in der Vergangenheit oft dagegen entschieden hatte, auch um Pete Sampras den Rekord von 14 Grand-Slam-Titeln abzujagen.

Nun aber ist es vielleicht seine letzte Chance, die Salatschüssel hochzustemmen.

Ich hoffe, dass Federer seine körperlichen Probleme schnell in den Griff bekommt. Ansonsten droht auch das letzte Tennis-Highlight 2014 zu platzen.

Die Schweiz ist ein Zwei-Mann-Team. Fällt einer aus, dann wird der Davis-Cup-Gewinn für Frankreich vermutlich zum Selbstläufer.

Sollten sich die Gerüchte über angebliche Streitigkeiten zwischen Federer und Wawrinka in der Umkleidekabine nach dem Halbfinale bewahrheiten, dann steht Federers Trainer und Davis-Cup-Teamchef Severin Lüthi ein wenig diplomatische Arbeit bevor.

Ansonsten bleibt festzustellen, dass beim Turnier der Top 8 zwei Spieler in einer anderen Liga gespielt haben. Federer gab bei seinen drei Gruppenmatches gerade mal 13 Spiele ab. Der Djoker gar nur neun.

Dem Rest der Elite ist nach einem langen Tennisjahr die Puste ausgegangen. Was wiederum eindrucksvoll belegt: Trotz vier verschiedener Grand-Slam-Champions im Jahr 2014 sind die Herren Nadal, Federer und vor allem Djokovic auch künftig das Maß aller Dinge.

Keep acing!

Euer Sascha

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