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Rafael Nadal hat seit den US Open 15 seiner 19 Matches gewonnen
Rafael Nadal hat seit den US Open 15 seiner 19 Matches gewonnen © Getty Images

London - Beim ATP-Finale (täglich live im TV auf SPORT1+) kann Rafael Nadal sein Seuchenjahr vergessen machen. Der Zweifler schöpft wieder Mut - und witzelt über Frisör Murray.

Andy Murray musste geahnt haben, dass gegen den aufblühenden Rafael Nadal an diesem Tag kein Kraut gewachsen war.

Und doch versuchte der Schotte alles, griff zur Schere - und schnitt sich bei einem Seitenwechsel eine vermeintlich störende Haarsträhne ab. "Das war doch eine gute Lösung", witzelte Nadal nach dem überraschenden 6:4, 6:1 im Gruppenduell gegen den Weltranglistenzweiten Murray beim ATP-Saisonfinale. 

Der Spanier von der Sonneninsel Mallorca hat in den Tagen von London gut lachen. Ausgerechnet auf dem einst so ungeliebten Hartplatz scheint Nadals monatelange und verzweifelte Suche nach Form und Selbstvertrauen ein Happy End zu finden.

Absturz auf Platz 10 der Weltrangliste

Im Anschluss an den zweiten Sieg im zweiten Vorrundenspiel und dem vorzeitigen Einzug ins Halbfinale meinte die ehemalige Nummer eins erleichtert: "Ich habe mich heute frei gefühlt".

Es muss ein schöner, erhabener Zustand sein nach all den Selbstzweifeln, die dem sensiblen Nadal so zugesetzt hatten.

Ihm, dem Sandplatzkönig und Rekordchampion von Paris, dessen Krise beim Viertelfinal-Aus von Roland Garros deutlich zu Tage trat. Erstmals seit 2005 rutschte "Rafa" bis auf Platz zehn der Weltrangliste ab. 

Keine Scheu, über Ängste zu sprechen

Der Linkshänder sorgte danach bei einigen Experten für Unverständnis, als er offen darüber sprach, wie verunsichert er ist. Das Innere nach Außen kehren - verpönt in einer Sportart, in der die mentale Stärke oft der entscheidende Faktor ist.

Doch der äußerst bodenständige Nadal gilt als ehrliche Haut. In seiner Autobiographie verriet er, dass er Angst vor der Dunkelheit und vor Hunden hat. "Außerhalb des Courts bin ich wirklich nicht der mutigste Mensch", hat Nadal einmal berichtet. 

Auch in London ließ der Publikumsliebling tief blicken. "In diesem Jahr habe ich mir in vielen Matches mehr Sorgen um mich gemacht, als ich meinen Gegnern Sorgen bereitet hätte", meinte der 29-Jährige.

Auch Bollettieri meldet sich zu Wort

Glaubt man Olympiasieger Murray allerdings, dann haben die Konkurrenten den 14-maligen Grand-Slan-Champion Nadal trotz der ausbleibenden Erfolge immer ernst genommen.

"Viele Medien haben deutlich gemacht, dass sie Zweifel an ihm haben. Etliche Spieler aber spüren, dass Rafa wieder seine Topform erreichen wird", sagte Murray nach der kostenlosen Trainingseinheit gegen Nadal.

Auch Trainer-Guru Nick Bollettieri sah sich veranlasst, via Twitter mizuteilen: "Rafael Nadal ist zurück! Du kannst diesen Mann nicht abschreiben."

US-Ikone Chris Evert ist überzeugt, "dass Rafa wieder der Alte werden wird, wenn er gesund bleibt."

Selbstbewusst am Netz

Sein neuer Glaube an sich selbst zeigt sich auch in der Spielweise. Bei elf seiner 13 Netzangriffe gegen den müde wirkenden Murray machte Nadal den Punkt.

"Wenn ich selbstbewusst bin, spiele ich aggressiver und greife dann auch öfter an", erklärte Nadal.

Seit den US Open im September geht die Formkurve (15:4 Siege) wieder nach oben. In einem Jahr, in dem der Weltranglistenfünfte bei keinem der vier Grand-Slam-Turniere über das Viertelfinale hinauskam.

Der Onkel erkennt den Unterschied

Früher auch ohne maximale Leistung siegreich: Toni Nadal über seinen Schützling Rafael
Früher auch ohne maximale Leistung siegreich: Toni Nadal über seinen Schützling Rafael © Getty Images

"Der Unterschied in den letzten Monaten war, dass er Matches verloren hat, in denen er sein Niveau nicht erreicht hat. Das war früher eben anders", kritisierte Nadals Onkel und Trainer Toni.

Beim Saisonfinale in der englischen Metropole könnte sich Hamburg- und Stuttgart-Sieger Nadal seine bislang schwache Saison versüßen.

Noch nie hat er bislang den Titel bei der inofiziellen WM gewinnen können. "Ich bin aber sicher kein Favorit", sagte Nadal. Die Konkurrenz sieht das anders.

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