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Der Anstoß der Diskussion: Colin Kaepernick kniet bei der US-Nationalhymne
Der Anstoß der Diskussion: Colin Kaepernick kniet bei der US-Nationalhymne © Getty Images

München - Der Hymnen-Protest von Colin Kaepernick und Co. spaltet die USA - gerade vor dem Jahrestag des 11. September. 9/11 ist für die verzwickte Debatte aber auch eine Chance.

Es ist ein hochemotionales Thema, das die USA nun schon seit Wochen beschäftigt.

Der von NFL-Quarterback Colin Kaepernick angestoßene und inzwischen von zahlreichen Spitzensportlern aufgenommene sitzende und kniende Protest beim Erklingen der Nationalhymne spaltet ein Land, in dem Symbole wie die Flagge und die nach ihr benannte Nationalhymne mehr als anderswo für Werte wie Unabhängigkeit und Freiheit stehen.

Colin Kaepernick kniet bei der Nationalhymne
Colin Kaepernick (M.) kniete zuletzt während der Hymne zwischen seinen Teamkollegen © dpa Picture-Alliance

9/11 jährt sich zum 15. Mal

Umso mehr, da sich am Sonntag zum 15. Mal der Tag jährt, an dem jene Werte so schwer wie nie zuvor und nie mehr seither erschüttert wurden. Als vier Flugzeuge entführt und anschließend unter anderem ins World Trade Center und das Pentagon gelenkt wurden - und insgesamt rund 3000 Menschen dabei ums Leben kamen.

Wie schnell die Emotionen derzeit hochkochen, zeigte sich schon einmal am Mittwoch.

Rapinoe sorgt für Ärger - und ist verärgert

Das Fußballteam der Washington Spirit zog die Nationalhymne vor einem Spiel kurzerhand nach vorne, um Megan Rapinoe von Seattle Reign an ihrem öffentlichen Protest zu hindern - und daran, "diese Tradition, die Millionen von Amerikanern so viel bedeutet, zu missbrauchen", wie es in einem Statement des Klubs frei übersetzt hieß.

Megan Rapinoe wurde 2012 Olympiasiegerin
Megan Rapinoe (M.) kniete aus Protest während der Nationalhymne nieder © twitter.com/gbpackfan32

Ob beabsichtigt oder nicht: Die Spirit benutzten in dem Zusammenhang das Wort "hijack", das im Englischen - gerade im Kontext des Kaperns von Flugzeugen - auch "entführen" bedeutet.

"Es war unglaublich geschmacklos, vier Tage vor dem Jahrestag einer der größten Tragödien unseres Landes zu sagen, dass ich versucht hätte, das Event zu 'hijacken'", echauffierte sich daraufhin Rapinoe laut Washington Post.

Obama und Trump beziehen Stellung

Was ihr, Kaepernick und anderen Sportlern wie Jeremy Lane von den Seattle Seahawks in jedem Fall gelungen ist: Das Thema der sozialen Ungerechtigkeit und der Benachteiligung von Dunkelhäutigen in den USA ist mehr denn je auf der öffentlichen Agenda.

Präsident Barack Obama hat Kaepernick öffentlich den Rücken gestärkt, Präsidentschaftskandidat Donald Trump wollte den Quarterback der San Francisco 49ers direkt des Landes verweisen.

Kritisch gesehen lässt sich aber auch sagen: Mit ihrem Protest gegen Hymne und Flagge haben sie ihrem Anliegen womöglich keinen Gefallen getan, weil viele Kritiker sich so sehr über die ihrer Meinung nach unangebrachte Geste echauffieren, dass der Hintergrund der Aktion in Vergessenheit gerät.

Erster NFL-Sonntag am 11. September

Was freilich auch daran liegt, dass ein Teil der Bevölkerung sich mit den Hintergründen gar nicht auseinandersetzen will.

Und so geht das Land gespalten in das Wochenende des vorläufigen emotionalen Höhepunkts der Debatte: Am Sonntag, dem 11. September, stehen gleich 13 Partien des ersten NFL-Spieltags auf dem Programm.

Es ist zu erwarten, dass dann wieder einige Profis die Hymne sitzend oder kniend verfolgen werden - so wie es beim Auftaktspiel zwischen Super-Bowl-Champion Denver Broncos und den Carolina Panthers am Donnerstagabend schon Denvers Brandon Marshall tat.

"Ich bin nicht gegen das Militär, die Polizei oder Amerika. Ich bin gegen soziale Ungerechtigkeit", stellte der einstige College-Mitspieler von Kaepernick anschließend klar und erklärte: "Je mehr Leute es tun, desto mehr wird es gesehen." Zwar werde es "Hassnachrichten und -kommentare" geben, "aber gleichzeitig werden die Leute darüber sprechen".

Seahawks wollen "Zeichen für Vereinigung" setzen

Noch mehr vielleicht, wenn am Sonntag das Gedenken an 9/11 und die Debatte über soziale Gerechtigkeit unmittelbar aufeinandertreffen. Die Seattle Seahawks haben für ihr Spiel gegen die Miami Dolphins bereits angekündigt, "ein starkes Zeichen für Vereinigung" setzen zu wollen.

Darüber zu sprechen kann jedoch nur der erste Schritt sein, miteinander zu sprechen muss das Ziel sein - gerade mit Blick auf die Geschichte des 11. September.

"Kurz nach 9/11 schien unser Land vereinter als ich es jemals erlebt habe und stand so eng zusammen, wie ich es seit meiner Geburt nie erlebt habe", erklärt der ehemalige Seahawk und Ex-Soldat Nate Boyer das Anliegen des Teams - und fügt hinzu: "Diesen Sonntag zusammenzustehen, ist der Schlüssel, um einen Fortschritt zu erreichen."

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