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SPORT1-Experte Florian Berrenberg ist über die Reaktion der National Football League nach den letzten Prügelskandalen entsetzt.

Hallo Football-Freunde,

24 Zwischenfälle mit häuslicher Gewalt gab es während der Ära Goodell. Gehört hat man darüber wenig. Statistisch sind Football-Profis überdurchschnittlich oft an Verbrechen mit häuslicher Gewalt beteiligt. Auch davon hört man wenig.

Ray Rice zerrte seine bewusstlose Freundin aus dem Aufzug. Das Video gab Aufschluss und sorgte für einen handfesten Skandal in der härtesten Liga der Welt. Rice streckte seine Begleiterin in bester Boxermanier nieder.

Ein befreundeter Coach hat am Wochenende zu mir gesagt: "So wie der zugeschlagen hat, machte der das nicht zum ersten Mal."

Der eigentlich Skandal war aber nicht, dass Rice die Frau geschlagen hat (das ist ein Straftatbestand). Viel skandalöser war das geringe Strafmaß der NFL für dieses frauenverachtende Verbrechen. Zwei Spiele Sperre. Wer in der NFL zum falschen Zeitpunkt einen Joint raucht, wird doppelt so lange gesperrt.

Als die NFL nach öffentlichem Aufschrei "nachbesserte" kam heraus, dass die Liga bereits im April das Video aus dem Aufzug in Besitz hatte und dieses so als Begründung für das neue Strafmaß nicht mehr taugte.

Die NFL, vertreten durch Commissioner Roger Goodell, hatte in voller Kenntnis dieses Gewaltverbrechens eine Minimalstrafe gegen einen ihrer Stars verhängt. Das öffentliche Echo gegen den NFL-Boss und die Liga fiel demenstprechend heftig aus.

Goodell habe nicht gehandelt, um Frauen in Zukunft besser zu schützen, sondern allein, um den Imageschaden zu begrenzen - der letzten Endes für eine Liga wie die NFL einen großen Einfluss auf die milliardenschwere Jahresbilanz hat. Wie viel Zynismus steckt in einer solchen Interpretation? 45 Prozent der NFL-Fans sind Frauen. Um sie nicht zu vergraulen, sollte Rice immerhin ein bisschen bestraft werden.

Nicht so viel, dass sein Wert als sonntägliche Attraktion verloren geht, aber so hart, dass es der NFL als Feigenblatt dienen konnte. Die Kalkulation ist nicht aufgegangen. Fans und Medien sind empört, erste persönliche Sponsorenverträge sind aufgelöst, Teamsponsoren werden vorsichtig.

Am Wochenende berichtete "ESPN" von Head Coach John Harbaughs Versuch, Ray Rice sofort zu entlassen, als das erste Video seines Verbrechens publik wurde. Doch Harbaughs Vorgesetzte, allen voran Besitzer Steve Biscotti lehnten Harbaughs Gesuche mehrfach ab - und versuchten zusammen mit Goodells Büro möglichst viele Spuren zu verwischen. Zu wertvoll (im finanziellen Sinn) war Rice für das Team und damit für die Liga.

Am Freitag rückte Arizonas Jonathan Dwyer ins Rampenlicht dieser Horror Show. Er wollte Sex, sie nicht - also schlug er zu.

Das Bild, das mir sofort in den Kopf schoss, war das eines Getränkeautomaten, der das gewünschte Getränk nicht auswarf und der dafür mit einem Fußtritt bestraft wird.

Die eigene Freundin als sexuelle Dienstleisterin, die, wenn sie nicht funktioniert, die körperliche Züchtigung in Kauf nehmen muss? Was für ein Frauenbild steht im Zentrum solchen Handelns? Und was für ein Verhältnis zu körperlicher Gewalt?

Nicht, dass dies ausschließlich in der NFL ein Thema wäre, aber in der NFL ist körperliche Gewalt so etwas wie der Modus Operandi auf dem Spielfeld. Können viele Footballspieler nicht unterscheiden zwischen legitimierter Gewalt zwischen Anpfiff und Abpfiff auf der einen, und einem Gewaltverbrechen im eigenen Heim auf der anderen Seite?

Der US Senat hat sich jetzt in diese Debatte eingeschaltet. Es steht zur Diskussion, ob eben jener Modus Operandi mit dafür verantwortlich ist, dass Menschen im Umfeld von Football-Profis besonders gefährdet sind, selbst Gewalt zu erleiden.

Wenn diese Diskussion an Fahrt gewinnt, könnte dies der Anfang vom Ende für die NFL sein. Stars wie Rice, Dwyer, Carolinas Greg Hardy und Minesotas Superstar Adrian Peterson sorgen im Wochenrhythmus dafür, dass dieses Thema im Fokus der Öffentlichkeit bleibt. Abgetaucht dagegen ist Roger Goodell.

Jetzt, wo die Liga sichere Führung und vor allem einen radikalen Kurswechsel braucht, geht der Kapitän unter Deck.

Wenn er nicht aufpasst, geht er mit seinem Schiff unter.

Florian Berrenberg ist ein anerkannter Football-Experte und kommentiert seit 2011 regelmäßig Spiele aus der besten Liga der Welt für SPORT1 US. Darüber hinaus verfügt er über jahrzehntelange Erfahrung als Spieler und Trainer. In der German Football League (GFL) arbeitete er zwischen 1991 und 2008 als Assistenz- oder Cheftrainer in München, Hamburg und Rothenburg o.d. Tauber. In der NFL Europe betreute er bei der Frankfurt Galaxy die Defensive Backs. Neben erfolgreicher Tätigkeit im Nachwuchsbereich, stand er zwischen 1993 und 2005 der deutschen Nationalmannschaft als Defense-Trainer zur Verfügung. Bei SPORT1.de analysiert Berrenberg in seiner Kolumne das NFL-Geschehen auf und abseits des Platzes.

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