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München - Ein undurchsichtiges Berater-Umfeld, eine verflochtene Transfer-Geschichte. Im Fall Dembele pokern nicht nur Borussia Dortmund und der FC Barcelona.

Ousmane Dembele konnte nicht anders, bei dieser Verlockung.

"Mir war vom ersten Moment an klar, dass ich dort hin muss und es keinen anderen Verein geben kann", erzählte das Top-Talent der Sport Bild. Und zog die logische Konsequenz: Er unterschrieb bei Borussia Dortmund.

Er habe "viele Angebote" gehabt: "Aber ich habe von Anfang an klar gemacht, dass ich nur nach Dortmund will." Er konnte nicht abwarten, bis er "vor dieser tollen Kulisse spielen und jubeln darf".

Es war Mitte Mai 2016. Lang ist's her.

Wer schrieb das Drehbuch?

Ein europaweit begehrtes Mega-Talent, das Hals über Kopf der echten Liebe verfällt und ihr dann ewig (oder zumindest einige Jahre) treu bleibt: Man ahnte, dass diese romantische Geschichte zu schön war, um wahr zu sein. Gewiss auch in der Chefetage des BVB.

Das Tempo, mit der sich nun eine schnelle und schmutzige Trennung anbahnt, ist nun aber auch wieder bemerkenswert.

Trainingsstreik, Suspendierung, Geldstrafe, ein mit harten Bandagen geführtes Ablöse-Geschacher mit dem FC Barcelona: Aus der romantischen Geschichte ist ein Scheidungsdrama geworden.

Bleibt die Frage: Wer schrieb das Drehbuch?

Dembele und sein undurchsichtiges Umfeld

Fest steht: Die junge Karriere des 20 Jahre alten Flügelstürmers ist schon recht prall gefüllt mit fragwürdigen Geschichten.

Nach dem BVB-Deal erregte die undurchsichtige Berater-Struktur des Jungstars aus der normannischen 50.000-Einwohnerstadt Evreux Aufsehen. Diverse Dortmunder Konkurrenten hätten mit falschen Agenten verhandelt, hieß es.

Außerdem läuft eine Klage gegen Dembeles aktuellen Berater Moussa Sissoko (nicht mit dem gleichnamigen Fußballspieler zu verwechseln). Badou Sambague, der Dembele in seiner Nachbarschaft entdeckte und später sein Anwalt wurde, und sein Ex-Agent Martial Kodija werfen Sissoko "illegale Berufsausübung" vor.

Sie wurden von Dembele ausgebootet, fühlen sich um Millionen geprellt.

BVB profitierte von Chaos - und Connections

Auslöser für Dembeles Beraterwechsel war ein geplatzter Wechsel von Stade Rennes zu Red Bull Salzburg im Jahr 2015 - das frustrierte Talent schickte damals eine SMS an Rennes' Sportchef Mickael Silvestre: "Ich gehe nach Senegal, ich bin mit dem Fußball fertig, ihr kotzt mich an."

Dortmund war im vergangenen Jahr Profiteur des Chaos um Dembele, schloss einen - wegen einer umstrittenen Ausstiegsklausel recht günstigen - 15-Millionen-Deal mit Rennes ab.

Neben dieser Summe (und Dembeles stürmischer Liebe) scheint es damals auch einen anderen Türöffner gegeben zu haben: Rennes' umtriebiger Besitzer Francois-Henri Pinault - Milliardärssohn, Manager und Ehemann von Hollywood-Star Salma Hayek - war dem BVB geschäftlich wohlgesonnen. Er hatte bis vor kurzem auch das Sagen bei BVB-Sponsor Puma.

70th Anniversary Red Carpet Arrivals - The 70th Annual Cannes Film Festival
Francois-Henri Pinault und Salma Hayek bei den Filmfestspielen von Cannes 2017 © Getty Images

Pinault habe "allen anderen Interessenten außer Dortmund die Tür verriegelt", sagte Dembeles Ex-Anwalt Sambague im Januar dem Guardian.

Dass der BVB Dembele nun teuer weiterverkauft, wird Pinaults Klub sehr recht sein: Medienberichten zufolge gingen bei einem Transfererlös von 120 Millionen Euro 30 Millionen an Rennes.

Hat Barca Dembele angestiftet?

Und Barcelona? Die Katalanen sollen schon länger mit Dembele einig sein, nur der Zeitpunkt des Wechsels galt noch als fraglich.

Dass der Klub nach dem spektakulären 222-Millionen-Euro-Abgang von Neymar Richtung PSG nun alle Hebel in Bewegung setzen würde: keine Überraschung.

Auch zweifelhafte Hebel? Die Süddeutsche Zeitung berichtet unter Berufung auf Barca-Kreise, dass der Klub sich im Gezerre eine "Geste" von Dembele erhofft habe.

Der Bericht bezweifelt zwar, dass er den 20-Jährigen zur Meuterei angestiftet hat, andere Szene-Beobachter halten es dagegen für recht wahrscheinlich.

In der Vergangenheit ist Barca im Kampf um die besten Fußballer der Welt jedenfalls auch nicht mit Skrupeln aufgefallen: Man denke an die verschleierten Geldströme im Neymar-Transfer, über die 2014 Sandro Rosell stolperte, Josep Bartomeus Vorgänger im Präsidentenamt.

Und dazu, dass Barcas anderes großes Transferziel Philippe Coutinho gerade auch in einen öffentlichen Scheidungskrieg mit dem FC Liverpool tritt, kann man sich auch seinen Teil denken.

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Am Ende gewinnen (fast) alle

Man sieht: Im Fall Dembele sind viele Interessen im Spiel. Und so unappetitlich die Transfer-Saga anmuten mag: Alle Interessen dürften letztlich bedient werden.

Dembele und seine Berater: bekommen den anvisierten Karriere-Sprung und viel Geld. Barcelona: bekommt seinen Neymar-Ersatz. Ex-Klub Rennes: auch noch mal ein hübsches Sümmchen.

Und selbst der BVB als vermeintliches Opfer: Verliert zwar an sportlicher Klasse, wird dafür aber unverhofft reich entschädigt. Und so wie Dembele sich gerade verhält, wird ihm auch kein BVB-Fan groß nachtrauern.

Am Ende sind sie irgendwie also doch alle Gewinner. Sieht man von all jenen ab, die im Fußball noch an romantische Geschichten glauben wollen. 

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