München und Denver - Die Playoff-Pleite gegen Nachfolger Andrew Luck schockiert nicht nur Peyton Manning selbst. Die Broncos drohen zu zerbrechen.

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"Es ist nicht wahr, dass die Jahre weise machen - sie machen alt", sagt der alternde Revolverheld im Western "Mein Name ist Nobody".

Wer Peyton Manning in seinem vielleicht letzten NFL-Spiel gesehen hat, dürfte zustimmen. Das 13:24 der Denver Broncos in den Divisional Playoffs gegen die Indianapolis Colts machte eine Sache überdeutlich: die Zeit hat den Star-Quarterback eingeholt.

Der in den Playoffs ohnehin nicht immer auf seinem Topniveau agierende 38-Jährige wirkte selbst geschockt von seinem miserablen Auftritt. "Ich bin enttäuscht, ich muss das verarbeiten", stammelte Manning zweimal vor sich hin (Beide Spiele der Conference Championships Sonntag ab 21 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 US und im LIVESTREAM).

Manning kommt ins Grübeln

Konkret äußerte sich sich der fünfmalige MVP zu seinen Zukunftsplänen erwartungsgemäß nicht. Er hat zwar noch zwei Jahre Vertrag, aber diese Leistung wird ihn ins Grübeln bringen.

Charakterlich ist es Manning zuzutrauen, dass er die Reißleine zieht, falls er seinen hohen Ansprüchen an sich selbst nicht mehr gerecht werden kann.

"Ich kann darauf keine einfache Antwort geben. Ich werde mir Gedanken machen und dann setzen wir uns zusammen", sagte die geschlagene Legende.

Brutale Zahlen gegen die Colts

An Weihnachten hatte das noch ganz anders geklungen: "Ich plane auf jeden Fall, im nächsten Jahr zu spielen - falls die Broncos mich wollen."

Vor allem die Art und Weise seiner 13. Playoff-Niederlage (NFL-Rekord) lässt daran gewaltig zweifeln. 20 Fehlpässe, nur 211 Passyards, 13 Punkte des Teams - in 13 Playoff-Teilnahmen lieferte Manning nur eine Handvoll ähnlich desaströser Spiele.

"Wir haben Peyton Manning die ganze Last des Spiels aufgeladen. Als er die Jungs alle überworfen hat, wussten wir, jetzt haben wir ihn", meinte Colts-Verteidiger Ricky-Jean Francois.

Die alte Präzision fehlt

Tatsächlich setzte Manning den beunruhigenden Trend aus der zweiten Saisonhälfte fort. Seine gewohnte chirurgische Präzision ist nicht mehr da.

Speziell bei längeren Würfen hat er gewaltige Probleme. Gegen die Colts brachte er nur zwei seiner zwölf Pässe länger als 15 Yards an den Mann - bei Würfen über fünf Yards waren es auch nur sechs von 21.

In den letzten sechs Spielen der regulären Saison kam Manning insgesamt nur einmal über 300 Yards - eine Marke, die er sonst spielerisch übertrift (2013: 13 Mal).

Verletzungen und Seahawks-Taktik

Die Gründe? Zum einen plagt sich der Spielmacher immer öfter mit verschiedenen Blessuren herum - aktuell zwickt es am Oberschenkel. Vor allem die Kraft in den Beinen fehlt bei den Pässen in Richtung Auslinie.

Zu diesen extrem schwierigen Würfen in Richtung von Demaryius Thomas oder Emmanuel Sanders wird Manning aber immer häufiger gezwungen. Seit ihm die Seattle Seahawks genau mit dieser Taktik im Super Bowl den Zahn zogen, machen die Gegner die Mitte des Feldes dicht.

"Ich bin nicht schlau genug, um für Alles Gründe zu finden. Es hat einfach die Konstanz gefehlt. Auch heute war ich nicht gut genug. Ich bin ehrlich zu mir selbst und werde meine Schlüsse ziehen", sagte Manning und klang schon ein wenig nach Abschied.

Zerfallen die Broncos?

Es wäre ein unwürdiges Ende eine einmaligen Karriere mit mehr als 60 NFL-Rekorden - darunter jenen für die meisten Touchdown-Pässe (530), den er in dieser Saison Brett Favre abknöpfte.

Zum neunten Mal verlor er schon sein erstes Playoff-Spiel - keinem anderen Quarterback passierte das auch nur fünfmal. Die Zeit bleibt eben nicht stehen, ob Manning noch einmal eine solche Chance auf seinen zweiten Super Bowl erhält, ist äußerst fraglich.

Das Fenster der Broncos könnte sich schließen. Der teure Kader der vergangenen drei Jahre (zwei Playoff-Siege) kann in derzeitiger Zusammensetzung kaum gehalten werden.

Mannings Top-Anlaufstellen Demaryius Thomas und Tight End Julius Thomas sind Free Agents. Ein Tweet des Top-Receivers klang deutlich nach Abschied.

Luck ist die Zukunft

Außerdem wackelt Head Coach John Fox - schließlich hatte auch er im Frühjahr von "Super Bowl oder nichts" gesprochen.

Noch krasser machte den Eindruck des Auslaufmodells Manning der Blick auf die andere Seite des Feldes, denn im Team des deutschen Linebackers Björn Werner war ein Blick auf die Zukunft der NFL zu erhaschen: Andrew Luck.

Mannings legitimer Nachfolger in Indianapolis zeigte trotz zweier Interceptions sein gigantisches Potenzial und nimmt es nun im Endspiel der AFC mit Mannings altem Rivalen Tom Brady um den Einzug in den Super Bowl XLIX.

"Es war damals die richtige Entscheidung, das hat Andrew heute eindrucksvoll bewiesen", schwärmte Teameigentümer Jim Irsay.

Besseres Ende verdient

Luck ist kein Manning. Das wird auch nie jemand werden, aber die Ära des zukünftigen Hall of Famers neigt sich unwiderruflich dem Ende entgegen. Die Kronprinzen werden zu gut und zu zahlreich.

Einzig der Gedanke, so nicht in den Sonnenuntergang reiten zu wollen, könnte dem alten Haudegen einen Motivationskick geben, es den Kritikern noch ein letztes Mal zu zeigen.

Verdient hätte Manning ein würdigeres Ende in jedem Fall.

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