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TENNIS-GBR-WIMBLEDON
Dustin Brown steht in der dritten Runde der All England Championships in Wimbledon © Getty Images

München - Dustin Brown katapultiert Tennis zurück auf die deutsche Landkarte. Sein Spiel ist spektakulär, Klischees erfüllt er aber nicht. In Köln wandelt er auf Lukas Podolskis Spuren.

Noch auf dem Platz bekam das Ebenbild von Papa Leroy ein paar Streicheleinheiten verpasst. Standesgemäß hatte Dustin Brown zuvor sein Match beendet. Ein krachendes Ass besiegelte die Sensation gegen Rafel Nadal.

Nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden hatte der 30 Jahre alte Deutsch-Jamaikaner mit den markanten Dreadlocks und einem Tattoo seines Vaters - nicht wie fälschlicherweise oft behauptet von Bob Marley - auf dem Bauch, einen der größten Tennis-Spieler aller Zeiten geschlagen - ja regelgerecht vorgeführt.

Und das bei seiner Premiere auf dem legendären Centre Court des All England Club in Wimbledon.

Heimatklub fiebert mit

Tennis-Ikone John McEnroe schwärmte im Anschluss in den höchsten Tönen, selbst Dirk Nowitzki ließ via Twitter ein "Stark, Alter" verlauten. Auch in Köln wurde kräftig mitgezittert. Beim Tennis- und Hockeyclub Rot-Weiss, für den Brown - falls es sein Terminkalender zulässt - auf Punktejagd geht.

"Wir haben gestern alle mitgefiebert und haben uns riesig gefreut, auch wenn das für uns bedeutet, dass er am Sonntag nicht dabei sein wird", sagt Sussan Karimi im Gespräch mit SPORT1.

Karimi ist sportliche Leiterin des THC, kennt Brown seit Jahren und setzt große Hoffnung in ihn. "Dieser Erfolg hat ihm unglaublich gut getan. Ich hoffe wir können seinen Sympathiefaktor nutzen, um Tennis in Deutschland endlich wieder auf Vordermann zu bringen."

Großer Sympathieträger

In der Tat fliegen Brown, dessen Spitzname "Dreddy" ist, die Sympathien nur so zu. Als er das Match beendete, erhoben sich die Zuschauer und spendeten minutenlang Applaus.

Die englische Presse sah das Publikum gar in "einer surrealistischen Fantasie gefangen" und erhob den Deutschen kurzerhand zum Gott.

Mal wieder hatte Brown eine unglaubliche Show geliefert. Mit seinem spektakulären, aber auch unorthodoxen Spiel die Fans von den Sitzen gerissen. Nicht jeder Stopp, nicht jeder Netzangriff sitzt bei ihm. Spaß aber, macht er immer.

"Er sticht optisch heraus und ist einfach ein ganz anderer Typ als der Rest auf der Tour. Sowas braucht das Tennis", schwärmt Karimi bei SPORT1.

Modeln für die Vogue

Dazu passt, dass Brown neben seiner Tennis-Karriere auch als Model aktiv ist. Vor zwei Jahren bekam er kurz nach Wimbledon eine Anfrage der Modezeitschrift Vogue. Wenig später flog er estmals nach New York.

Dustin Brown ist auch als Model aktiv © facebook.com/Dustin-Brown-Tennis

"Es ist eine willkommene Abwechslung zur alltäglichen Arbeit auf dem Platz. Vor allem ist es im Vergleich relativ locker, man muss sich einfach nur hinstellen und lächeln", so Brown.

Mittlerweile hat er sogar eine eigene Homepage, auf der sich alles um seine Modelkarriere dreht.

Anfänge im Wohnwagen

Dabei waren seine Anfänge alles andere als glamourös. Als Brown elf Jahre ist, zieht die Familie aus seinem Heimatort Celle nach Jamaika. Browns Vater ist dort geboren. Zehn Jahre später kommt der Brown-Clan zurück nach Deutschland.

Der Sohnemann lechzt nach Tennis und tingelt von einem kleinen Turnier zum nächsten. Geld für Hotels haben weder er selbst, noch seine Eltern und so ist ein VW-Bus sein ständiger Begleiter.

Es passt zum Bild des jamaikanischen Lebemanns, das einem in den Sinn kommt, wenn man Brown das erste Mal sieht. Doch der Schein trügt.

"Nicht sein Lebensstil"

"Im Gegenteil. Er ist absolut zuverlässig. Diese Geschichte mit dem Bus war mal, aber das hatte natürlich finanzielle Hintergründe. Das hat nichts mit seinem Lebensstil zu tun", erklärt THC-Chefin Karimi: "Er ist einer der sich gut vorbereitet und Tennis lebt."

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Dustin Brown trägt ein Tattoo seines Vaters auf dem Bauch © Getty Images

Erfolg mit seinem risikoreichen Spiel, das viele an Yannick Noah erinnert, hat der 1,96-Mann dabei vor allem auf Rasen. Der schnelle Belag kommt ihm zugute, lange Grundlinien-Duelle sind seine Sache nicht.

"Vier Passierbälle zu bekommen ist besser, als den Ball viermal in die Wurzel zu hauen. Von hinten mitspielen, das können 400 Leute auf der Welt besser als ich", hatte er einmal gesagt.

Auf Podolskis Spuren

Das haben sie natürlich auch in Köln registriert. "Wir haben ihm die ganze Zeit schon gesagt, dass wir Rasen für ihn verlegen. Aber das ist ja leider nicht möglich", scherzt Karimi: "Allerdings haben wir unseren Hauptplatz neu machen lassen und es war von Anfang an klar, dass er ganz ganz schnell werden muss."

Denn in Köln soll Brown, dessen Haare nach eigener Aussage 1996 das letze Mal eine Schere gesehen haben, ähnlich wie einst Lukas Podolski beim 1. FC Köln die Rolle als Zugfperd und Identifikationsfigur ausfüllen.

"Man muss den Menschen hier jemanden bieten, den die Menschen cool finden, mit dem sie mitleiden. Und dafür ist er einfach prädestiniert."

Troicki nächster Gegner

Auch wenn Brown der große Durchbruch bisher verwehrt blieb, hat er Tennis in Deutschland mit seinem grandiosen Triumph auf einen Schlag wieder ins Rampenlicht katapultiert.

Ob er in der Lage ist diese Euphorie auch weiter am Leben zu erhalten wird man sehen. In Wimbledon trifft er im Kampf ums Achtelfinale jetzt erst einmal auf Viktor Troicki.

Papa Leroy hofft schon auf den nächsten Liebesbeweis.

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