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Wolfgang Kleine über Martina Hingis im French-Open-Finale 1999
Wolfgang Kleine blickt in seiner Kolumne zurück auf das French-Open-Finale 1999 © SPORT1/getty

1999 gewinnt Steffi Graf als bis dato letzte Deutsche die French Open. Wolfgang Kleine erinnert in seiner Kolumne an das denkwürdige Finale gegen Martina Hingis. Wolles Welt.

Die TV-Nahaufnahme des fast verzweifelten Gesichtsausdrucks von Martina Hingis sprach Bände. Im Hintergrund pfiffen sich die Zuschauer beim Finale der French Open in Paris die Lunge aus dem Leib. Es war der 5. Juni 1999, ein bis dahin denkwürdiges Damen-Endspiel drohte aus dem Ruder zu laufen.

Vor dem Fernsehschirm konnte ich nicht glauben, was dort beim Stande von 5:2 für Steffi Graf im entscheidenden dritten Satz geschah. Ich erinnerte mich an die "Hausfrauen-Aufschläge" des deprimierten Slowaken Miloslav Mecir beim Düsseldorfer World Team Cup im Spiel gegen Jimmy Connors, an die Aufschläge von unten des völlig entkräfteten Michael Chang im Match in Paris gegen Ivan Lendl.

Und dann das beim Damen-Finale 1999: Martina Hingis wirkte völlig entnervt, nachdem sie sich schon im zweiten Satz wegen Reklamierens einen Strafpunkt eingehandelt hatte. Immer wieder feuerten die Zuschauer danach Steffi Graf mit lauten "Steffi, Steffi"-Rufen an.

Hingis drohte bei eigenem Aufschlag das Match zu verlieren. 40:30 für Graf - Hingis servierte völlig überraschend für die Zuschauer und vor allem für die Deutsche von unten. Graf stürmte nach vorn ans Netz und wurde dann von Hingis passiert - vorerst Einstand statt Matchgewinn für Graf.

Die Zuschauer tobten und buhten auf der Tribüne. Die Stuhlschiedsrichterin versuchte verzweifelt, über das Stadionmikrofon für Ruhe zu sorgen. Das Pfeifen und Buhen nahm kein Ende. Hingis war den Tränen nahe, nur Graf behielt erst noch die Nerven. Weiter Unruhe im Publikum, Hingis blickte nach unten, wollte sich auf ihren nächsten Aufschlag konzentrieren - vergebens.

TV-Reporter Volker Kottkamp war fassungslos. Ihm fehlten fast die Worte. Graf erspielte sich dann doch ihren zweiten Matchball. Aber es kam weiter keine Ruhe ins Stadion. Hingis versuchte nochmals einen Aufschlag von unten - wieder Buhrufe. Sie beschwerte sich bei der Schiedsrichterin über den Lärm. Steffi brüllte über das Netz: "Wollen wir diskutieren oder können wir einfach nur Tennis spielen."

Es ging schließlich weiter und Graf gewann ihren sechsten French-Open-Titel. Doch das, was dann kam, hatte es in Roland Garros bei einem Finale noch nicht gegeben: Martina Hingis floh vor der Siegerehrung weinend und schluchzend in die Kabine. Ihre Mutter Melanie Molitor folgte ihr.

Lange mussten Steffi Graf und die Zuschauer auf die Siegerehrung warten - begleitet von anhaltenden "Steffi"-Rufen. Hingis kam vorerst nicht wieder zurück. Erst nach über zehn Minuten erschien die 18-jährige Hingis, weinend im Arm ihrer Mutter, wie ein Häufchen Elend wieder auf dem Platz. Für Martina Hingis war es die größte Demütigung ihrer Karriere, für Steffi Graf der letzte Auftritt in Roland Garros - zwei Monate später gab sie ihren Rücktritt bekannt.

Hingis erklärte später bei tennisnet: "Ich habe Dinge getan, die ich nicht hätte tun sollen. Aber Menschen machen Fehler. Besonders in meinem Alter, wenn du dich für so klug hältst. Aber in Wirklichkeit bist du ein Arschloch."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996, 1997 sowie 1998 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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