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Stanislas Wawrinka gewann in Paris seinen zweiten Grand-Slam-Titel © dpa Picture-Alliance

Stan Wawrinka ringt im Finale der French Open Novak Djokovic nieder. Der Weltranglistenerste beweist nach der Niederlage Größe. Es kommt zu tollen Szenen nach Spielende.

Novak Djokovic wollte nicht weinen. Doch er weinte. Zu rührend, zu emotional war das, was sich nach diesem unglaublich hochklassigen Spiel auf dem Center Court in Paris abspielte.

Djokovic, der Verlierer dieses Finales, wurde bei der Pokalübergabe minutenlang mit Applaus und Sprechchören von den Fans gefeiert, er verbeugte sich mehrfach. Dann wurden die Augen doch feucht, trotz allen Widerstandes.

Er wusste selbst: Er selbst konnte sich kaum etwas vorwerfen. Der Gegner an diesem denkwürdigen Tag, der Schweizer Stan Wawrinka, war einfach zu stark. Er wuchs, je länger das Spiel dauerte, immer mehr über sich hinaus und schlug die Nummer Eins der Welt aus Serbien mit 4:6, 6:4, 6:3, 6:4, krönte sich selbst zum Nachfolger des Seriensiegers Rafael Nadal.

Djokovic scheiterte in Paris dagegen zum dritten Mal kurz vor der Erfüllung seines Titeltraums.

"Match meines Lebens"

"Das war das Match meines Lebens", sagte Wawrinka überglücklich. "Gegen Novak ist es immer eine unglaubliche Herausforderung. Ich hoffe, dass er eines Tages in Roland Garros gewinnt, weil er ein großer Champion ist."

Beide Spieler umarmten sich nach der Partie mehrfach - Djokovic gratulierte, Wawrinka tröstete.

Djokovic bewies nach seiner Niederlage tatsächlich unheimliche Größe. Von Bitterkeit und Neid: keine Spur. "Es fällt mir schwer, etwas zu sagen", sagte er, drehte sich zu seinem Rivalen und betonte: "Es gibt Wichtigeres als den Sieg, das ist Charakter. Und den hast du, Stan. Du hast es verdient."

Große Worte.

Eine lange Serie endet

Nach 3:12 spannenden und hochklassigen Tennisstunden verwandelte Wawrinka seinen zweiten Matchball und trat mit seinem zweiten Grand-Slam-Erfolg nach den Australian Open 2014 endgültig aus Roger Federers langem Schatten. Für Djokovic, den nahezu unbezwingbaren Dominator dieser Saison, endete eine Serie von 28 Matches ohne Niederlage.

Wie 2012 und 2014 gegen den Spanier Nadal unterlag Djokovic im Endspiel auf dem Court Philippe Chatrier einem besseren Kontrahenten. Dem 28-Jährigen, der sich selbst auf dem Zenit seines Könnens wähnt, droht das gleiche Schicksal wie seinem Trainer Boris Becker. Der langjährige Leimener und heutige Londoner war Zeit seiner Karriere vergeblich dem Coupe des Mousquetaires nachgejagt.

Einen Satz brauchte Wawrinka, um sich an Djokovics variables Spiel zu gewöhnen, dann lief er warm. Besser gesagt: heiß. Sein Spiel besteht aus präzisen Geschossen, abgefeuert von der Grundlinie mit Vorhand und Rückhand gleichermaßen kraftvoll.

Das Publikum treibt an

Wawrinka, der im Viertelfinale seinen Landsmann Federer erstmals bei einem Grand Slam bezwungen hatte, hielt sich nicht eine Sekunde mit dem Satzverlust auf. Seit seinem Sieg in Melbourne sei er gelassener geworden, er wisse nun, dass er auch die besten Spieler auf der Welt schlagen könne. Das Pariser Publikum trieb Wawrinka zusätzlich an.

Der 30-Jährige aus Lausanne dankte es mit Zauberschlägen, im dritten Satz feuerte er eine Rückhand am Netzpfosten vorbei ins Feld. Djokovic schien angezählt, er versuchte sogar mit der ungeliebten Aufschlag-Volley-Kombination die achte Niederlage in seinem 16. Majorfinale abzuwenden.

Verzweifelt blickte Djokovic in seine Box, suchte den Kontakt zu Becker, als Wawrinka nach einem epischen Ballwechsel von 30 Schlägen Djokovics Vorteil im vierten Satz geraubt hatte. Zum entscheidenden Break bei 4:4 schlug eine Rückhand die Linie entlang neben Djokovic ein. Es war so etwas wie eine Vorentscheidung.

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