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Dimitrij Ovtcharov gewann als einziger Spieler alle EM-Partien
Dimitrij Ovtcharov gewann als einziger Spieler alle EM-Partien © Getty Images

Die Pleite im EM-Finale gegen Österreich rüttelt am Selbstverständnis der Deutschen. Dimitrij Ovtcharov bemängelt Nerven und Kondition, der Bundestrainer hat Redebedarf.

Timo Boll raufte sich beim "Cordoba des deutschen Tischtennis" vor dem heimischen Fernseher die Haare, den "Golden Girls" verging praktisch die Sektlaune, und für Dimitrij Ovtcharov fühlte sich Silber wie Blech an:

Die zweite Bauchlandung der deutschen Herren in einem EM-Finale nacheinander durch das 2:3 in Jekaterinburg gegen den Erzrivalen Österreich rüttelt am Selbstverständnis der WM-Zweiten als Nummer eins auf dem Kontinent.

"Bittere Kiste", nannte der verletzt in Deutschland gebliebene EM-Rekordsieger Boll die verpasste Chance seiner Kollegen auf den siebten Titel seit 2007.

Verletzter Boll brüllt vor dem TV

Auf seiner Facebook-Seite schrieb Boll weiter: "Das Gebrüll vor dem TV half anscheinend nicht. Es wird Zeit, schnell wieder fit zu werden."

Auf den Ausfall des Weltranglistensiebten (Knieoperation) allein ist die ernüchternde Niederlage aber nicht zurückzuführen. Schließlich hatte die Mannschaft von Bundestrainer Jörg Roßkopf sich auch mit Boll und dem allerdings angeschlagenen Spitzenmann Ovtcharov schon bei der EM 2014 in Portugal im Endspiel den Gastgebern beugen müssen.

"Wir müssen uns von dem ohnehin viel zu plakativen Begriff der Chinesen Europas lösen. Wir sind angreifbar geworden", konstatierte Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB).

Eine Zäsur sieht der Ex-Profi gleichwohl noch nicht gekommen: "Dima und Timo sind zwei Ausnahmespieler, und mit beiden spielt es sich leichter als nur mit einem von ihnen, und Österreich hat uns mit drei Spielern angegriffen. Aber wenn alle fit, sind wir auch weiter die Besten in Europa."

"Wir wollten mehr gewinnen als die Deutschen"

Dennoch machte Ovtcharov, der das DTTB-Team ab Position drei "in so einem kleinen Umbruch" sieht, kein Hehl aus seiner Enttäuschung. "Uns haben Nerven und Kondition gefehlt", monierte der Weltranglistenfünfte, der als einziger Spieler im gesamten EM-Verlauf ungeschlagen blieb.

Das womöglich entscheidende Manko verdeutliche Österreichs Matchwinner Stefan Fegerl nach seinem Siegpunkt gegen den zaudernden ehemaligen Vizeeuropameister Patrick Baum: "Wir wollten mehr gewinnen als die Deutschen."

Der Umgang mit unerwarteten Widerständen ist - gerade für nachrückende Spieler wie den in Russland nur mäßigen WM-Fünften Patrick Franziska - sicher ein Ansatzpunkt für Roßkopf auf dem Weg zum Olympia-Turnier 2016 in Rio.

Österreich wird zum Angstgegner

Offenkundig jedenfalls sind Duelle mit formal schwächeren Teams ein Problem geworden: Außer in den beiden EM-Finals verloren die entzauberten Seriensieger binnen Jahresfrist auch das Weltcup-Viertelfinale in Dubai und das "kleine" Finale der Europaspiele in Baku - beide Male ebenfalls gegen Österreich.

"Unseren Nimbus der Unbesiegbarkeit haben wir verloren", bestätigte Roßkopf in Russland seine schon vor EM-Beginn getroffene Einschätzung: "Es bleibt aber noch Zeit für Gespräche."

Prause wertete den Rückschlag als "Auftrag, weiter hart zu arbeiten und an Schrauben zu drehen, damit wir bald wieder gefragt werden können, ob wir unschlagbar sind".

DTTB-Frauen stoßen nur mit Wasser an

Solchen Fragen müssen sich die DTTB-Damen nach ihrem souveränen Titelhattrick und ihrem vorherigen Triumph bei den Europaspielen in Baku auf europäischer Ebene durchaus schon stellen.

Auf eine gebührende Feier indes verzichteten Petrissa Solja und ihre Kolleginen mit Rücksicht auf die geknickten Herren, stattdessen stieß man beim gemeinsamen Abendessen nur mit Wasser an. "Die Stimmung", berichtete Bundestrainerin Jie Schöpp, `war schon etwas gedrückt nach dem Herren-Finale. Wir Frauen sind ja sehr sensibel, deshalb haben wir uns auch etwas zurückgehalten."

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