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Fed Cup 2015 - Germany v Australia
Andrea Petkovic im Gespräch mit Barbara Rittner während des Fed-Cup-Spiels gegen Australien 2015 © getty

München - Andrea Petkovic hat in einem Interview ihr Seelenleben offengelegt. Zu offen? Deutschlands Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner spricht im SPORT1-Interview.

Andrea Petkovic zweifelt. An ihrem Spiel, an sich selbst, an ihrem Sportlerleben generell.

"Ich spiele Tennis - das bringt keinen weiter im Leben", sagte Petkovic am Wochenenende in einem bemerkenswerten Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Legte dabei innere Zerrissenheit, Sinnkrisen, große Teile ihres Seelenlebens offen.

Womöglich zu offen? Im SPORT1-Interview spricht Deutschlands Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner über Petkovic' besonderes Wesen - und die Hoffnung auf einen großen deutschen Sieg 2016.

SPORT1: Frau Rittner, das Tennisjahr der deutschen Damen hat gut begonnen mit den Finalteilnahmen von Angelique Kerber und Julia Görges. Wie ordnen Sie das ein?

Rittner: Es ist wichtig für alle, dass wir einen positiven Saisonauftakt haben.  Wenn man diese Trainingsphase hat über Weihnachten von vier bis acht Wochen, dann weiß man nicht genau, wo man steht. Für alle ist es dann gut, Spiele zu gewinnen, nicht nur im Hinblick auf die Australian Open. Man merkt auch, dass sich die Arbeit auszahlt und man auf dem richtigen Weg ist, so unterschiedlich er ist: Angelique Kerber hatte wegen des Masters ja nur eine kurze Pause, Julia Görges hat durch einen Trainerwechsel frischen Wind. Es ist auch sehr positiv, dass Anna-Lena Friedsam direkt ein Halbfinale erreicht hat. Und auch dass Andrea Petkovic nach ihrem schwierigen Jahr 2015 drei Matches hatte und ins Viertelfinale kam.

SPORT1: Petkovic hat abseits des Platzes für noch mehr Gesprächsstoff gesorgt, durch ein sehr offenes Interview. Haben Sie es gelesen?

Rittner: Nur Auszüge auf Twitter.

SPORT1: Sie redet viel und offen über Schwächen, Zerrissenheit, Selbstzweifel - was so im Profisport nicht häufig vorkommt.

Rittner: So ist Andrea. Sie ist eine Persönlichkeit, die unheimlich neugierig auf das Leben ist, die sehr, sehr stark reflektiert - andere und sich selber. Sie beschäftigt sich tiefgehend mit Themen, sie will verstehen, hinterfragt alles. Ein Petkovic-Interview ist kein normales Interview, sondern sie gibt da wirklich tiefe Einblicke in ihre Gedanken. Sie hat ja nun auch eine Phase hinter sich, in der sie viel nachgedacht hat.

SPORT1: Was sagen Sie zu dem, was Sie offenbart hat?

Rittner: Ich finde es immer gefährlich, so viel von sich preiszugeben als Person der Öffentlichkeit. Aber das muss jeder für sich selbst wissen.

SPORT1: Andrea Petkovic sagt selbst, das viele Nachdenken, das Überanalysieren ist Teil ihres Problems. Wäre sie eine bessere Tennisspielerin, wenn sie anderer Typ wäre?

Rittner: Nun, auf dem Platz hat man es als Tennisspieler sicher erstmal eher leichter, wenn man sich weniger Gedanken macht. Aber man kann nicht alles haben, jeder ist so wie er ist. Wenn man mit Andrea unterwegs ist, dann wird einem nie langweilig. Man kann mit ihr über alles reden. Wenn wir mal abends essen gehen, reden wir manchmal nur etwa zu zehn Prozent über Tennis. Ich weiß, dass sie sich durch ihre Art manchmal im Weg steht. Aber dann ist es auch wieder so, dass sie durch ihr Reflektieren oft Lösungen findet, die andere so nicht finden.

SPORT1: Petkovic hat gesagt: "Ich spiele Tennis, das bringt im Leben keinen Menschen weiter." Kommt so ein Satz vielleicht falsch an bei ihren Kolleginnen?

Rittner: Ja, das kann passieren. Und dann muss sie sich wieder erklären. Das meine ich ja: Wenn man Dinge sagt, muss man auch viel erläutern, wenn es hinterfragt wird. Das ist das Gefährliche an solchen Aussagen. Unterm Strich muss sie ein Stück dankbar sein, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen konnte. Sie gehörte schon zu den Top Ten der Welt. Nebenbei ist sie eine intelligente, gut aussehende Sportlerin, sie hat Charisma und verdient gut. Da kann man die Dinge auch einfach mal stehen lassen und sagen: "Hey, ich bin dankbar für diese Situation. Das Tennis hat mir verdammt viel Positives gegeben." Es gibt viele junge Frauen, die sich genau diese Situation herbeisehnen.

SPORT1: Sie selbst haben im Herbst gesagt, dass Sie den Eindruck haben, dass Petkovic der Spaß am Tennis zwischenzeitlich verlorengegangen ist. Haben Sie den Eindruck, dass sich das geändert hat, durch ihren neuen Coach Jan de Witt etwa?

Rittner: Ich habe mir ihre Spiele im Internet angeschaut. Zweimal hat sie gut gespielt, beim dritten Duell war die Gegnerin besser und Petko konnte nicht genug dagegen halten. Wichtiger finde ich aber, dass sie sich einen Trainer genommen hat, dem sie vertrauen will, dem sich zuhört, von dem sie sich lenken lassen will.

Jan de Witt (r., mit Schützling Gilles Simon) trainiert nun auch Andrea Petkovic
Jan de Witt (r., mit Schützling Gilles Simon) trainiert nun auch Andrea Petkovic © Getty Images

SPORT1: Was kann der neue Coach, was die anderen nicht konnten?

Rittner: Ich habe vor Weihnachten das erste Mal länger mit ihm gesprochen. Was er vorhat, seine Ansätze, das klingt sehr, sehr vernünftig. Die Zeit wird zeigen, ob das passt. Ich weiß, dass de Witt sehr angesehen ist. Er hatte auf der Herrentour große Erfolge. Wenn er Petko mental stabilisert, dann Respekt. Wenn sie sich über eine längere Zeit auf ihn einlässt, sich helfen lässt und alles passt, kann sie an die guten alten Zeiten anknüpfen und wieder vorne mitspielen. Ohne Druck und mit Spaß. Denn ohne den wird sie nicht erfolgreich sein. Tennis spielen kann sie.

SPORT1: Ein Grand-Slam-Sieg oder eine ähnliche Errungenschaft fehlt Andrea Petkovic - ebenso Kerber, Görges und Sabine Lisicki. Glauben Sie, dass eine dieser vier 2016 endlichen den großen Sieg landen wird?

Rittner: Angie Kerber ist da mit Abstand am nächsten dran. Sie ist seit Jahren auf diesem hohen Niveau die Konstanteste von allen. 2015 gab es aber das Problem, dass fast alle - auch Angie Kerber - ihre besten Leistungen nicht bei den Grand Slams abrufen konnten, als sie es mussten. Das muss das Ziel für 2016 sein. Ob das für den ganz großen Wurf langt, muss man sehen. Da spielen noch viele andere Faktoren rein wie Gegner-Konstellation, zwei Wochen Gesundheit, keine mentalen Schwankungen. Ich würde es jeder von ihnen wünschen, dass sie es schaffen und so unterstreichen können, was für eine tolle Generation sie sind. Besonders großartig wäre natürlich auch ein Sieg im Fed Cup, der ja im Februar mit einer schweren Runde gegen die Schweiz beginnt. Unser erklärtes Ziel ist weiterhin, dass wir den Cup gewinnen. Das muss in den nächsten drei Jahren klappen, wenn wir das mit dieser Generation schaffen wollen.

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