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Das College-System in den USA steht vor massiven Problemen
Das College-System in den USA steht vor massiven Problemen © SPORT1-Grafik: Paul Hänel/Getty Images

München - Im College-Sport geht es um Milliarden. Der Basketball-Skandal hat eine ungeahnte Dimension. Selbst Bildungssystem und Olympische Dominanz der USA könnten leiden.

Viele Länder und Sportverbände beneiden die USA um ihr College-System.

Herausragende Infrastruktur, die besten Coaches der Welt und eine optimale Abstimmung zwischen akademischen Anforderungen und dem Sport bringen Weltklasseathleten am Fließband hervor, die mit einem Uni-Abschluss auch für ihr späteres Leben eine Perspektive haben.

Das ist zumindest die Theorie hinter dem allmächtigen Konstrukt NCAA. Der College-Sportverband zeichnet gerne sein Idealbild des "Student-Athletes", der in erster Linie Amateur und Student ist.

Die Realität sieht anders aus. Das System ist verseucht. Das zeigt nicht zuletzt der vom FBI aufgedeckte massive Bestechungsskandal im College Basketball.

Aktueller Skandal in neuer Dimension

Natürlich gab es immer wieder Skandale um die illegale Anwerbung der größten Talente, die mit Geld, Autos oder Jobs für die Eltern zu einer bestimmten Universität gelockt wurden.

Dieses Phänomen existiert seit die Colleges mit Football und Basketball jährlich Millionen von Dollars über Tickets, TV-Verträge und Merchandising verdienen.

Der aktuelle Fall könnte im schlimmsten Fall jedoch zum Kollaps des gesamten Systems führen, da die Verstrickung eines Weltkonzerns wie Adidas, Beratern, Coaches und Finanzfirmen eine in dem Maße völlig neue Dimension erreicht.

"Dieses Modell kann auf Dauer so nicht weiter existieren. Die Summen geraten außer Kontrolle. In meinem letzten Jahr College-Jahr brachte allein mein Trikot der Uni 2,5 Millionen Dollar ein", sagt der frühere College-Star Jay Williams.

TV-Rechte Milliarden Dollar schwer

In der Tat geht es im College-Sport mittlerweile um gigantische Summen. Michigans Football-Cheftrainer Jim Harbaugh verdiente 2016 neun Millionen Dollar und hat einen Privatjet für die Rekrutierung.

In der NFL bei den San Francisco 49ers lag sein Jahresgehalt bei fünf Millionen, zum Saisonstart 2017 im mit über 100.000 Zuschauern ausverkauften "Big House" war Michael Jordan dabei. Seine Marke rüstet Michigans Sportteams aus.

Adidas und Nike unterhalten im Sommer eigene Basketball-Circuits (AAU), Coaches von Adidas-Unis versuchen schon gar nicht mehr, bei den Nike-Teams zu rekrutieren und umgekehrt, weil die Spieler schon längst bei der jeweiligen Marke im Wort stehen.

ESPN zahlt allein für die Übertragungsrechte der Playoffs im College Football  bis 2024 unfassbare 7,3 Milliarden Dollar. Die Big Ten Conference mit Michigan kassiert pro Jahr 440 Millionen - nur für die Football-Rechte.

(College Basketball und Football LIVE im TV auf SPORT1 US und im LIVESTREAM)

Schwere Vorwürfe gegen College-Verband

All diese Summen werden unter dem Dach der NCAA und auf dem Rücken der Spieler verdient, die lediglich ihr Stipendium bezahlt bekommen. Ein "normaler" Student muss abhängig von der Universität pro Jahr in etwa zwischen 20.000 und 60.000 Dollar für seine Hochschulausbildung veranschlagen.

Dieses Missverhältnis erhöht zum einen den Druck auf die Trainer und Verantwortlichen der Sportbereiche, erfolgreich zu sein und die besten Spieler mit allen Mitteln zu bekommen.

Zum anderen sinkt bei Sportlern und Familien die Hemmschwelle, Bestechungsgelder anzunehmen. Im aktuellen Fall haben Teenager für ihr Ja zu einer Adidas-Universität - vermutlich Louisville - 100.000 oder gar 150.000 Dollar erhalten.

Die NCAA habe von all dem nichts mitbekommen. "Entweder sie sind inkompetent oder wollten es nicht sehen. So oder so, es zeigt eindeutig, dass die NCAA ungeeignet ist, College-Sport zu kontrollieren", sagt Dave Ridpath, Präsident eines ethischen Netzwerks für College-Sport (Drake Group).

US-BASKET-CRIME
Bezirksstaatsanwalt Joon H. Kim erklärt auf einer Pressekonferenz anhand eines Schaubildes den Skandal im College Basketball © Getty Images

Unis brauchen das Geld

Das Dilemma der NCAA ist klar. Die Institution und die Universitäten haben wenig Interesse an grundlegenden Reformen. Denn es wird unglaublich viel Geld verdient.

Damit werden nicht nur die Mitarbeiter teils fürstlich entlohnt, die sportliche Infrastruktur stetig verbessert oder Randsportarten gefördert - vor allem Olympische Disziplinen wie Leichtathletik oder Schwimmen profitieren vom Finanzzuschuss aus Football und Basketball.

Es profitieren auch die akademischen Einrichtungen und Professuren massiv.

Verheerende Folgen?

Trotzdem werden bei Verstößen meist lediglich Siege aberkannt oder vor allem die Athleten bestraft. Dieser Skandal und eventuell folgende Zivilklagen könnten verheerende Folgen für NCAA und Unis haben - ähnlich wie das Bosman-Urteil im Fußball.

Falls nämlich der Amateurstatus fallen würde, werden die Sportler nicht nur De-Facto-Profis, plötzlich stünden die Institutionen auch mit viel weniger Geld da, weil sie für ihre jungen Sportler zahlen müssten.

Das Ende der olympischen Dominanz der USA wäre angesichts von vielen ohnehin finanziell gebeutelten Universitäten wohl noch das kleinste Übel. Das gesamte US-Bildungssystem könnte immense Probleme bekommen.

Stimmen nach einer semi-professionellen Lösung gibt es schon lange. Die Aufarbeitung dieser weitläufigen Bestechungsaffäre stellt den College-Sport vor gigantische Herausforderungen.

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